Keine zwei Meinungen

Masern Über nichts ist sich die Wissenschaft einiger als über den Nutzen des Impfens. Widerstand gegen Bevormundung sollte anderswo geübt werden
Keine zwei Meinungen
Impfen gilt heute vielen nicht mehr als Abwehr von schlimmen, potenziell tödlichen Erkrankungen. Impfen scheint für manche eher ein Angriff auf seltsam verstandene persönliche Freiheit, Individualität und Selbstbestimmung zu sein

Foto: Imago/Insadco

Die Masern sind ja derzeit wieder ein großes Thema. Die Zahl der Masernerkrankungen steigt teils dramatisch und mit ihr auch die Todesfälle. Über eine Impfpflicht wird heiß diskutiert – in Kommentarspalten im Internet und seit dieser Woche auch unter Gesundheitsexperten und Politikern. Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die sich fragen: Wieso die Aufregung? Die Masern hat man früher einfach durchgemacht, ist mitnichten daran gestorben und ein paar Kinderkrankheiten sollen doch die Entwicklung von Kindern eher fördern. In einem Blog las ich die Geschichte einer Mutter, die stolz über die mit ihrer Tochter durchgemachten Masern berichtete; es glich einer Heldengeschichte. Sie verglich die Masern mit einer Bergtour, die sie mit ihrer Tochter „gemeinsam“ heroisch durchgestanden habe. Doch die Masern sind nicht etwa eine harmlose Kinderkrankheit, bei der ein paar rote Pünktchen erscheinen, während man heldenhaft kuschlig auf dem Sofa ein paar Filme guckt. Die häufigsten Begleiterscheinungen sind hohes Fieber, große Abgeschlagenheit, die mehrere Wochen dauern kann, eine Schwächung des Immunsystems auf lange Zeit, Mittelohr-, Lungen- und Gehirnhautentzündung und bakterielle Superinfektionen. Und dann gibt es noch die gefürchtete Spätkomplikation, die subakut sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), die zu einer fortschreitenden Behinderung und unweigerlich zu einem frühen Tod führt. Doch auch ohne SSPE kann man an den Masern und ihren Komplikationen heute noch sterben. Vor allem kleine Kinder. Und jedes Kind, das durch eine Impfung hätte geschützt werden können, vor dem Tod, einer Behinderung oder einer auf Monate geschwächten Immunabwehr, ist eines zu viel.

Aber Impfen gilt heute vielen nicht mehr als die Abwehr von schlimmen, potenziell tödlichen Erkrankungen. Impfen scheint für manche eher ein Angriff auf seltsam verstandene persönliche Freiheit, Individualität und Selbstbestimmung zu sein. „Wir impfen nicht! Impformier dich!“, diese kategorischen Scheinimperative machen aus der Tatsache, dass Impfen vor lebensbedrohlichen Erkrankungen schützt, eine Gemengelage im Spektrum zwischen der „Verteidigung demokratischer Grundrechte“ bis hin zu einem trotzigen „Ich kann selbst entscheiden. Basta.“. Man fühlt sich von der Regierung gegängelt, von der Pharmaindustrie fremdbestimmt. Auch ich habe früher, obwohl Ärztin, so gedacht: Impfungen helfen doch nur BigPharma, enthalten schlimme Stoffe, führen zu Impfschäden (die auch noch verschwiegen werden!) und der Impfzeitpunkt ist viel zu früh. Doch nach und nach habe ich dazu gelernt.

Man sollte zunächst realisieren, dass Impfungen keineswegs Erfindungen der Pharmaindustrie sind. Sie sind von Pionieren der frühen modernen Medizin entwickelt worden, die damit verheerende Infektionskrankheiten bekämpfen wollten. Und weil das zunehmend gut funktionierte, sind Impfungen heute Opfer ihres eigenen Erfolgs. Kaum einer kennt noch die realen Erscheinungsformen der Erkrankungen, gegen die man impft. Impfungen sind die erfolgreichste medizinische Maßnahme überhaupt und es gibt kaum eine medizinische Methode, zu der mehr Daten existieren. Übrigens auch Daten zu den Risiken und Nebenwirkungen, die im Vergleich zum Nutzen sehr gering sind. Der Grundgedanke der Impfung ist einfach: Das Immunsystem unseres Körpers kann schneller und gezielter auf krankmachende Viren und Bakterien reagieren, die es bereits kennt. In einem Impfstoff liegen die Krankheitserreger abgeschwächt oder in veränderter Form vor, so dass das Immunsystem sie „sanft“ kennenlernt. Begegnen wir dann später den entsprechenden Krankheitserregern wieder, so sind wir gewappnet – und werden nicht oder nicht mehr so schwer krank. Manchmal reagiert der Körper spürbar auf den Impfstoff. Es kann zu Fieber, lokaler Hautrötung und Abgeschlagenheit kommen. Das ist ein Zeichen, dass das Immunsystem die Arbeit aufgenommen hat. Erst wenn deutlichere (vorübergehende) Reaktionen auftreten, spricht man von Impfkomplikationen. Diese sind meldepflichtig und werden nicht „unter den Teppich gekehrt“, sondern an zentraler Stelle gesammelt und ausgewertet. Sehr selten sind dagegen die von Impfgegnern häufig beschworenen dauerhaften Impfschäden – sie betrugen nach den letzten verfügbaren Daten rund 0,0001 Prozent aller 45 Millionen Impfdosen, die in Deutschland verabreicht wurden. Die Letalität (Todeswahrscheinlichkeit) durch Masern ohne Impfung liegt hier bei uns dagegen zwischen 0,05 und 0,1 Prozent.

Der Körper produziert mehr Gift als in einer Impfung steckt

Die Sorge, man würde kleine Babys schon viel zu früh mit viel zu vielen Impfstoffen konfrontieren, ist unberechtigt. Vergessen wir nicht, dass Impfungen dazu da sind, Menschen zu schützen - je früher sie geschützt sind, umso besser. Ein Säugling hat Millionen von Immunzellen in 1 ml Blut. Das würde sogar ausreichen um mit 1.000 Impfungen gleichzeitig fertig zu werden. Zumal Impfstoffe immer weiter verbessert wurden, so dass es heute viel weniger Virusbestandteile in einem Sechsfachimpfstoff enthalten sind, als früher in einer Einmalimpfung. Die Zusatzstoffe in Impfungen, wie zum Beispiel Formaldehyd, Aluminium oder Quecksilber bereiten vielen Menschen Sorgen, doch werden sie nicht ohne Grund eingesetzt. Solche Zusatzstoffe helfen, die Impfviren ungefährlich zu machen, die Immunantwort zu verstärken (was weniger aktive Impfbestandteile nötig macht) oder sie werden als Konservierungsmittel benötigt. Sie sind nur in äußerst geringer Konzentration enthalten. Die Menge an Formaldehyd, die unser Körper selbst täglich produziert, ist bei weitem höher als die in einer Impfung. Quecksilber ist heute in keinem Impfstoff mehr enthalten und war es auch nie in reiner Form, sondern nur als abbaubare Quecksilberverbindung. Gleiches gilt für Aluminiumhydroxid, ein Salz, dessen Eigenschaften nichts mit denen von metallischem Aluminium zu tun haben.

Als weiteres „Argument“ wird oft ins Feld geführt, dass ungeimpfte Kinder nachweislich gesünder seien als geimpfte. Dies ist schlicht und ergreifend falsch. Sicher ist nur: Geimpfte Kinder bekommen die Krankheiten, gegen die sie geimpft sind, signifikant weniger. Besonders schrecklich finde ich den Irrglauben, dass Kinder einen „Entwicklungsschub“ durch eine Kinderkrankheit erfahren würden. So denkt auch die Mutter im erwähnten Blog. Doch wer einmal erlebt hat, wie krank die niedlich klingenden Kinderkrankheiten machen können, wem klar ist, dass Kinder früher reihenweise daran gestorben sind, denkt darüber anders. Welches Martyrium zum Beispiel Keuchhusten oder auch Diphtherie, der sogenannte Würgeengel der Kinder, bedeuten, weiß heute kaum noch jemand. Wie unempathisch, wie in falschen Kategorien befangen muss man gegenüber seinem eigenen Kind sein, um darin etwas Positives zu sehen. Krankheit ist kein Abenteuer, wie es die erwähnte Mutter letztlich hinstellt. Und der „Entwicklungsschub“ nach einer Krankheit, ist allenfalls die positiv wahrgenommene Erleichterung nach der Genesung. Insofern habe ich mich beim Lesen des Blogs damals gefragt: Warum steigt die Mutter mit ihrem Kind, wenn sie ein Erlebnis, eine gemeinsame Herausforderung haben will, nicht einfach auf einen richtigen Berg, genießt die Anstrengung und später auch den Ausblick - und lässt ihr Kind impfen?

Impfen ist immer auch eine „soziale Veranstaltung“, denn wir schützen damit nicht nur uns selbst, sondern auch diejenigen unter uns, die nicht geimpft werden können oder ihren Impfschutz verloren haben. Entweder weil sie noch zu klein sind (gegen Masern kann man erst ab dem elften Lebensmonat impfen) oder weil sie eine chronische Immunschwäche oder eine Krebserkrankung haben. Ich habe früher durchaus auch gedacht: Mir doch egal, solange mein Kind geschützt ist. Ich gestehe, dass ich mich für diesen Egoismus heute schäme. Zum Glück sind „Hardcore“-Impfgegner in Deutschland selten – dafür aber lautstark. Nur 2-4 Prozent der Bevölkerung lehnen Impfen rundheraus ab (und bedienen sich dabei im Verschwörungsgemischtwarenladen). Für eine geschützte Gesellschaft brauchen wir bei den Masern eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent. Ein paar Totalverweigerer können wir uns in der Gesellschaft also durchaus leisten. Dann müssen wir anderen jedoch erst recht die Verantwortung übernehmen und uns und unsere Kinder ausreichend impfen lassen.

Aktuelles Diskussionsthema ist deshalb die Impfpflicht. Sie könnte eine ausreichende Durchimpfungsrate garantieren. Ich hoffe jedoch immer noch, dass Menschen durch gute Argumente zu erreichen sind und nicht durch Zwang. Wenn wir an eine Impfpflicht denken, gibt es noch viele offene Fragen: Wie ist sie rechtlich zu sehen? Gibt es überhaupt einen zugelassenen, verfügbaren Einzelimpfstoff gegen die Masern – oder sprechen wir von einer Masern-Mumps-Röteln-(Windpocken)-Impfpflicht für Kinder? Ich fände es in diesem Zusammenhang auch wichtig, „Big Pharma“ zu nötigen, alle Impf-Studiendaten zu veröffentlichen, wie in der Alltrials-Kampagne gefordert. Und unsere Behörden müssten ein besseres System zur Meldung von Nebenwirkungen etablieren, dessen Daten transparent veröffentlicht werden. Wie sonst kann das Vertrauen in Impfungen gestärkt werden?

Die WHO hat zuletzt eine Liste der zehn größten weltweiten Gesundheitsgefahren veröffentlicht. Auch Impfverzögerer standen auf der Liste. Also nicht nur jene, die prinzipiell gegen das Impfen sind, sondern auch die, die es schlicht vergessen, den Termin drei Mal verschoben oder einfach ihren Impfpass verlegt haben. Auch andere Gesundheitsexperten sehen dieses Verzögern als das Hauptproblem und halten Aufklärung und Erinnerung für wichtiger als eine Impfpflicht. Bevor wir uns über Impfgegner aufregen, sollten wir also besser alle noch einmal unseren eigenen Impfstatus überprüfen lassen. Impfen schützt und es wäre für uns alle das Beste, dass mehr und mehr Menschen sich aus guten Gründen freiwillig für das Impfen entscheiden - und damit nicht nur sich, sondern uns alle schützen.

(Und zum Schluss sei noch einmal betont: Es gibt keine „Kontroverse“, keine „Debatte“ über das Impfen in der wissenschaftlichen Welt. Über nichts im Bereich der Medizin ist sich die weltweite Wissenschaftscommunity einiger als über den Nutzen des Impfens.)

Natalie Grams ist Ärztin und Buchautorin. Eine Langfassung des Textes finden Sie auf freitag.de

06:00 28.03.2019
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