Keine Frage des Gleichgewichts

Finanzkrise Unter der Lupe eines Insiders entpuppt sich die herrschende ökonomische Lehre als Simplifizierung des Wirtschaftsgeschehens

Bis vor kurzem lebten wir in der besten aller Wirtschaftswelten. Angebot und Nachfrage pendelten zum Gleichgewicht, dafür sorgte die unsichtbare Hand des freien Marktes. Störende Einmischungen des Staates wurden zurückgedrängt, öffentliche Aufgaben möglichst privatisiert. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die nichtprivaten Restbestände - Bahn, Sparkassen, Altersvorsorge, warum nicht auch Gefängnisse - dem freien Spiel der Wirtschaftskräfte anheim fallen würden. Ging´s uns nicht gut? Und wem sein privater Wohlstand nicht reichte, dem wurde ein Fernsehblick in die Dritte Welt empfohlen. Dann kam der Kladderadatsch.

Auf einmal entpuppt sich die herrschende Wirtschaftslehre, die Neoklassik, als Schönwettertheorie. Mit atemberaubender Geschwindigkeit schalten die vormals heftigsten Verfechter des Marktliberalismus um und predigen das Gegenteil. Die FAZ sieht inzwischen den Kapitalismus fast am Ende. Deutsche-Bank-Chef Ackermann stammelte im ersten Schock, der Markt könne nicht alles regeln, und rief nach Staatsknete; wenig später fand er allerdings, er würde sich schämen, von der öffentlichen Hand Geld zu nehmen - so sehr verwirrte ihn der radikale Wandel.

Der Staat verhält sich in dieser Krise wie der Weihnachtsmann, wenn die Kinder der Bescherung entgegenfiebern. Er stopft in die ans Kaminsims gehängten Socken, was nur hineingeht - denn endlich wollen die Banken Geld von ihm, statt ihn wie einen lästigen Bittsteller zu behandeln. Dabei ist es eigentlich ziemlicher Unsinn, den Geldhäusern noch mehr Geld hineinzustopfen. Statt die Wirtschaft anzukurbeln, verbrennen die Banken lieber auch noch das Geld des Staates in der Hoffnung auf bessere Zeiten.

Jedenfalls ist anstelle der Neoklassik von einem Tag auf den anderen der Keynesianismus zur herrschenden Lehre geworden. Wenn der Markt versagt, möge gefälligst der Staat Investitionen und Nachfrage ankurbeln; das heißt, letztlich soll der Konsument als Steuerzahler für die eigene Nachfrage aufkommen.

Das alles ist sehr verwirrend. Lässt sich überhaupt verstehen, was da vorgeht? Sogar Marxens Kapital soll ja wieder ein Renner sein. Der Nachteil ist nur, dass Marxisten und Mainstream-Ökonomen völlig verschiedene Sprachen sprechen. Ach, wenn es nur jemanden gäbe, der uns in verständlichen Worten erklären könnte, warum die Neoklassik in der Krise so kläglich versagt!

Alexander B. Voegele ist ein in der Privatwirtschaft tätiger Wirtschaftstheoretiker, der als Insider weiß, wovon er spricht, wenn er die Mängel der herrschenden Lehre vorführt. Er hat das in seinem kleinen Buch über Das Elend der Ökonomie wohlgemerkt getan, bevor die aktuelle Weltwirtschaftskrise ausbrach. Das erhöht die Überzeugungskraft seiner Kritik ungemein.

Zur Zeit der Abfassung seiner Schrift war Voegele sogar noch mit dem Gegenteil des jetzigen Problems konfrontiert: Während die gegenwärtige Krise als Kreditklemme begann, herrschte zuvor eine Liquiditätsschwemme; statt zuwenig Geld wie heute war noch vor einem Jahr unbändig viel wildes, risikogeiles Geld auf dem Markt. Doch das ist, was die Erklärungskraft der Neoklassik angeht, Jacke wie Hose, denn die herrschende Lehre hat, wie Voegele betont, gar keine Geldtheorie. Sie weiß nicht, wie Produkt und Preis zusammenhängen, sie interessiert sich keinen Deut dafür, wie Arbeitsaufwand, technischer Wandel und Erfindergeist in den Marktpreis eingehen. Sie vertraut darauf, dass der Markt wie ein allwissender Gott oder Supercomputer alles zum Besten regelt. Notfalls behilft sie sich mangels einer Geldtheorie mit dem Monetarismus, das heißt mit der simplen Parole des knappen Geldes: Man halte stets die Zinsen hoch, damit nicht zuviel Geld unterwegs sei und sich durch Inflation entwerte.

Dieses Gebot versagte offensichtlich in der langen Phase der letzten Hochkonjunktur, als riesige Geldmengen hin und her schwappten und sich in immer riskantere Anlageformen ergossen - Venture-Kapital, Private Equity, Hedgefonds, Schuldverschreibungen und wie sie alle heißen -, bis am Ende keiner mehr wusste, wie viel Schulden er eigentlich wo gemacht hatte. Und so begann die Krise; psychologisch gesprochen eine Vertrauenskrise, ökonomisch formuliert Marktversagen auf Grund fehlender Bilanzierungsmöglichkeit: Wer weiß, was seine Hypothekenpapiere morgen wert sein werden, wenn die unbekannten Immobilien, die damit belastet wurden, noch mehr in den Keller gehen? Dahinter steht die Frage, was Dinge überhaupt wert sind. Was ist Wert?

Für die Klassik von Adam Smith bis Ricardo und für Marx war das eine sinnvolle Frage, die sie mit der Arbeitswertlehre beantworteten, doch für die heutige Mainstream-Ökonomie ist schon die Frage pure Metaphysik. Man bescheidet sich mit mathematischen Modellen der Marktmechanismen, in denen total informierte Egoisten zwischen Angebot und Nachfrage so agieren, dass zum allgemeinen Wohl das schönste Gleichgewicht herauskommt.

Physiker kennen das Verfahren, bei der Erklärung hochkomplexer Prozesse mit einem einfachen Modell zu beginnen und zu schauen, wie weit man damit kommt. Nur: Kein Physiker käme auf die Idee, seinem Modell zuliebe den Tatsachen vorzuwerfen, sie hielten sich nicht an die einfache Vorgabe. Doch genau das tun die Adepten der Neoklassik. Wenn die unsichtbare Hand des Markts nicht funktioniert, kann das für seine Propheten nur bedeuten, dass wieder einmal die öffentliche Hand der unsichtbaren ins Handwerk gepfuscht hat.

Dieser Vorwurf wird übrigens auch jetzt wieder erhoben: An dem weltweiten Kladderadatsch sei nur die amerikanische Notenbank schuld, personifiziert in ihrem Ex-Chef Alan Greenspan, weil sie durch eine Politik niedriger Zinsen zuviel Geld in Umlauf brachte, was die Wirtschaft künstlich aufblähte, insbesondere das Häuslebauen der US-Bürger - und schon haben wir eine neoklassische Erklärung für die amerikanische Immobilienkrise und für alles, was nachkam.

Dass eine persönliche Schuldzuweisung als Erklärung einer weltweiten Krise wenig taugt, leuchtet ein - vor allem, nachdem man Voegeles Buch gelesen hat. Überzeugend zeigt er: Weder "Managerversagen" noch individuelle "Gier" erklären, was da schief läuft. Wenn der Markt versagt, dann macht auch eine Theorie bankrott, die nicht mehr ist als seine platte Apologie. Auch wenn man als Lektor hier und da ein etwas schiefes Bild gerade gerückt hätte, ist die Lektüre der bissig-amüsanten Aufklärungsschrift doch unbedingt zu empfehlen.

Alexander B. Voegele Das Elend der Ökonomie. Von einer Wissenschaft, die keine ist. Rotpunkt, Zürich 2007, 172 S., 16,50 EUR

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