Keine Haie

Bühnenreif Seit acht Jahren macht die Popband Kante Musik fürs Theater. Sänger Peter Thiessen versteht das als Absage an männlichen Geniekult
Andreas Hartmann | Ausgabe 06/2015

Das Überraschende ist, dass sich In der Zuckerfabrik überhaupt nach Kante anhört. Die Musik hat die Hamburg-Berliner Band für diverse Theaterstücke geschrieben, und doch klingt sie poppig, kaum nach Bühne. Die Stimme von Sänger Peter Thiessen ertönt wie eh und je, und wenn es sein muss, rifft sich wie in Morgensonne eine Gitarre durch den Song, als wäre sie direkt Sonic Youth entliehen. „Wir hätten sperrigeres Material zur Verfügung gehabt und auch einige rein instrumentale Stücke“, erklärt Kante-Sänger Peter Thiessen in einem Kreuzberger Café, „aber letztlich wollten wir, obwohl es ausschließlich Vertonungen von Fremdtexten sind, schon so etwas wie eine reguläre neue Kante-Platte herausbringen.“

Kante sind wieder da, freilich ohne wirklich weg gewesen zu sein. Sie waren die vergangenen acht Jahre nur eine reine Theaterband und traten Abend für Abend als Teil eines Ensembles auf, das Wilhelm Meisters Lehrjahre nach Goethe zum Besten gab oder Dostojewskis Dämonen. Die Berliner Regisseurin Friederike Heller, erklärter Fan von Hamburger-Schule-Bands wie Blumfeld und Tocotronic, lud Kante im Jahr 2007 dazu ein, Musik für ihre Inszenierung von Peter Handkes Spuren der Verirrten am Wiener Burgtheater zu schreiben und auch zu performen. Daraus entwickelte sich eine bis heute andauernde Zusammenarbeit. Bei Inszenierungen von Sophokles’ Antigone bis zu The Black Rider von Robert Wilson standen Kante mit auf der Bühne, am Staatsschauspiel Dresden traten sie genauso auf wie am Residenztheater in München, gerade erst haben die Proben für eine Inszenierung von Dantons Tod begonnen.

Kante befinden sich also, um es mit dem Titel ihrer ersten Platte von 1997 zu sagen, gleich im mehrfachen Sinn „zwischen den Orten“. Sie treten in verschiedenen Städten auf, die Popband ist gleichzeitig am Theater angekommen. Letztlich schrieben sie in den vergangenen Jahren mehr Musik und traten öfter auf als jemals zuvor, nur bekam man das außerhalb des Theaters eben nicht so mit.

Die Miete ist bezahlt

Dabei hatte man Kante durchaus vermisst. Alben wie Zweilicht oder Zombi waren hervorragende Diskurspop-Platten von einer Band, die sich immer stärker Einflüssen des Postrock und Jazz öffnete und aus ihrer Verehrung für die verstiegene Popkunst der späten Talk Talk und des späten Scott Walker kein Geheimnis machte. Kante waren schon früh so verrätselt, wie es Tocotronic heute gern wären.

Ihr Abtauchen ins Theater fällt in die Zeit, „in der die Folgen der Digitalisierung und der Zusammenbruch der alten Musikindustrie immer spürbarer wurden“, sagt Thiessen, „außerdem merkten wir, dass man als deutschsprachige Band doch sehr limitiert ist, was die Möglichkeit zu touren und den Markt für Tonträger angeht.“ Inzwischen wird die Produktion von Pop-Platten immer öfter durch Gelder diverser Kulturfonds mitfinanziert, weil es von den Plattenfirmen für kleinere Bands keine Vorschüsse mehr gibt. Kante waren Vorreiter der Entwicklung, sich so auch die eigene Musik subventionieren zu lassen. Ob sich die CD In der Zuckerfabrik, die auf dem eigens gegründeten Label Hook Music, einem Ableger des Theaterverlags Theater der Zeit, erscheint, nun gut verkauft oder nicht, sei zweitrangig, sagt Thiessen. Er muss keine Platten mehr verkaufen, um die Miete zu bezahlen.

Wenn man Peter Thiessen so zuhört, klingt es aber nicht, als hätte sich die Band frustriert aus dem Haifischbecken der Musikbranche in den staatsfinanzierten Theaterbetrieb zurückgezogen, um einem geregelten Brotjob nachzugehen. „Theater ist Luxus, Verschwendung, Rausch, intellektuelles Fest“, schreiben sie euphorisch im Booklet der neuen CD, und Thiessen ergänzt: „Das Ganze war ein Eintauchen in eine tolle neue Welt.“

Er sagt, er liebe die Proben und die intensiven Auseinandersetzungen mit den Stücken. Außerdem habe er Gefallen daran gefunden, Musik als eine Art Dienstleistung zu begreifen. Der Sound zu The Black Rider etwa stamme nun einmal von Tom Waits, da müsse man sich schon einigermaßen an die Vorlage halten. Er verstehe diese Art der Arbeit, bei der nicht er und seine vier Bandmitglieder das letzte Wort haben, sondern die Regisseurin, auch als Absage an einen typisch männlichen Geniekult. Diesem setze er nun „Musik als Handwerk“ entgegen.

Vom Pop, der das Theater erobert, war zuletzt häufig die Rede. Schorsch Kamerun, der Sänger der Hamburger Politpunkband Die Goldenen Zitronen, inszeniert regelmäßig mit Erfolg für die Theaterbühne, Rocko Schamoni und seine Comedyguerilla Studio Braun ebenfalls, Musiker wie Carl Oesterhelt von FSK oder Micha Acher von The Notwist sind bei Theaterproduktionen gebucht. Endlich also befinden sich auch in Deutschland sogenannte Hoch- und Unterhaltungskultur im Theater in einem direkten Austausch.

Dennoch wollen Kante sich noch in diesem Jahr aus ihrem Theaterkokon schälen. Zumindest für eine Weile. Im Mai werden sie auf eine reguläre Clubtour gehen, und an einer weiteren Platte, einer ganz ohne Theater, arbeiten sie bereits.

Album

In der Zuckerfabrik Kante Hook Music 2015

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06:00 18.02.2015

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