Keine Macht dem Doppelkinn

Teurer Drill Der Jugend- und Schönheitskult hat heutzutage beide Geschlechter fest im Griff. Eine Autopsie der "Anti-Aging"-Bewegung Peter Bräunlein

Früher war Iris Berben, Jahrgang 1950, engagiert in der Studentenbewegung und spielte in experimentellen Kurzfilmen. Heute ist sie fast ein Weltstar, bekam das Bundesverdienstkreuz und diverse Preise wie Bambi und Goldene Kamera. "Jetzt, wo mich die Zahl 50 einholt", sagt sie, "fällt mir auf, dass sie mich ganz schön beschäftigt." Obwohl sie wegen ihrer Schönheit bewundert wird, macht Berben sich Sorgen: "Zu meinem Kummer stelle ich in letzter Zeit an mir fest, dass ich einen leichten Hang zum Doppelkinn habe." Im Moment geht sie dagegen noch mit "ganz flach auf dem Rücken schlafen" an. Sollte das nicht helfen, schließt sie mittlerweile auch massivere Eingriffe nicht mehr aus: "Mit jungen Jahren habe ich gedacht, ich würde niemals einer Gesichtskorrektur zustimmen. Heute sehe ich das gelassener. Ich will nicht ausschließen, dass ich mein Doppelkinn eines Tages korrigieren lasse." Als innerlich gereifte, aber äußerlich jugendliche Frau lehnt sie das deutsche Moralisieren über Schönheitsoperationen ab: "In Frankreich oder in den USA geht man wesentlich souveräner damit um. Auf diesem Gebiet muss alles erlaubt sein, was einen zufriedener macht." Über Kosten schweigt sich Iris Berben aus.

Preise dagegen nennen die Autoren Michael Desphegel-Schöne und Darius Alamouti. Zwischen 7.900 und 20.000 Mark kann ihnen zufolge ein großes Facelift kosten, ein kleines ist zwischen 7.000 und 12.000 Mark zu haben, wozu jeweils noch eine OP-Grundgebühr von 1.500 Mark kommt. Für die Fettabsaugung bei einem Doppelkinn müsse man 1.500 bis 4.000 Mark (zusätzlich 500 Mark OP-Gebühr) veranschlagen, und im Anschluss an den ein bis zwei Stunden dauernden Eingriff empfiehlt sich natürlich ein einwöchiger Urlaub, denn so lange muss der Schaumstoffverband mindestens getragen werden.

Auch Berbens "Hormonexperte" kommt in ihrem Buch Älter werde ich später ausführlich zu Wort: "Wir überprüfen regelmäßig den Hormonstatus sowie den Vitamin- und Spurenelemente-Bedarf von Frau Berben. Frau Berben hat hervorragende Vitaminwerte. Sie versorgt sich selbst mit Multivitaminen und Antioxidanzien zum Einnehmen. Gegen ihren zu niedrigen Hormonstatus bekommt sie Östrogene. Außerdem DHEA (eine Vorstufe der männlichen Geschlechtshormone), das erschlaffendes Bindegewebe strafft, Knochen und Gelenke stärkt, Stimmung und Gedächtnisleistung hebt. In Deutschland ist DHEA verschreibungspflichtig, in den USA kann man es frei kaufen." Wegen des "eventuellen Krebsrisikos" werden die "Tumor-Marker" in kurzen Abständen kontrolliert. Für das Hormonkomplettprogramm verlangen US-Zentren 3.000 Mark monatlich.

Ansonsten ist Berbens Geheimnis, "schön und sinnlich, fit und entspannt zu sein", so der Untertitel ihres Buches, eine Mischung aus Omas Tipps - morgens kaltes Wasser - und einer ausgefeilten Rundumversorgung, bei der etliche Spezialisten und Spezialistinnen zum Einsatz kommen: die Kosmetikerin, die Fußreflexzonen-Masseurin, der Friseur, der Zahnarzt (mindestens zweimal jährlich Polieren), der Personal Trainer, ganz zu schweigen vom Optiker, diversen Kleidungs-, Schmuck-, Schuhberaterinnen und -beratern und dem Personal einiger "Spas", exklusiver Wellness-Hotels, bei denen uns Berben "zartgliedrige Thailänderinnen mit ihren erstaunlich kräftigen Händen" besonders empfiehlt. Iris Berbens alternder Körper ist zu einem Gesamtkunstwerk geworden.

Zwar können sich ein derartig konsequentes "Anti-Aging" nur Reiche leisten, aber vermittelt durch die Medien strahlt ihr Vorbild in die gesamte Gesellschaft aus. Einen fitten und schönen Körper zu haben, ist nicht nur Mittel und Ziel der Selbstverwirklichung von Prominenten, sondern Ansporn für Normalbürger.

An sie wendet sich etwa der fränkische Arzt Dr. Strunz, Jahrgang 1943. Er kombiniert Leichtlauftraining, gesunde Ernährung und Entspannungsübungen. Dadurch soll der ab dem 35. Lebensjahr sinkende Hormonspiegel wieder in Schwung gebracht und das biologisch mögliche Höchstalter von 120 Jahren erreicht werden. Strunz´ bestes Argument ist sein eigener Körper: 68 Kilogramm, davon vier Prozent Körperfett, bei 1,78 Meter Körpergröße. In dreizehn Jahren brachte es Strunz selbst vom "schwer schuftenden Arbeitstier mit Fettansatz" zum "entstressten Lustmenschen mit Leichtgewicht".

Strunz sieht sich als erfolgreichen Manager - "ich verdiene viel Geld. Ich schaffe sehr viel" -, der aber außerdem noch weiß, "dass es Techniken gibt, die uns helfen, fröhlich zu bleiben." Eine davon ist sein Laufprogramm. "Es geht darum, Manager fit zu halten, so dass sie auch mit 60 Jahren noch zehn Jahre weiter arbeiten können. Und zwar mit Freude." Doch Strunz bringt auch Stahlarbeiter oder Angestellte auf Schwung, wenn ihn die Betriebskrankenkasse einlädt. In der Pose des Wanderpredigers hält er Vorträge vor bis zu 10.000 Zuhörern bei einer Tagesgage von 40.000 Mark.

Seit 1999 hat Strunz über 1,5 Millionen Forever young-Bände verkauft. Wer persönlich von ihm beraten werden will, kann sein Zweitagesseminar "Der Weg zu Kreativität und Höchstleistung" für 1.445 Euro buchen, bei dem man erfährt, wie wie man durch "gezieltes Bluttuning" das körperliche und geistige Vermögen maximal steigern kann. Preiswerter ist das "geniale Multivitaminpräparat mit sensationellen 32 Inhaltsstoffen und traumhaften Maracuja-Geschmack" für nur 51,15 Euro. Zum kleinen Naschen zwischendurch gibt es "forever-fun-Fruchtgummi" (in Zusammenarbeit mit Haribo), von dem schon 100 Gramm exakt 100 Prozent der empfohlenen Tagesdosis der Vitamine E, C und B6 enthalten und dazu ebenfalls 100 Prozent der benötigten Folsäure, Niacin, Biotin und Pantothensäure. Würde das Programm des "Fitnesspapstes" stimmen, könnte damit preisgünstig der - wie von der Industrie immer wieder beklagt - träge gewordene Wirtschaftsstandort Deutschland in Schwung gebracht werden.

Die Anti-Aging-Literatur wendet sich bisher überwiegend an Frauen. Bekämpft wird dabei vor allem die Haut- und Bindegewebealterung: Augenringe, Falten, Tränensäcke, Zellulite, Krampfadern. Ziel ist die ewig jugendliche und sexuell attraktive Frau, die ihr wahres Alter mit leichtem Sport und gesunder Ernährung so gut wie möglich verbirgt. Traditionellen weiblichen Rollenklischees entsprechend ist dabei Aussehen wichtiger als etwa das Fitsein für den beruflichen Konkurrenzkampf.

Dabei gehört der "Hormon-Cocktail" selbst in Büchern, in denen laut Titel das "Pro und Contra" diskutiert wird, zum Standardprogramm und gilt als wahres Allheilmittel: "Schutz vor Herzinfarkt und Schlaganfall", "Erhalt gesunder Organe, Knochen und Muskeln", "Verbesserung der Figur", "Erhöhtes Wohlbefinden", "Linderung von Wechseljahrsbeschwerden". Nur wenige Autorinnen, wie etwa Elisabeth Fischer, warnen: "Die erste Generation dieser Medikamente wird mittlerweile kaum noch verschrieben, da durch sie das Risiko für Gebärmutterkrebs deutlich anstieg. Aber auch die als nächstes entwickelten Hormonpräparate werden für eine Erhöhung des Thromboserisikos und bei langjähriger Einnahme für eine deutliche Zunahme des Brustkrebsrisikos verantwortlich gemacht."

Während es Hormonersatztherapien für Frauen seit über dreißig Jahren gibt und in den USA mindestens genauso lang Fitnessprogramme von Aerobic bis Power-Yoga das Altern von Frauen verzögern sollen, rücken Männer erst seit Mitte der neunziger Jahre verstärkt ins Blickfeld der Anti-Aging Bewegung.

Angefangen hat diese Bewegung in den sechziger Jahren im Umfeld der Hippiebewegung Kaliforniens. Seitdem ist dieses vage alternative Milieu selbst langsam gealtert. Aus nach Indien pilgernden Hippies, die sich mit verschiedenen asiatischen Philosophien, Ernährungslehren und Bewegungsübungen auseinander setzten, wurde allmählich ein Teil des Mainstreams der westlichen Gesellschaften. Versorgt und betreut werden sie mittlerweile von professionellen Trainern für Yoga, Tai Chi, Jogging und Ähnlichem und einem seit den neunziger Jahren immer dichter werdenden Netz von Fitness-Studios, die sich von den "Muckibuden" der siebziger Jahre zu den heutigen Wellness-Oasen gewandelt haben.

Wie die beiden Anti-Aging-Forscher Markus Metka und Tuil Harmony berichten, hielt die Schulmedizin in den sechziger Jahren noch deutlich Abstand zur Gesundheitsbewegung der Hippie-Kultur, eine Wende aber sei 1993 eingetreten, als die American Academy of Anti-Aging Medicine mit zwölf Ärzten als Gründern ihren Anfang nahm. "Diese Organisation hat heute über 10.000 Mitglieder weltweit. Sie veranstaltet alljährlich in Las Vegas einen internationalen Kongress, der 1995 in einem kleinen Hotel begann und seit dem Jahr 2000 in einem der prunkvollsten Hotelpaläste in Las Vegas stattfindet. Die Anti-Aging-Medizin ist in den USA mittlerweile zum medizinischen Mainstream geworden." Sie integriert heute westliche Schulmedizin und die asiatische "Komplementärmedizin".

Seit einigen Jahren hat sich auch das Konzept der "Andropause", der männlichen Entsprechung der weiblichen Wechseljahre, in der Medizin durchgesetzt. Während nach Metka und Harmony die Symptome - Erschöpfung, Gereiztheit, Lethargie, Depression, Erektionsprobleme - drei von zehn Männern zwischen 35 und 45 treffen, sind es zwischen 50 und 55 sieben von zehn. Gleichzeitig lässt sich ein - im Gegensatz zu Frauen allmählicher - Abfall der meisten Hormone beobachten. Angegangen werden soll dagegen mit körperlicher Aktivität, gesunder Ernährung. Auch eine Schönheitsoperation sei bedenkenswert, selbst wenn "die Gesamtkosten 30.000 bis 40.000 Euro betragen". Für die Operation extra einen Kredit aufzunehmen raten die Autoren allerdings nur denjenigen Männern, die ein berufliches Motiv mit dem Körper-Outfit verbinden: "Dann handelt es sich bei Ihrem verbesserten Aussehen um eine geschäftliche Investition." Auch der nicht alternde Mann bleibt also irgendwo der alte: Sexuelle Attraktivität und Schönheit sind zwar wünschenswert, das wichtigste im Leben aber bleibt immer noch der berufliche Erfolg.

Für die Zukunft prophezeien Meryn und Metka, dass im Jahre 2050 jeder Mann in der westlichen Welt seine persönliche "Anti-Aging-Strategie" haben werde. "Spätestens mit seinem 40. Lebensjahr, wenn sein Testosteronspiegel auf 70 Prozent gefallen ist, wird er mit einer Hormonersatztherapie beginnen und seine Hormone einstellen lassen. Und mit 60 wird sein Endokrinologe den Hormonspiegel bereits auf das Level eines 35-Jährigen eingestellt haben."

Für die Gegenwart sieht Elisabeth Fischer durch die Ausbreitung der bereits bei Frauen fragwürdigen Hormontherapien auf Männer Gefahren etwa durch Leber- und Prostatakrebs. Denn im Gegensatz zu Iris Berben dürften sich nur wenige Männer - und Frauen - die bei einer Hormontherapie erforderliche ständige medizinische Überwachung durch teure, umfassende Tests in kurzen Abständen leisten können.n

Iris Berben: Älter werde ich später. Mosaik, München 2001, 36,- DM

Michael Despeghel-Schöne, Darius Alamouti, Jean Pütz: anti-aging. vgs, Köln 2001, 48,- DM

Elisabeth Fischer: Männer in den Wechseljahren. Midena, München 2001, 24,90 DM

Siegfried Meryn, Markus Metka, Georg Kindel: Der Mann der Zukunft. Heyne, München 2001, DM 19,90

Markus Metka, Tuli P. Haromy: Der neue Mann. Piper, München 2001, DM 39,80

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00:00 14.12.2001

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