Keine Laterne nirgends

Berliner Abende Kolumne

Es war feucht und klamm in der Wuhlheide, aber jetzt, nach drei Stunden Konzert, gingen die Lichter in der Freilichtbühne an und 12.000 Zuschauer strömten zum Ausgang. "Es hat doch immer etwas Besonderes nach einem Konzert mit tausend anderen durch einen Park zu gehen", dachte ich noch festlich gestimmt.

Man kümmert sich kaum um den Weg, befragt den eigenen verkümmerten Orientierungssinn nicht mehr, sondern geht zufrieden aufgehoben im Sog der Masse einfach weiter. Wie eine große Demo zogen wir so durch die weitläufige Wuhlheide, über Asphalt und Sand, im Gleisbett den Schienen entlang. Nur ganz kurz dachte ich darüber nach, ob wir wirklich hier entlang gekommen waren, aber 12.000 können nicht irren, und die große Masse wird zielstrebig zu einem Haupteingang strömen, wohin sonst? Einer der Jungs unserer Fünfergruppe behauptete zwar: "Wenn ihr an der Nixenstraße geparkt habt, müsst ihr eigentlich in die entgegengesetzte Richtung gehen", aber hatte er nicht immer schon einen Hang zum Besserwisserischen gehabt und außerdem, wer will nach 30 Minuten noch umkehren? Immer weiter ging es durch die Spätsommernacht, da stockte plötzlich der Marsch der Zehntausend und die Menge fädelte sich auf einem Seitenweg zur S-Bahn ein. Eine S-Bahn Station mitten im Park, aber kein Ausgang weit und breit. Auch die beiden treulosen Jungs zogen es vor, die Bahn zu nehmen und ließen uns zurück. Auf einer kleinen Anhöhe stand ein Bus, der Fahrer lachte auf, als wir ihn nach dem Weg fragten und deutete ins Dunkel, ans andere Ende des Parks. Es half nichts - wir mussten zurück.

Weil es aber nichts Frustrierenderes gibt, als einen langen falschen Weg wieder zurück zu trotten, beschlossen wir, der Landstraße zu folgen, formierten ein kleines Häuflein und marschierten los. Stockdunkel war es auf dieser Landstraße, keine Laterne nirgends, Autos rasten uns entgegen, es gab keinen Seitenstreifen zum Ausweichen. Wir drückten uns angstvoll an die linke Seite über der Straßenböschung, wenn ein Wagen vorbei rauschte. "Lieber Gott, so will ich nicht sterben, überfahren auf einer menschenleeren, dunklen Straße irgendwo in Brandenburg", fuhr es mir durch den Kopf, obwohl wir ja bestimmt noch innerhalb der Berliner Stadtgrenze waren, aber Brandenburger Straße hört sich gefährlicher an, was das Überfahrenwerden angeht. Man sah nichts, ab und zu lag etwas auf der Straße, ich stolperte und strauchelte vor mich hin. Einer gemeinsamen Eingebung folgend, nahmen wir die Mobiltelefone heraus, beleuchteten den Weg mit den Displays und gaben den uns entgegen rasenden Autos Leuchtzeichen. Wie lange waren wir schon unterwegs auf dieser dunkelsten aller Berliner Straßen? Mein linker Fuß schmerzte bei jedem Schritt, nach einem Knochenbruch waren Schrauben, Platten und Drähte darin verblieben und bei längeren Fußmärschen meldet sich das Material zu Wort. Wie dunkel doch so ein Wald bei Nacht ist ... Die anderen Konzertbesucher waren jetzt bestimmt schon zu Hause in ihren hellen Wohnungen, und wir irrten hier durch den Wald. "Lost in the Forest", hatte Robert Smith eben noch so schön auf der Bühne gesungen. Stumm stapften wir willenlos durch die schwarze Nacht.

Kleine Messerstiche fuhren jetzt von mehreren Seiten in den lädierten Fuß ein, ich hinkte als Schlusslicht hinterher. "Nach der nächsten Kurve", redete ich mir zu, "würde man Lichter sehen", aber nach der Kurve lag nur wieder ein weiteres Dunkel. Jetzt kam auch noch Nebel auf und lagerte sich in Schwaden über die Straße. Anhalten. Umkehren? Ich überschlug den Inhalt meines Portemonnaies und überlegte, mit dem Handy ein Taxi zu rufen! Aber wohin? "Hallo, wir sind hier irgendwo verloren in den tiefen Wäldern im Osten." Die Autos aus der Gegenrichtung beleuchteten ein Straßenschild "Köpenicker Chaussee" stand da . Das hörte sich doch eigentlich recht urban an - andererseits nennt man auch Landstraßen, die ins Nichts führen, gerne Chaussee ... Es half nichts, wir mussten weiter, immer weiter. Mein Fuß fühlte sich an wie klumpiges Stück Fleisch, das mühsam über den Asphalt gezogen wird. Doch dann tauchten plötzlich an einer Gabelung große Verkehrsschilder auf - Vorboten der Zivilisation? Bloß nicht zu früh jubeln, immer weiter durch die Finsternis ... dann eine große leere Kreuzung ... Und dann lag sie auf einmal da, so schön wie keine andere Straßenbahnhaltestelle jemals von warmem Licht beleuchtet da gelegen hatte. Sogar ein Mensch stand davor. Wir waren gerettet! Nur noch zwei, drei Kilometer bis zu den Autos, die an der beleuchteten Straße einsam und brav auf uns warteten, und wir konnten glücklich stadteinwärts nach Hause fahren.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare