Keine Heimat, nirgends

Pulverfass Beqë Cufajs Roman "Der Glanz der Fremde"

Gerade haben die beiden einander die Hände geschüttelt, sich gegenseitig vorgestellt, mit nichts weiter als ihren Namen: "Ricky", "Arben Duka". Ricky befehligt Arben hinaus aus dem Stuttgarter Cafe zu seinem Auto, in dem eine Frau sitzt, die er ebenfalls erst vor ein paar Minuten kennen gelernt hat. Er selbst kehrt noch einmal zurück in die Gaststätte. "Durch die geöffnete Tür sah man, wie Ricky mit dem Baseballschläger auf den Kellner eindrosch. Er schlug ihn vor allem auf den Rücken und in den Bauch."

Arben und Ricky, das sind die beiden Pole des ersten Romans Der Glanz der Fremde des in Deutschland lebenden, kosovarischen Autors Beqë Cufaj. Arben - mit ihm beginnt und mit ihm endet die Geschichte - ist wohl ein Alter Ego des Autors: Nach dem Studium verlässt er den Kosovo in Richtung Deutschland. Dort angekommen, besorgt er sich eine Schreibmaschine. Später wird er Deutschland-Korrespondent einer Zeitung seiner Heimat.

Für Ricky dagegen sollte Deutschland nur Zwischenstation sein auf seiner Reise ins gelobte Land Amerika. Doch erst mal angekommen bei seinem Vater in Fernau bei Stuttgart, hat der auch schon eine kosovarische Frau für ihn organisiert, schnell hat Ricky mit ihr zwei Kinder. Good bye America. Deshalb wechselt er seine Jobs alle paar Monate - als ob eine berufliche Unbeständigkeit ein geografisches Festsitzen ausgleichen könnte. Um den Abschiedsschmerz zu verwinden, erzählt Ricky jeder neuen Bekanntschaft, er sei Amerikaner oder mache zumindest dort Geschäfte.

Im ersten Teil des Romans lässt Beqë Cufaj neben dem Erzähler die beiden Exilanten zu Wort kommen, sowohl Ricky als auch Arben schildern ihr Aufwachsen im Kosovo. Es sind bei beiden nur Bruchstücke einer Kindheit, die diesen Namen kaum verdient: Von Anfang an prägt sie ein Staat, der sie so arrogant wie selbstverständlich diskriminiert; der sich gar nicht erst bemüht, soziale Unterschiede auszugleichen; der korrupt ist und seine Macht am liebsten willkürlich walten lässt. Ricky schlängelt sich durch, nimmt sich einfach, was ihm seiner Meinung nach zusteht, schlägt zu, wenn er sich beleidigt glaubt. Arben schweigt, duckt sich hinein in die Ohnmacht, verlässt vielleicht genau deshalb den Kosovo. Durch beider Gefühlsnebelwand dringt auch kein Baseballschläger.

Erst im zweiten Teil, in Stuttgart, treffen Ricky und Arben aufeinander. Die halbe Stunde zuvor, da Arben bereits wartet, weil sich Ricky wieder einmal verspätet wegen seines Eroberungsdrangs, steht jedoch wie ein Prolog am Anfang von "Der Glanz der Fremde" - als Funke, der das Erzählen entfacht, als Moment der Erinnerung, die sich einstellt, da Arben vier Alte beobachtet, die langsam die Straße überqueren. "Seine Gedanken kamen in Bewegung, doch sie flogen nicht, sie schleppten sich hin. Wie die vier merkwürdigen Greise."

Auf dem Weg nach Deutschland und dort selbst angekommen, wagt sich der Erzähler schließlich weiter vor, füllt die Lücken zwischen Arbens Tagebuch-Aufzeichnungen, ergänzt, berichtet aus anderer Sicht. Wechselwirkungen zwischen den Kapiteln, die bislang in ihrer Episodenhaftigkeit beinahe wie gegeneinander abgedichtet schienen, stellen sich ein. Und die Fäden werden sichtbar, die Cufaj die ganze Zeit schon durch den Roman gewoben hat - rückwirkend entfaltet die Geschichte ihre Kraft.

Eben davon erzählt Cufaj schließlich: Erst in der Ferne macht sich ein Verlust bemerkbar; der Mangel holt Ricky und Arben ein, beider Heimat folgt ihnen nach Deutschland, weil sie keine mehr ist: "Seit in Jugoslawien Krieg herrscht, kommen immer mehr junge Albaner aus Kosova nach Deutschland, die sich dem Wehrdienst entzogen haben, weil sie weder in der serbischen noch in der kroatischen noch in der slowenischen oder bosnischen Armee kämpfen wollen."

Für Arben wurde bereits bei der Emigration sinnfällig, dass keine Heimat, nirgends mehr, existieren wird: "Der Vater hatte einen Reisepass besorgt, auf dessen rotem Deckel das goldene Wappen der Gemeinschaft der Völker und Völkerschaften eingeprägt war, die mittlerweile begonnen hatten, sich blutige Kämpfe zu liefern." Um heimlich über die Grenze zu gelangen, muss er seinen Pass dann ohnehin abgeben, um seine Identität glaubhaft zu verleugnen und als Angehöriger einer anderen Ethnie vorstellig zu werden: Zu diesem Zeitpunkt galten nur Bosnier als Kriegsflüchtlinge und deshalb asylberechtigt.

Bereits vor fünf Jahren veröffentlichte Beqë Cufaj ein Buch über die verlorene Heimat. Den privat-chronistischen Duktus des Bandes Kosova - Rückkehr in ein verwüstetes Land (Freitag 13/2000) hat er in dem Roman beibehalten, nur formal ist Der Glanz der Fremde deutlich durchgearbeiteter, mit seinen Zeit- und Perspektivenwechseln, seinen Experimenten mit den Gattungen. Als wäre dem Verlust mit literarischen Mitteln besser, ja überhaupt irgendwie beizukommen.

Ist es vielleicht tatsächlich: So leise und verhalten dieser Roman ist, so dezidiert und deutlich markiert er seine Leerstelle. Eigentlich nämlich ist es Ricky, um den sich alles dreht, den weder der Erzähler noch Arben wirklich aus den Augen lassen und in Worte fassen können, und an dessen Widersprüchlichkeiten zwischen Sehnsucht und Brutalität sich Beqë Cufaj heran zu schreiben versucht. Weil Ricky einer von denen ist, die nicht mehr reden wollen, bevor sie der Gewalt, die so tief in ihnen steckt, endlich freien Lauf lassen; die ohnehin nurmehr an die eigene Gerechtigkeit glauben und vor allem anderen das eigene Überleben sichern wollen. Ein menschliches Pulverfass, dankbar für jeden stobenden Funken, richtig gefährlich mit einer Waffe in der Hand. Im Zweifelsfall nämlich steht dann nicht nur die Freiheit, sondern mit ihr auch die eigene Heimat auf dem Spiel.

Beqë Cufaj: Der Glanz der Fremde. Roman. Übersetzt von Joachim Röhm. Zsolnay, Wien 2005. 221 S., 19,90 EUR


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00:00 03.11.2006

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