Keine von beiden

Affäre In Matthias Polityckis „Jenseitsnovelle“ leben zwei Menschen fatal aneinander vorbei

Eigentlich ist es so wie immer morgens, nein, sogar noch schöner an diesem strahlenden Herbsttag, als Hinrich Schepp wie gewohnt sein Arbeitszimmer betritt: „ indem er dem Verlauf der Haare quer über die Glatze hinterhertastete, durfte er sich versichern ,dass er ein glücklicher Mensch war.“

Aber alles ist anders geworden; denn seine Frau Doro, die mit abgewandtem Rücken am Schreibtisch sitzt, ist tot – offenbar seit Stunden bereits. „Mit gelösten Gesichtszügen saß sie vor ihm, von völliger Ruhe umgeben, die Haut ganz grau. Der linke Mundwinkel hing ihr herunter und ein Speichelfaden daran; dort, wo er am Kinn auftraf, war er angetrocknet. Ihre Lippen leicht geöffnet, im Mundwinkel lag etwas dick und unbeholfen die Zunge.“

Vor ihr, auf dem Schreibtisch ausgebreitet, entdeckt Schepp ein altes eigenes Manuskript, das Fragment einer kleinen Erzählung, die er in den siebziger Jahren begonnen, dann weggepackt und schließlich schon fast vergessen hat. Und nicht nur das.

Offenbar hat Doro, die die längste Zeit mit Heinrich in einer trauten Zweisamkeit gelebt und gearbeitet hat – beide sind Sinologen -, den Text nicht nur korrigiert, sondern, wie Hinrich mit wachsender Irritation feststellen muss, überarbeitet und weitergeschrieben.

Dabei wird er wieder in die Zeit der frühen siebziger Jahre (der kundige Leser wird sich an Polityckis Romane Weiberroman" target="_blank">Weiberroman und Ein Mann von vierzig Jahren" target="_blank">Mann von vierzig Jahren (der Freitag vom 25.2.2000) zu erinnern wissen) und eigene Studentenzeiten hineinversetzt, zudem noch, was er mit Macht verdrängt hat, an jene fünf Jahre zurückliegende Nicht- oder Beinahe-Affäre mit der Kellnerin Dana aus seiner Stammkneipe „La Pfiff“.

In der Um- und Weiterschrift Doros wird die Geschichte von „Marek, dem Säufer“ aus den siebziger Jahren mit Schepps Beziehung zu Dana, der Doro auf die Schliche gekommen ist, verbunden. Ja, am Ende des raffinierten Spiels mit den Erzählebenen fühlt sich Schepp ertappt – „es stimmte, was Doro geschrieben, stimmte frappierend genau, Wort für Wort, leugnen war sinnlos.“

Doch es kommt noch schlimmer, knüppeldick für den ohnehin arg Gebeutelten, weil Doro ihre Geschichte mit herben Nachsätzen versehen hat. Fabula docet: dass er, Schepp, dieser Pseudo-Marek-Macho bloß ein Gigolo und Möchte-gern-Casanova ist.

Dann die Abrechnung hinterher: „Ich hatte“, schreibt Doro, „meine Sprachlosigkeit in unserer Ehe, hier sah ich eine Chance, Dir endlich das zu sagen, was mich die letzten fünf, vielleicht schon die letzten 25 Jahre bedrückt hat.“

Das Ende von Doros Text – wir ahnen es mit Hinrich Schepp – ist, dass Doro, die sich selbst fasziniert zeigt von der Kellnerin Dana, die sie einmal kennengelernt und die ihr allererst die Augen über Männer (und nicht zuletzt Doros eigenen eben) geöffnet hat, ihren Mann verlassen möchte. Wäre, ja wäre ihr nicht der Tod zuvorgekommen ...

Polityckis Erzählung ist eine literarische Preziose, ein Kabinettstückchen, an dem man nicht zuletzt auch erfahren kann, was eine (moderne) Novelle ist: nämlich immer noch und immer wieder die Darstellung einer „unerhörten Begebenheit“ (Goethe) beziehungsweise „eines unerhörten Ereignisses“ (Politycki) in einem Leben, „das bislang nur eine unerhörte Ereignislosigkeit gekannt hatte.“

Nur – was dieses Unerhörte genau ist, darüber hat der Leser selbst zu befinden. Politycki bietet verschiedene Möglichkeiten an. Es stellt sich heraus, dass diese beiden Menschen fatal aneinander vorbei gelebt haben, dass sie sich eigentlich schon gar nichts mehr zu sagen hatten – eigentlich. Dass Hinrich Schepp am Ende dieses langen Tages mit den grausamen Entdeckungen nur noch den eigenen Abgrund vor sich zu sehen vermag.

Oder doch nicht?! - Es folgt auf den letzten Seiten der Novelle – markiert zusätzlich durch eine zwischengeschobene leere Seite – ein neuer Tag, ein noch schönerer Tag, ein Tag wie viele andere vorher: Doro sitzt an Hinrichs Schreibtisch und korrigiert seine Texte! Die Wiederherstellung der totalen Idylle.

Er wusste, heißt es auf der letzten Seite, wieder einmal, „warum er sie immer noch liebte; dass er auf der Stelle wusste, nein, bis in die Zehenspitzen hinab spürte, wie gut alles war.“ Doch Vorsicht vor Idyllen; sie sind boshaft geworden, ein „Vollglück in der Beschränkung“ (Jean Paul) gibt es nicht mehr. Hängt da nicht auch schon wieder, intensiver sogar noch, dieser eigenartige Geruch im Raum, „fast penetrant in seiner stechenden Süßlichkeit“.

Matthias Politycki. Hamburg, Hoffmann und Campe, 2009, 128 S., 15,95 Jenseitsnovelle

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17:45 04.12.2009

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