Keiner liest allein

Literaturkreise Gemeinsam zu schmökern ist wieder im Kommen. Weil man hinterher auch drüber reden kann

Lesen ist nicht zwingend eine soziale Erfahrung, aber Social Reading im Internet, analoger Lesekreis oder der Hype einer Autorenlesung zielen auf ein Bedürfnis ab, das Lektüre alleine offenbar nicht stillt: das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Lesegesellschaften waren seit Aufklärung und Frühmoderne Bestandteil bürgerlicher Bildungsbestrebungen, heute kommunizieren Millionen digital über Bücher. Shared-Reading-Initiativen setzen auf die therapeutische Wirkung des gemeinsamen lauten Lesens, für den Großteil von Online-Reading-Groups wie für analoge Lesekreise gilt jedoch: Geteilt wird die Lektüreerfahrung, das Buch muss man vorab schon alleine lesen, für viele ohnehin die zentrale Motivation für den Lesekreis. Bei aller aktuellen Vielfalt an Ausprägungen – institutionalisiert an Bibliotheken, Volkshochschulen oder mit kommerziellem Hintergrund in Buchhandlungen, thematisch ausgerichtet oder inhaltlich offen, mit Leitung und Leseliste oder privat organisiert –, gemeinsam ist Mitgliedern solcher Kreise, dass sie den Austausch über ein Buch, das alle gelesen haben, als sinnstiftend erfahren.

Institutionelle Neugründungen, etwa am Literaturhaus Hamburg oder im Rahmen gesellschaftspolitischer Kontexte, rücken analoge Lesegruppen verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit. Seriöse Zahlen, die einen Trend bestätigen, gibt es nicht, geschätzt etwa 30.000 Face-to-face-Gruppen in Deutschland. Die Tatsache, dass Service-Homepages wie meinliteraturkreis.de mit Tipps zur Gründung, Leitung und Vernetzung enorme Resonanz erfahren, spricht Bände. Dabei sind Lesegruppen so unterschiedlich wie Leser.

Ich öffne die Tür zu einer Wiener Altbauwohnung und trete in einen Lesekreis von sechs Frauen im Alter zwischen 43 und 65 Jahren, den zwei ehemalige Studienkolleginnen vor zehn Jahren gründeten, um sich und ihre Leidenschaft für Literatur nicht aus den Augen zu verlieren. Bei virtuellen Lesegruppen ist ein Kommen und Gehen die Regel, bei Face-to-face-Lesekreisen ist das anders. Meine Wiener Gruppe ist typisch: Alle Mitglieder sind weiblich, es sind Vielleserinnen, oft mit akademischem Hintergrund, jedoch nicht im Literaturbetrieb tätig. Auch wenn Lesekreise längst nicht mehr mit dem Ziel gegründet werden, Frauen Zugang zu Bildung und Kultur zu ermöglichen, scheint nicht nur das Lesen von Belletristik, sondern auch der gemeinsame Austausch darüber überwiegend Frauen anzusprechen.

Private Runden sind in der Regel kleiner als institutionalisierte Zirkel, man trifft sich schließlich in den jeweiligen Wohnungen. Bei meinem ersten Besuch des Wiener Kreises liegen H. P. Lovecrafts Cthulhus Ruf und Nadine Kegeles Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause neben dem Gedeck auf dem Tisch. Die Bücher haben die Frauen in der Sitzung sechs Wochen zuvor aus zeitgenössischer Belletristik und Klassikern ausgewählt. Den für die Gruppe ungewöhnlichen Ausflug ins Horror-Genre wird man verfluchen. Eine von außen vorgegebene Literaturliste wäre für selbstbestimmte Gruppierungen wie diese dennoch nichts; über Bücher zu beratschlagen, die man lesen will, soll oder eben nicht, ist wesentlicher Bestandteil der Zusammenkünfte.

Online: Lesen in der Blase

Während Leserunden im Netz häufig nach Genres oder Autoren strukturiert sind und Leser diese entsprechend ihrer Vorlieben (be-)suchen, ist für Mitglieder vieler privater Literaturlesegruppen das Entdecken von Büchern, die sie sonst nicht lesen würden, ein wesentlicher Anreiz. Unerfreuliche Lektüren werden riskiert, das Vergnügen einer kontroversen Diskussion kann schließlich mangelndes Leseglück wettmachen. Man weiß um den Distinktionsgewinn mancher Lektüre – und pfeift manchmal auch darauf: „Die Zuschreibung Schund sagt ja nichts darüber aus, ob es dir taugt.“ Literaturpreise sind ein nicht unwesentliches Kriterium, doch die Empfehlung einer kompetenten Vertrauensperson zählt oft mehr. Zeitaufwand und Verfügbarkeit des Titels beeinflussen die Entscheidung; im Zusammenhang mit sinkenden Buchverkaufszahlen interessant: Viele Lesegruppen nutzen Bibliotheken.

Im angloamerikanischen Raum, wo sich book groups einer langen Tradition und massenmedialer Popularität erfreuen, hat der Buchmarkt diese Zielgruppe früh entdeckt. Zunehmend adressieren auch deutsche Verlage Face-to-face-Lesekreise mit Materialien zu ausgewählten Klassikern und Neuerscheinungen auf ihren Homepages. Vorreiter war dtv im letzten Jahr, im April sagte sich auch der Hanser-Verlag, der 2016 noch Autor Tilman Rammstedt und digitale Leser zu einer Live-Schreib- und Lesegruppe zusammenspannte und Buchhändler, Kritiker und Blogger schon mal gemeinsam zum „Lese-Retreat“ lädt: Warum nicht morgen ein wenig mehr ans Leben echter Lesekreise denken? Hintergrundmaterial ist aus Werbung und Handel entweder bereits vorhanden oder wird von Autoren zusätzlich verfasst. Verlage antizipieren damit eine häufige Praxis analoger Lesekreise, den eigenen Zugang mit Beiwerk – unter anderem Wikipedia, Feuilleton, Autoren-Homepages – zu rahmen. Konnten Lesegruppen bislang im Umgang mit Paratexten ihr Wissen um Regeln des Feldes demonstrieren, werden sie nun selbst Teil des Spiels. Verständlich: Lesekreismitglieder sind als Durchschnitts- bis Vielleser, die teilweise an mehreren Kreisen – auch online – teilnehmen und in ihrem Umfeld als informiert gelten potenzielle Multiplikatoren. Kaum eine Diskussion vergeht ohne die Frage: „Würdest du das Buch weiterempfehlen?“ Inwieweit man sich in den bis zu zweistündigen Diskussionen beyond the book bewegt, wie der Titel einer Publikation zu sozialen Lesepraktiken in Großbritannien und den USA andeutet, hängt vom Profil einer Gruppe und ihren Erwartungen an Literatur ab. Meine Wienerinnen mahnen sich selbst schnell zurück zu textnahen Erörterungen, anderen dient der Text bewusst als Sprungbrett für die Reflexion eigener Lebenserfahrungen oder gesellschaftlicher, moralischer, politischer Themen. Sukzessive erhöhen Lesegruppenmitglieder ihre Wahrnehmungssensibilität: „Seit wir zusammenkommen und mehr oder weniger gezwungen sind, darüber zu reden, lese ich ein Buch anders.“

Erste Studien sehen das nicht nur positiv. Lesen mit Blick auf einen Austausch darüber könne den Fokus zu sehr auf erzählbare Aspekte lenken, individuelle Leseeffekte trüben, etwa sogenanntes Involvement. „Hineinkippen-Wollen“ ist auch unter Lesegruppenlesern eine präferierte Haltung und „Spannung“ in unterschiedlichsten Konnotationen ein hoher Wert – dennoch möchte man anschließend mehr über das Gelesene sagen können als „Gefällt mir“, eine Herausforderung.

„Nach der Diskussion sehe ich das Buch mit anderen Augen“, bietet dtv Lesekreisen als Thema an – das interessiert Buchmarkt wie Lesegruppenforschung gleichermaßen. Auch wenn man die Heterogenität von Lesegruppen nicht überschätzen darf: Mitglieder tragen unterschiedliche Lektüre- und Lebenserfahrungen, Wissensbestände aus verschiedenen Berufssparten, manchmal aus mehreren Kulturen und Generationen in die Gruppe. Häufig sind es gerade konträre Positionen und die Lust an der hitzigen Debatte, die Lesekreisen Spaß und Erkenntnis gleichermaßen bereiten, der Wiener Gruppe jedenfalls: „Deshalb machen wir das ja.“

Analoge Lesekreise teilen im Gegensatz zu virtuellen Gruppen nicht nur Meinungen, sondern Zeit: Man lernt einander und den Blick der anderen auf Literatur kennen. Das erweitert die Wahrnehmung eines Textes bereits während des Lesens, und zwar nicht durch die ohnedies stets implizit wirksamen Werte und Konventionen einer gesichtslosen literarischen Gemeinschaft, mit der man sich nur lose verbunden fühlt, sondern durch konkrete Personen, denen man face-to-face sagen kann: „Ich wusste, dass du diese Stelle kritisieren wirst.“ Und wenn eine Lektürevorliebe zu weit von den Vorstellungen der Gruppe abweicht, ertragen Lesekreismitglieder bisweilen zum Glück auch die Einsamkeit: „Das würde euch nicht gefallen. Ich lese es trotzdem, für mich.“

Claudia Dürr lehrt am Institut für Germanistik in Wien

06:00 23.12.2017

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