Keine Querfront

Erwiderung Freitag-Redakteur Timo Feldhaus sieht in der Volksbühnen-Besetzung 2017 einen Vorschein der Hygiene-Demos von heute. Guillaume Paoli hält dagegen
Keine Querfront
Nicht alles was glänzt: Programmtafel an der Berliner Volksbühne

Foto: Stefan Zeitz/Imago Images

Von der so kurzen wie desaströsen Leitung des Chris Dercon hat sich die Berliner Volksbühne nach drei Jahren immer noch nicht erholt. Bislang blieb das verantwortliche Team ruhig, nun meldet sich der ehemalige Redaktionsleiter auf zwei Seiten im letzten Freitag (19/2020) zu Wort, um die Geschichte noch mal aufzurollen. Timo Feldhaus nimmt die derzeit vor dem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz wütende Verschwörungswahn-Epidemie zum Anlass, um einen fatalen Zusammenhang zu behaupten: Damals schon sei die Dercon-Volksbühne von einem Mob linksrechtsdeutscher Querfrontler angegriffen und anschließend besetzt worden. So habe also alles angefangen! Zwar gibt er zu, dass die heutigen Pöbler der „Corona-Diktatur“ nicht dieselben sind, die damals das Theater vor dessen Zerstörung retten wollten. Doch sei der „Geist“ derselbe.

Eines stimmt schon: Das Clownsduo Lenz & Sodenkamp, das die aktuelle Aluhut-Bewegung ins Rollen gebracht hat, war auch 2017 an den Protesten beteiligt. Gegen sie positioniert sich jedoch unmissverständlich das Kollektiv „Staub zu Glitzer“, damals Initiator der Besetzung. Ebenfalls lehnen Akteure der Kulturszene Zwangsrekrutierungsversuche der sperrangelweit nach rechts offenen „Hygiene-Demos“ so kategorisch ab, wie sie seinerzeit die Volksbühnenbesetzung unterstützten. Dazu gehöre ich, und ich finde Feldhaus’ Unterstellungen unannehmbar. Gewiss bekam man damals wie bei jeder Graswurzelversammlung auch ziemlich konfuses oder grobschlächtiges Zeug zu hören und lesen. Aber ein „schwarz glänzendes Reich, in dem die radikale Linke und die radikale Rechte zusammen gegen den neoliberalen Feind kämpften“, bekam ich nicht zu Gesicht. Vielmehr stellte sich die AfD auf Dercons Seite und verlangte die rasche Räumung der Besetzer. Die Erzählung, die uns Feldhaus jetzt serviert, ist bloß eine weitere Auflage der Hufeisentheorie: Links gleich rechts, und wer sich gegen den Gang der Dinge auflehnt, kann nur ein Feind der freiheitlichen Ordnung sein. Von seinem einstigen Boss hat er gelernt, sich selbst vorsichtshalber zu widersprechen; so hätten damals die jungen Menschen doch „das Richtige gewollt“, nur leider „am falschen Ort“, sprich: am Arbeitsplatz von Feldhaus.

Als ich den Artikel las, fiel mir indes eine andere Parallelität auf. Eigentlich teilen das Dercon-Team und die heutigen „Hygiene-Demos“ mehr Merkmale, als ihnen lieb sein kann. Angefangen mit dem Missbrauch des Theaters. Im Grunde ist beiden Projekten die Volksbühne schnuppe, sie ist nur Symbol, Markenzeichen, Projektionsfläche. In beiden Fällen wird das Opfergejammer („Alle hassen uns!“) mit Größenwahn gekoppelt („Wir sind die wahre Avantgarde“). Um die eigene Inhaltsleere zu kaschieren, wird ein Feindbild konstruiert, hier die veränderungsrenitenten Linksrechtsberliner, dort die gleichgeschalteten Vollstrecker des Merkelregimes. Und wenn die selbst ernannten Widerständler ihre Verbundenheit mit der Volksbühne herbeilügen, werden sie von Feldhaus auch, so scheint mir, noch bestätigt. Nur geht es heute nicht mehr um verpuffte Kunstpläne. Mit ihren „Hygiene-Demos“ haben die Zauberlehrlinge einen Geist aus der Flasche freigesetzt, der eindeutig rechts steht. Dagegen kann keine selbstmitleidige Klage helfen, sondern kritische Argumentation. Und öffentliche Ablehnung.

Von Guillaume Paoli erschien zuletzt der Band Soziale Gelbsucht bei Matthes und Seitz. Von 2014 bis 2017 war Paoli Gastgeber der Diskussionsreihe Im Zentrum des Übels im Roten Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. 2015 rief er zum Widerstand gegen die Ernennung des Kurators Chris Dercon zum Intendanten auf.

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13:45 13.05.2020

Ausgabe 39/2020

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