„Keine Psychologie!“

Interview Das Prügeln vor der Kamera wusste er gut vorzubereiten: Schauspielerin Friederike Brüheim über ihre Zusammenarbeit mit dem Filmemacher Sohrab Shahid Saless

Wer regelmäßig den Freitag liest, wird den Namen Sohrab Shahid Saless kennen. In einer kleinen Reihe von Interviews haben wir die Arbeit und Biografie des Filmemachers erkundet, die Retrospektiven gewürdigt, die ihn zuletzt auch in seinem Heimatland Iran wieder sichtbar gemacht haben. So dient das Projekt auch dazu, die Schwierigkeiten der Erinnerung an einen transnationalen Regisseur zu beleuchten, der von außen die (bundes)deutsche Gesellschaft nüchtern beschrieben hat: Saless wurde 1944 in Iran geboren und arbeitete ab Mitte der 1970er Jahre in Westdeutschland. Sein Werk endet um 1990, er starb 1998. Zum Abschluss spricht nun die Schauspielerin Friederike Brüheim über ihn, die bei der Verfilmung von Jürgen Breests Erzählung Wechselbalg 1987 mit ihm zusammenarbeitete. Es sollte der vorletzte Film von Saless werden.

der Freitag: Frau Brüheim, in dem Film „Wechselbalg“ von Sohrab Shahid Saless spielen Sie die Luise. Hatten Sie vorher schon etwas von dem Regisseur gehört, der seit Mitte der 1970er Jahre in Westdeutschland lebte?

Friederike Brüheim: Ich kannte vor Wechselbalg nichts von Saless. Dazu muss ich sagen: Ich bin im Februar 1978 mit meinem Sohn legal aus der DDR in die Bundesrepublik ausgereist – zuvor war uns die Staatsbürgerschaft der DDR aberkannt worden. Vier Jahre vorher war mein Ehemann von einem Aufenthalt in Rumänien nicht mehr in die DDR zurückgekehrt.

Wissen Sie, wie Saless auf Sie aufmerksam geworden ist?

Es muss im Frühjahr 1985 gewesen sein, als die ZBF, die Zentrale Bühnen-, Fernseh- und Filmvermittlung, die heutige ZAV Künstlervermittlung, mich anrief und mir mitteilte, dass sich ein Regisseur für mich interessierte. Ich habe dann lange nichts gehört, wie das so üblich ist. Dann rief die ZBF wieder an und meinte: „Ja, Herr Saless ist in Oldenburg und möchte Sie gern kennenlernen.“ Damals war gerade ein Freund aus München zu Gast bei mir. Und als ich ihm erzählte, dass mich ein Regisseur namens Sohrab Saless für ein Filmprojekt treffen wolle, meinte er: „Was? Bist du verrückt? Sohrab Saless möchte dich sehen?“ Er wollte mitfahren. So sind wir beide nach Oldenburg gefahren, zum Hotel Havana. Da stand bereits eine andere Schauspielerin vor dem Eingang, Helga Jeske. Wir klingelten, brachten unser Anliegen vor und wurden hineingeführt. Dann kam Sohrab Saless. Ich kann nur sagen: ein Herr, freundlich und höflich.

Zur Person

Friederike Brüheim wurde in Erfurt geboren. Sie legte ein Staatsexamen an der Fachschule für Landwirtschaft und Ökonomie in Dresden ab, bevor sie an der Theaterhochschule Leipzig eine Schauspielausbildung machte. Engagements in Rudolstadt, Dresden und Ost- Berlin. 1978 Übersiedlung nach Hamburg. Heute macht sie weiterhin szenische Lesungen, zuletzt etwa Oscar und die Dame in Rosa von Éric-Emmanuel Schmitt.

Wie verlief das Treffen?

Saless sagte: „Ich möchte gar nichts von Ihnen hören.“ Und erzählte uns dreien den Plot der Geschichte. Und ich saß da und dachte immerzu: Ich möchte das spielen, ich möchte das spielen. Die Figur der Luise war mir so was von nah. Ich dachte: Sie kämpft um Liebe und Anerkennung – und geht den falschen Weg. Saless sagte anschließend zu mir: „Es gibt natürlich noch andere Schauspielerinnen für die Rolle der Luise – aber Sie sind es.“ Der Schauspieler für die Rolle von Luises Ehemann stand übrigens schon fest: Henning Gissel, der Freund einer Freundin von mir. Ein Zufall.

Wie waren die Dreharbeiten?

Saless sagte: „Ich bin kein Ingmar Bergman – keine Psychologie!“ Er hat zwar bestimmte Dinge vorgegeben, aber keine Haltung im Einzelnen. Ich musste mit mir selbst ausmachen, wie und woher ich mir mein Material nehme. Wir haben die Szenen sehr genau probiert, da hat er erst einmal nichts gesagt. Bei einer Probe, in einer Szene am Ende des Films, als Luise die kleine Gabi mit der Schöpfkelle schlägt, wurde ich sehr laut. Da sagte Saless: „Luise wird immer leiser. Und umso schlimmer wird es. Sie kann gar nicht mehr schreien, weil das Schreien ja schon eine Art Befreiung wäre.“ Ich habe in der Situation total verstanden, was er wollte. Es gab noch eine Szene, da nimmt Luise die Schere in die Hand. Saless wollte das so. Da war der Bezug zu Tschechow: „Alles, was da ist, muss mit benutzt werden und hat einen Bezug.“ Solche Dinge hat Saless gesagt, aber nicht, dass die Hand jetzt bis da oben hin müsse oder Ähnliches. Er hat mir sehr viel Freiheit gelassen. Und es lief sehr gut. Wir haben manchmal nur eine Klappe gehabt.

Jürgen Breests Erzählung und die Verfilmung unterscheiden sich.

Ich weiß noch, dass Jürgen Breest am Anfang der Dreharbeiten in Saarbrücken war und sich Muster angesehen hat. Unmittelbar danach erzählte mir Saless, dass Breest sehr berührt davon gewesen sei. In einer Zeitschrift für Film und Fernsehen äußerte Breest zu der Verfilmung: „Ich weiß nicht, ob das meine Luise ist, aber es ist eine aufregende.“ Saless’ Wechselbalg war in der ersten Fassung übrigens viel länger geworden als geplant – wie viele seiner Filme. Darum musste gekürzt werden, und so wurden von den Rückblenden, die Luise als kleines Mädchen und junge Frau zeigen, einige wieder herausgeschnitten. Die Endfassung hatte aber immer noch eine Länge von 133 Minuten.

„Wechselbalg“

Luise und Hermann, beide in ihren Vierzigern, führen eine nach außen hin unauffällige Ehe. Er verlässt jeden Morgen das gemeinsame Heim in einer Reihenhaussiedlung, um zur Arbeit zu fahren. Sie kümmert sich um den Haus-halt – und macht sich täglich daran, alle Räume von oben bis unten zu putzen. Da Hermann und Luise kinderlos sind, entscheiden sie, ein Pflegekind namens Gabi zu sich zu nehmen. Hermann und das Mädchen verstehen sich gut. Doch für die putzwütige, einsame und sich selbst bekämpfende „Tante“ Luise stellt das Leben-Wollen des fremden Kinds eine Herausforderung dar – die sie nicht packen kann und die sie eines Tages zuschlagen lässt.

Wie war das Zusammenspiel mit Katharina Bacarelli, die die kleine Gabi spielte?

Wir sind sehr gut miteinander ausgekommen. Den Tag, an dem wir die Prügelszene am Ende des Films drehten, haben wir getrennt verbracht. Das war Saless’ Bedingung. Wir haben uns nur zur Probe und zu den Dreharbeiten gesehen. So haben wir beide vorher nicht über die Szene gesprochen. Katharina wurde vom Team vorbereitet, damit ihr bewusst war, dass die Szene kaschiert war und die angedeuteten Schläge nicht wehtun würden. Ich fand dieses Vorgehen von Saless sehr gut. Wie Katharina dann in der Szene reagiert hat – das ist schon unglaublich gewesen.

Hatten Sie nach dem Dreh weiterhin Kontakt zu Saless?

Wir wollten nach Wechselbalg weiter zusammenarbeiten. Saless bereitete schon sein nächstes Projekt vor: Ein Unding der Liebe, eine Verfilmung des Romans von Ludwig Fels. Er fragte mich, ob ich die Mutter oder die Tante spielen wolle. Und wie das so ist, bekam ich den Roman genau zu jener Zeit, als ich im Urlaub war, von jemand anderem geschenkt. Saless erkrankte dann aber während der Vorbereitungen für den Film an Krebs und konnte ihn nicht mehr selbst realisieren. Das übernahm Radu Gabrea, ein rumänischer Regisseur, der in Deutschland lebte. Gabrea nahm eine völlig andere Besetzung vor, und so war ich am Ende nicht dabei.

Seit Mitte der 1980er Jahre lebte Saless in der Tschechoslowakei.

Als ich 1987 in Prag unter der Regie von Egon Monk die Die Bertinis drehte, fuhr ich nach Poprad im Osten des Landes, weil Saless inzwischen dort lebte. Er hatte eine Slowakin geheiratet und sogar Slowakisch gelernt. In den folgenden Briefen schrieb er mir dann, dass er sich eingemauert habe, weil seine Frau ihm das Leben schwer mache. Anfang der 1990er Jahre kehrte er nach Deutschland zurück. Eine Zeit lang lebte er in Berlin, kurze Zeit auch in Hamburg. Saless trank damals viel Alkohol. Aber wir haben das nie thematisiert. Er hätte auch sofort abgeblockt, wäre aufgestanden und gegangen. Saless wollte nur arbeiten und keine Zeit totschlagen.

„Rosen für Afrika“, eine weitere Verfilmung nach Ludwig Fels, wurde dann die letzte Arbeit überhaupt, die Saless realisieren konnte, ehe er starb.

Dass nach Rosen für Afrika keine weiteren Filme entstanden, hing sicherlich auch mit Saless’ Kompromisslosigkeit zusammen. Ich denke, er hatte das Gefühl, dass er sich dann verkaufen würde. Und Saless war nicht käuflich. Er hatte seine Prinzipien. Er machte seine Filme, so wie er sie machte. In einem seiner Briefe an mich schrieb er, dass er nicht in Deutschland bleiben müsse. Schließlich gebe es auch in Frankreich und den USA Filmproduzenten. Und so ist es gekommen: Er ging nach Amerika. Nach seiner Ankunft dort telefonierten wir mehrere Male. Einmal sagte er mir, dass ich unbedingt Englisch lernen solle, weil er mir eine kleine Rolle geben wolle. Saless wollte unbedingt wieder Filme machen. Aber leider ist daraus auch in Amerika nichts geworden.

Wie sehen Sie Sohrab Shahid Saless heute, mit dem Abstand der vielen Jahre?

Er ist schon ein sehr besonderer, sehr komplizierter Mensch gewesen. Saless hat sich durch sich selbst behindert. Es hatte mit ihm selbst zu tun – es ist ähnlich wie bei Luise. Sie behindert sich auch durch sich selbst und verhindert, dass sie auch nur einen Anschein von Glück erfährt. Luise hat nicht gelernt, was Glück ist – und man hat es ihr auch nicht gezeigt. Bei Saless war es ähnlich. Er hat mir nur einmal erzählt, dass seine Mutter die Familie und ihn verlassen hatte, als er zwei oder drei Jahre alt war. Das muss eine ganz entscheidende Erfahrung für ihn gewesen sein.

06:00 20.04.2018

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