Keine Sure richtet so viel an wie Alkohol

Islam Ein Koranvers ruft zur häuslichen Gewalt auf? Wer so argumentiert, lenkt nur vom strukturellen Problem männlicher Gewalt ab
Khola Maryam Hübsch | Ausgabe 05/2019 34
Keine Sure richtet so viel an wie Alkohol
Die Kultur der Mehrheitsgesellschaft wird vor allem auf dem Oktoberfest verteidigt

Foto: Ralph Peters/Imago

Zwar haben die meisten Menschen den Koran nicht gelesen, aber eines meinen sie ganz genau zu wissen: Es gebe einen Vers, in dem zum Schlagen von Frauen aufgefordert werde. Was da genau steht und wie er im Verhältnis zu den über 6.000 anderen Versen des Korans steht, wissen die wenigsten. Das wohlige Gefühl der Überlegenheit, wenn man Frauenfeindlichkeit zur Spezialität der Muslime erklären kann, scheint diese Unwissenheit wert zu sein. Als Familienministerin Franziska Giffey eine Statistik des Bundeskriminalamts über Partnerschaftsgewalt vorstellte, betonte sie, dass zwei Drittel der Tatverdächtigen Deutsche seien und die Gewalt von Männern aus allen gesellschaftlichen Schichten und ethnischen Gruppen ausgehe. Prompt war zu lesen, Giffey verschweige die Koranpassage. Nun haben Täter in der Regel eher zu tief ins Glas als in den Koran geschaut, doch Alkohol zu problematisieren, würde ja die Kultur der Mehrheitsgesellschaft angreifen. Dann lieber über den Islam schimpfen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Der Vers aus Sure 4 lautet in der gängigen Übersetzung: „Und jene Frauen, von denen ihr Widerspenstigkeit befürchtet, ermahnt sie, lasst sie allein in ihren Betten und schlagt sie.“ Manche sagen, das Verb „adribûhunna“ sei mit „meiden“ statt „schlagen“ zu übersetzen. Plausibler ist, sich den historischen Kontext zu vergegenwärtigen. Doch über die sozialen Revolutionen, die der Islam im 7. Jahrhundert entfachte, spricht niemand. Zum Beispiel die Einführung von Rechten für Sklaven und Frauen. Weder die Sklaverei noch häusliche Gewalt oder Schweinefleischkonsum wurden explizit verboten. Die Auflagen glichen langfristig einem Quasi-Verbot: Möchtest du Schweinefleisch essen, musst du kurz vor dem Hungertod stehen. Möchtest du einen Sklaven halten, musst du ihn behandeln wie dich selbst. Möchtest du bei einem Ehekonflikt handgreiflich werden, musst du dich erst beruhigen, das Gespräch suchen, dich eine Weile trennen, dann symbolisch handeln. Ach ja, und Alkohol darfst du gar nicht trinken. Schwer zu schlucken für viele Männer, die es gewohnt waren Gewalt anzuwenden.

Eine solche Einordnung koranischer Inhalte hilft eher als eine allgemeine Verteufelung des Islams. Naheliegender ist, dass es Tätern nicht um Religion geht, sondern um einen Sündenbock. Wenn Journalisten über diesen Bock springen, indem sie im Koran die Ursache für das weltweite Problem männlicher Gewalt suchen, machen sie sich zu Erfüllungsgehilfen. Besser, wenn Leserinnen und Leser darauf keinen Bock hätten.

06:00 25.02.2019

Ausgabe 23/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Event der Woche
21. poesiefestival  berlin

Das Haus für Poesie ist überzeugt, dass das kulturell-soziale Leben auch im Ausnahmezustand nicht stillstehen darf: Deshalb gibt es in diesem Jahr eine virtuelle Ausgabe des seit mittlerweile zwei Jahrzehnten existierenden Festivals geben. Das internationale Programm mit AutorInnen von vier Kontinenten richtet dieses Jahr seinen Fokus auf Kanada

Kommentare 34

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Dieser Kommentar wurde versteckt
Avatar