Keine Milch verschütten

Grüne Zu Besuch bei einer Partei, mit der eine Minderheitsregierung definitiv zu machen wäre
Keine Milch verschütten
Jamaika-Blues bei den Grünen: „Das ist alles verschüttete Milch“

Foto: Al Berry/Three Lions/Getty Images

„Mehr Wirtschaft wagen“ steht auf dem Etikett der Wasserflasche, daneben die Farben Schwarz, Rot und Gold. Manchmal soll es vorkommen, dass Kugelschreiber der FDP bei Veranstaltungen der Linkspartei auftauchen, das wirkt dann immer fehl am Platz. Hier, bei der 42. Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen, fällt ein solches Flaschenetikett kaum auf. Doch Ludwig Stolz, auf dessen Tisch sie steht, beteuert trotzdem, dass die Flasche ihm nicht gehört. Stolz ist Delegierter und verärgert. Er hätte heute lieber über ein Jamaika-Bündnis abgestimmt – und eingewilligt. „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“, lacht er.

Ursprünglich wollten die Grünen am vergangenen Samstag entscheiden, ob Koalitionsverhandlungen mit Union und FDP aufgenommen werden. Daraus wurde nichts. Die Grünen haben sich von Christian Lindner leimen lassen, nun ist die Delegiertenkonferenz entkernt und ohne echte Aufgabe. Ein bürgerliches Kammerspiel mit nur noch einem Zweck: Selbstbeweihräucherung.

Etwas abseits steht Renate Künast und unterhält sich mit Parteifreunden. „Wir haben in diesen Sondierungsgesprächen eine Menge an Selbstbewusstsein gewonnen, weil wir gemerkt haben, dass wir in den Themen meistens am besten informiert waren“, sagt die 61-jährige einstige Verbraucherschutzministerin. Eigentlich will sie über eine schwarz-gelb-grüne Koalition gar nicht mehr sprechen: „Das ist alles verschüttete Milch.“ Ab und zu ziehen Partei-Promis an ihr vorbei, Winfried Kretschmann, Boris Palmer, Anton Hofreiter. Ob die Grünen in zwei Lager gespalten sind? Künast schüttelt den Kopf. „Es kommt auf den Kern an“, sagt sie.

An diesem Samstag ist der Kern klar erkennbar: Jamaika-Wehmut und FDP-Bashing. Özdemir betont in seiner Rede am Morgen, ein solches Bündnis „hätte sich sehr gelohnt für diese Republik“ und sagt, er würde ab sofort nicht mehr über Christian Lindner sprechen, „weil das meine Kinderstube nicht gebietet“. Als später Kretschmann ans Mikrofon schreitet, sagt er mit Blick auf die Optionen Große Koalition, Minderheitsregierung oder gar Neuwahlen: „Nichts davon ist besser, als wenn Jamaika zustande gekommen wäre. Nichts!“

Ist das so? Kretschmann, der Augur? Dabei ist seine Partei doch durchaus offen für die Beteiligung an einer Minderheitsregierung. „Wir Grüne sind weiterhin bereit, Verantwortung zu übernehmen, und bleiben gesprächsbereit. Dies gilt auch für die Beteiligung an einer Minderheitsregierung.“ So steht es im Beschluss des Parteitags. Verantwortung, Gesprächsbereitschaft, Regierungsbeteiligung. Des Grünen liebste Wörter. Aber sie wären ja durchaus zu gebrauchen. Die Legislative zu stärken, dem deutschen Parlamentarismus eine Frischzellentherapie zu verpassen, das könnte „diese Republik“ gut gebrauchen. Und dass dies zuallerletzt an den Grünen scheitern würde, vergisst man leicht angesichts eines Bundesvorsitzenden, der so gerne von Stabilität schwadroniert. Ludwig Stolz hätte sich nicht schämen müssen, hätte ihm die schwarz-rot-goldene Wasserflasche mit der Werbung für „Wirtschaft“ gehört. Christdemokraten trinken doch ausschließlich aus solchen Flaschen, oder nicht? Eine Minderheitsregierung mit ihnen wäre zur Zeit der richtige Weg.

06:00 01.12.2017
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