Kennen Sie Bolaño?

Mentale Grenze Über die Schwierigkeiten Europas, den kulturellen Wandel Lateinamerikas angemessen wahrzunehmen

Jeder kennt Brahms, aber keiner kennt Bolaño. Dabei gilt Roberto Bolaño als der beste Schriftsteller Lateinamerikas der vergangenen 30 Jahre. Mit einigem Recht. Liberation und Le Monde widmeten ihm ganze Seiten, Susan Sonntag und das Times Literary Supplement begrüßten einst euphorisch die englische Übersetzung seiner Texte. Das war im Jahr 2003. Da hatte Roberto Bolaño sein 50. Lebensjahr erreicht und fünf Bücher, Romane und Erzählungen veröffentlicht. Er starb im selben Jahr in Spanien, wo er lebte. Dort, nicht in seinem Heimatland hatte der in Chile geborene, in Mexiko zum Schriftsteller gewordene Bolaño sämtliche Literaturpreise gewonnen, auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene. Doch für Autoren wie Roberto Bolaño, für neue lateinamerikanisches Autoren Lateinamerikas gibt es bei großen deutschen Verlagen eher wenig Platz, sie kommen, wenn überhaupt, bei den Kleinen unter. Das gilt auch für die Bereiche Fotografie, Kunst, Design, Film, Theater und Tanz. Wen wundert es da, wenn Lateinamerikakenntnisse in Deutschland bei Isabel Allende stehen bleiben. Was die Dichtung anbetrifft. In Kürze erscheint auf deutsch das Werk der argentinischen Dichterin Alejandra Pizarnik, sie starb 1972. Alle lateinamerikanischen Dichter der Generation danach fehlen. Als Versatzstück bedient man sich der lateinamerikanischen Kultur aber gern. Suhrkamp vertickt zur Zeit, von Marketing-Spezialisten sehr schlecht beraten, seine neuen Titel wie Bullshit mit "Venceremos!" - einem Slogan aus den 1960er Jahren. Unterzeichnet ist die Werbung mit "Die Geist-ist-geil-Guerilla".

Apropos Lücke

Der englische Historiker John H. Elliott stellte in seiner überaus interessanten Studie Die Alte und die Neue Welt von 1970 auf europäischer Seite seit der kolonialen Begegnung deutlich begrenzte Fähigkeiten der Wahrnehmung und Aufnahmebereitschaft bezüglich des Neuen fest. Er bezeichnet das als "mentale Grenze". Die Neue Welt bestand aus blinden Flecken, die nicht zu füllen waren. Als eklatantes Beispiel führt er die Eroberung Mexikos an : Als Hernán Cortez mit seinen Truppen bis zur aztekischen Hauptstadt Tenochtitlán vorstieß, eine dicht bevölkerte Stadt mit kompletter Infrastruktur, Wasserverkehrswegen, Märkten, Häusern und Palästen, war genau diese mentale Grenze erreicht.

Was Cortéz vor sich sah, lag außerhalb seines Vorstellungsvermögens, denn mögliche Parameter in Europa - London oder Paris - waren um 1521 im Vergleich zu Technotitlán (und auch zu Peking) einfache Dörfer. Was folgte, waren keine Berichte vom neu gesehenen, es waren Aussparungen; Rückzug auf das Altbekannte und Stillschweigen charakterisieren die Chroniken der Zeit. Elliott lenkte vor mehr als dreißig Jahren die Aufmerksamkeit auf eine der großen Überraschungen in der Intellektuellengeschichte: die offenbare Langsamkeit, mit der Europa reagiert, Amerika in sein Blickfeld, seine Wahrnehmung einzubinden und sich mental darauf einzustellen. Es sieht alles danach aus, als ob sich dieses retardierende Moment fortsetzt.

Das Echo hiesiger Medien - "Lateinamerika wählt links", "Linksruck", "Neue lateinamerikanische Linke" - zeigt einmal mehr, wie schablonenhaft und verspätet auf lateinamerikanische Ereignisse reagiert wird. Es hapert gewaltig bei der Diagnose der gegenwärtigen Situation, weil jüngere Entwicklungen gar nicht registriert werden und historische Kontexte unbekannt sind. Ohne Unterscheidungen zwischen einzelnen Ländern oder Regionen zu treffen, schert man alles über einen Kamm: Die Wahl einer Frau in Chile, der drei Jahre zurückliegende Wahlerfolg eines ehemaligen Gewerkschaftsführers in Brasilien namens Lula und die eines Bauernführers in Bolivien. Evo Morales ist in dieser Diktion "Der indianische Che Guevara". Zwei und eins macht drei: Schon steht das altbewährte Paradigma "links, Sozialismus, Revolution" vor der Tür. Es dient seit den siebziger Jahren als Modell und soll heute wieder die Aufmerksamkeit auf Lateinamerika lenken, nachdem der Kontinent seit 1990 (nach dem Fall der Mauer und der Auflösung des Ostblocks) aus dem Interessenbereich der deutschen und europäischen Öffentlichkeit nahezu verschwunden war.

Aber merkwürdigerweise gibt es Lücken in der Wahrnehmung entscheidender Entwicklungen der letzten 10-15 Jahre: Erstens die Veränderung der politischen Landkarte und der Beziehungen zwischen den Andenländern und den Ländern des Mercosur wie Argentinien und Brasilien. Das fiel zusammen mit dem Moment ökonomischen Wachstums. Nicht bemerkt wurden, zweitens, die Prozesse der sogenannten "kulturellen Agency": ein Konzept, das die Variation von Aktionsformen alternativer und populärer Bewegungen mit identitätsstiftenden Effekten beschreibt. Kulturelle Agency konnte man als Antwort auf die Krise in Argentinien oder bei den Akteuren indianischer Gruppen der Aymara in Bolivien beobachten. Drittens geriet die Problematik der Integration in die Freihandelszone von Alaska bis Feuerland (ALCA) aus dem Blick, die Migration von Lateinamerikanern in die USA und die Dynamik in den Süd-Südbeziehungen, also der Beziehungen lateinamerikanischer Länder zu China, Indien und Südafrika. Sie wird erst jetzt thematisiert, obwohl Chinas Importe nach Lateinamerika in den zurückliegenden sechs Jahren um nahezu 60 Prozent pro Jahr gestiegen sind.

Der Wahlausgang in Chile bestätigt zweifelsohne die Stärkung und Kontinuität der Demokratie. Chile gilt als bester Schüler des "Washington Consensus" (1990), der die Einführung neoliberaler Wirtschaftpolitik verordnete. Das Land scheint zu beweisen, dass Neoliberalismus in kleinen Ländern mit geringer Bevölkerungsdichte funktioniert, also wirtschaftliches Wachstum zeitigt. Selbstverständlich gibt es eine starke Segregation in der Gesellschaft, die mit hoher Armut einhergeht. Michele Bachelets repräsentiert eine aufgeräumte sozialdemokratische Position. Sie wurde aber auch Präsidentin, weil sie auf Wahlplakaten und im TV überzeugend den Eindruck vermittelt, ihr könne man getrost seine Kinder anvertrauen, Gegenwart und Zukunft Chiles seien bei ihr in guten Händen. Auf ihrer politischen Agenda stehen, wie man bei ihren TV-Reden hören konnte, die Bekämpfung der Armut, des Drogenhandels und Maßnahmen zur besseren Integration und Migration.

Bei genauer Betrachtung der Lage haben wir es durch die Bank mit Mitte- Links-Regierungen zu tun. Einige weisen Charakteristiken sozialdemokratischer Couleur auf: Brasilien, Argentinien, Uruguay, jetzt Chile, im Sommer 2006 kommt vielleicht Mexiko hinzu, wenn der Präsidentschaftskandidat Lopez Obrador gewinnt. Andere stützten sich auf identitätsstiftende nationale Ideologien wie Venezuela, Bolivien und eventuell Peru, wenn im April 2006 der Präsidentschaftskandidat Ommanta Hullana gewinnt. Wegen dieser zwei, drei demokratisch gewählten Regierungschefs, die in Rede und Gestus nationale Identität herzustellen versuchen, kursiert auch unter aufgeklärten lateinamerikanischen Intellektuellen jetzt das Gespenst des Populismus. Stärkung der Zivilgesellschaft und Demokratisierung standen auf der politischen Agenda Europas gegenüber Lateinamerika ganz oben. Das Ergebnis zeigt: die Hausaufgaben wurden gemacht. Aber es gibt (zum Glück) keine Klone der hiesige Parteienlandschaft, Christdemokraten, Sozialdemokraten und Liberale.

Das Ende der ALCA

Die politische Agenda der USA in Bezug auf Lateinamerika hatte zum Ziel, die Freihandelszone (ALCA) um jeden Preis durchzusetzen. Das Unternehmen geriet zur Rutschpartie. Lediglich kleine mittelamerikanische Länder, die selbst nichts produzieren, wie El Salvador sind nunmehr in die ALCA integriert. Mexiko wurde 1994 als erstes Land aufgenommen mit dem Angebot besonders guter Beziehungen, die Versprechungen wurden seitens der US-Regierung nicht erfüllt. Heute exportiert das Land zwar 90 Prozent seiner Waren in die USA und die Importe sind überprozentual hoch, doch gehen diese intensiven Beziehungen keineswegs mit einer Nordamerikanisierung einher, im Gegenteil: Fakt ist eine starke eigene mexikanische Identität. Wer heute zur Zivilisation zählen möchte, muss auf Teufel komm raus eine eigene Identität haben.

Am heikelsten Punkt der Agenda erlebte das Weiße Haus eine Schlappe. In Bolivien wurde der ehemalige Koka-Bauer und Aymara-Indianer Evo Morales zum Präsidenten gewählt. Er war Anführer der Cocabauern in der Region Chaparé (Nahe Cochabambas), die in den achtziger im Zuge US-amerikanischer Drogenpolitik - dazu gehörten militärische Interventionen, Vernichtung von Kokafeldern und Zerstörung der örtlichen Infrastruktur - ihre Lebensgrundlage verloren. Morales wurde trotz massiver Eingriffe der US-Regierung im Wahlkampf mit fast 55 Prozent gewählt. Aus den USA flossen nicht nur finanzielle Mittel zur Unterstützung des Wunschkandidaten der US-Regierung, sondern auch Gelder an bolivianische Generäle, die als Gegenleistung Raketen aus nationalen Waffenbeständen vernichteten.

Kulturelle Agency

Interessanter als über die angekündigte Koka-Politik Evo Morales zu spekulieren wäre eine eingehende Beschäftigung mit der neuen politischen Kultur, die erstmals Geschichte, Religion und Alltagleben des Altiplano (Hochebene, die sich von Peru bis Bolivien erstreckt) stark einbeziehen dürfte. Zum Protokoll der Amtseinführung Morales seitens der indianischen Gemeinschaft gehörte das Tragen der "Chompa", der Kopfbedeckung vor-kolonialer Zeit, die Inka-Oberhäuptern wie Marco Inka oder Tupac Amaru zustand. Das Zelebrieren von Dankesriten an die "Pacha Mama", die Mutter Erde, und an die Aymara-Gottheiten nach dem Wahlsieg Morales gehören zum Festalltag in Boliviens Hauptstadt. Wer sie als folkloristisches Beiwerk abtut, wie es hierzulande geschieht (gewitzte Kollegen glauben einen Coup zu landen, wenn sie unter der zeremoniellen Kleidung Morales sein Alltagsoutfit, den inzwischen viel kommentierten blau gestreiften US-Präsidentenpullover für 10 US-Dollar entdecken), hat etwas entscheidendes verpasst: Es geht um Identitätsbildung. Wer auf dieser Welt heute keine "eigene" Identität vorzuweisen hat, kann, salopp gesagt, "einpacken". Bekanntermaßen ist Identität keine feststehende Größe, sondern etwas, das produziert und hervorgebracht wird, sich ständig wandelt. Ausschlaggebend sind dabei kulturelle Kräfte. Diese Prozesse der Identitätsbildung bei indianischen Gruppen der Aymara und der Koka-Kleinbauern in Bolivien führten eben 2003 zum Rücktritt des bolivianischen Präsidenten Lozano und schließlich zur Wahl von Evo Morales.

Migration

Nach dem Kinofilm El Norte des kalifornischen Regisseurs Gregory Navos von 1983, der die Migration von Landarbeitern, Nachfolgern der Mayas von Guatemala über Mexiko in die USA erzählt, spielte die Problematik in der Kunst des Westens hierzulande keine weitere Rolle. Einzig der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes thematisierte in den letzten Jahren in Interviews deutscher Zeitungen die heiklen Themen Grenze und Migration. Kürzlich charakterisierte Fuentes in der spanischen Tageszeitung El País auch im Hinblick auf die Wahlen in Mexiko den Jetztzustand von Grenze und Migration so: "Die durchlässige Grenze, Territorien, die früher mexikanisch waren, dazu der nordamerikanische dringliche Bedarf an mexikanischen Arbeitskräften einerseits und die mexikanische Notwendigkeit, Arbeit zu exportieren, die in Mexiko nicht geschaffen werden kann oder die man nicht schaffen will, andererseits sind eine Herausforderung" für den aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten Lopez Obrador. Fuentes weiter: "Intensive Handelsbeziehungen. Doch das Freihandelsabkommen vergaß die Frage Arbeit einzubeziehen. Wirtschaftliche Interdependenz. Aber eine monströse Ungleichheit der Lebenswelten."

Das bereits länger geplante Vorhaben der US-Regierung, als neue Grenzsicherung eine 1000 km lange Mauer zu errichten, wurde kürzlich im Senat positiv entschieden, zehn lateinamerikanische Staaten protestieren dagegen. Es drängt sich nachgerade auf, die Problematik in den Zusammenhang eines einflussreichen Buchs zu stellen, dessen Autor auch hierzulande in aller Munde ist: Samuel Huntingtons Who are we. The Challenges to America´s National Identity von 2004. Hier entwickelt Huntington seine frühere These des angeblichen "Clash of civilizations" weiter. Die Formel wird bei uns (un)sinnigerweise mit "Kampf der Kulturen" übersetzt: ein Synonym für "Kulturkampf", einem Begriff, der in Deutschlands jüngster Vergangenheit eine gelinde gesagt mehr als problematische Rolle gespielt hat.

Huntingtons "Kampf der Kulturen" wird mit nerventötender Naivität und Unkenntnis des Kontextes allerorts und jederzeit nachgeplappert, er ist längst verinnerlicht worden. Selten wird überlegt, was der US-amerikanische intellektuelle Chefideologe da eigentlich aufgetischt und ins Rollen gebracht hat. Huntington vertritt die These, dass die USA sprachlich, kulturell, politisch gespalten seien und die größte Identitätskrise seit 1815 erleben. In den USA gibt es inzwischen eine Debatte und Veröffentlichungen auch außerhalb akademischer Kreise. Das Problem, so Huntington, sei die massive Migration vor allem mexikanischer Einwanderer. Seine Lösung sei nur einseitig im nordamerikanischen Sinne möglich und in Englisch artikulierbar. Inzwischen wissen wir, dass sich das Rezept Huntingtons nicht auf das Denken beschränkt, sondern dass ihm Taten folgen. Die Rezeption der Werke Roberto Bolaños werden sie nicht befördern.


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00:00 10.03.2006

Ausgabe 38/2020

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