Keine Gnade für Angela

Eine letztlich desaströse Karriere "Angela. Eine Nationaloper" präsentiert von der Neuköllner Oper im Berliner Untergrund

Sie macht fast alles richtig, die Neuköllner Oper. Sie hat für ihre Hommage an Angela Merkel für Schäuble, Koch, Westerwelle, Glos, Stoiber und die Vertraute Baumann ein ausgezeichnetes Ensemble zusammengesucht, mit einer Kathrin Unger als Angela an der Spitze, die sich die durch den merkelschen Körper maulenden Widersprüche genau angesehen hat. Sie sind alle überraschend gut bei Stimme. Die modernistische Krampfhennen-Opernmusik von Frank Schwemmer, durchsetzt mit ein paar folkloristischen Seelenfetzen, ist gut erträglich, und es gibt sogar ein paar originelle Passagen, bei denen man gerne noch ein bisschen verweilen möchte, weil da die Komposition über den tradierten Tellerrand hinauslappt. Der Chor spielt die Pressemeute skandalgeil und selbstbesoffen, als hätten seine Mitglieder an den Theken um den Gendarmenmarkt studiert. Das Libretto von Michael Frowin, nach Motiven aus dem Buch Das Mädchen und die Macht von Evelyn Roll, spielt im intelligenten Einsatz von Zitaten aus Politikermund mit der Erinnerungsfähigkeit des Publikums, das - Bild für Bild - noch einmal die Zustände in der christlichen Parteienfamilie in den Jahren ihrer größten Krise durchleben muss. Mit Witz ist verwoben, was zusammengehört. Pfarrerstochter, Physikerin, beide Welten geben keine Antworten auf die Fragen, deren Teil sie nun plötzlich selbst ist. Und der gängige Vorwurf der beigetretenen Brüder und Schwestern an die Verwandtschaft im Westen, sie hätte keine Ahnung davon, was das Füllhorn des Lebens im Osten alles ausgeschüttet hat, wird in der Merkelfigur eindrücklich retourniert. Da fehlen einfach Jahre zivilisatorischer Entwicklung. Die "Fischer-68er-Bußattacke" wird aufgerufen. Die Merkels verstehen den Westen nicht. Gerne singt man sich nach Templin zurück.
13 Jahre letztlich desaströser politischer Karriere, vom Demokratischen Aufbruch bis zum Kanzlerkandidatinnen-Abbruch, von "Ich komme aus der Sauna und gehe jetzt in den Westen" bis zur Einschätzung des Michael Glos, dem es in der Inszenierung vorbehalten bleibt, die Einsichten höherer christlicher Weihen zu verkünden: "Man weiß, was der Vater gemacht hat, warum die Tochter Nägel kaut, weiß man auch. Das reicht nicht zur Rettung des Abendlandes. Da braucht es einen Mann", sind noch einmal in spröden Bildern zu besichtigen. Es ist eine Freude, Schäuble im Rollstuhl über den gesamtdeutsch geblümten Teppich auf der Suche nach der verlorenen Macht flitzen zu sehen. Koch zieht die Kinderschnute und zählt an den Fingern ab: Wann bin ich dran. Stoiber sagt und singt gar nichts. Er legt den Kopf schief, lauert und rollt im rechten Augenblick die Ärmel hoch. Angela antwortet mit Platzpatronen.
Wie gesagt: Fast alles richtig, und der Ort der Darbietung, die unfertige U-Bahnstation neben dem Reichstag, ist so sinnfällig gewählt wie der Zeitpunkt der Welturaufführung. Eine Grundsympathie, weil die Neuköllner Oper mit immer neuen, durchaus politisch zu nennenden Ideen am Opern-Popanz der Bourgeoisie rüttelt, durchbrummt den Betrachter sowieso.
Das Problem aber ist, dass die Neuköllner es nicht schaffen, mit ihren politischen Stoffen auch nur ein Zentimeterchen vom breitverschleimten Weg des gesellschaftlichen Interpretationskonsenses abzukommen. Nagelten sie neulich in ihrem Singspiel über die amerikanischen Präsidentenattentäter die Beweggründe derselben auf die Erklärungsmuster "harte Jugend, arbeitslos, vereinsamt, debil", so legen sie nun Angela auf "Frauenopfer für Männermacht" fest. Das Klischee. Opfergang einer Pfarrerstochter. Indes haben wir es bei Angela mit einem geradezu katastrophalen Fallbeispiel dafür zu tun, wie die Emanzipation der Weibchen hier zu Lande immer noch bedeutet, die Machtmännchen an Skrupellosigkeit zu übertreffen. Das gilt in der Wirtschaft wie in der Politik, und heißt dann "wir müssen besser sein". Es zwingt aber die Merkel niemand dazu, binnen weniger Jahre zur Hetzmade zu degenerieren, die es heute, was das Schwallen wider besseres Wissen und Gewissen angeht, locker mit Stoiber aufnehmen kann. Auch sind die Frauen in diesem Land keine kleine zerbrechliche Minderheit. Es wäre höchste Zeit, Merkel u.a. Menschenweibchen, politmetaphorisch natürlich, entsprechend anzugreifen.
Der Punkt ist: Die Neuköllner Oper, unsere Künstler sind einfach zu nett.

"Angela. Eine Nationaloper". Bis 22.9. immer Donnerstags bis Sonntags im U-Bahnhof Reichstag


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00:00 30.08.2002

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