Kernkraft fürs Klima? Nein danke

Umwelt Fürsprecher der Kernenergie bringen sich gern als Klimaretter ins Spiel. Doch ihre Rechnung stimmt nicht
Kernkraft fürs Klima? Nein danke
Am Horizont des Nuklearzeitalters dräut immer schon eine düstere Zukunft

Foto: Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Was machen Atomlobbyisten auf einer Klimakonferenz? Sie werben dafür, die gefährlichste und teuerste Art, Strom zu erzeugen, als Klimaschutzmaßnahme wieder ins Gespräch zu bringen. So geschehen bei der Klimakonferenz in Katowice: Kernkraftbefürworter priesen die angeblich gute CO₂-Bilanz von Atomkraftwerken.

In Belgien fordern rechte Parteien wie die NVA eine Laufzeitverlängerung der dortigen Atomkraftwerke über das Jahr 2025 hinaus. Frankreich hat schon 2018 beschlossen, einen Großteil der Atommeiler zehn Jahre länger am Netz zu lassen. Mit dem ursprünglichen Plan, Atomstrom bis 2025 um die Hälfte zu reduzieren, seien die Klimaschutzziele nicht zu erreichen, so das Argument der Regierung Macron. Auch die EU-Kommission beruft sich auf den Klimaschutz in ihrem Versuch, weitere Forschungsgelder der Entwicklung des Fusionsreaktors Iter zukommen zu lassen.

Dass Atomstrom fast CO₂-neutral oder nicht klimaschädlicher als grüner Strom sei, wie oft behauptet wird, ist jedoch falsch. Während des Betriebs verursachen Atomkraftwerke zwar nur geringe Mengen an CO₂. Entscheidend sind aber die vor- und nachgelagerten Prozesse, angefangen beim Abbau und der Verarbeitung von Uran über den Transport, den Bau und Abriss des Reaktors bis hin zur Lagerung des Mülls. Der niederländische Nuklearexperte Jan Willem Storm van Leeuwen gehört zu den wenigen Wissenschaftlern, die den gesamten Lebenszyklus einbeziehen. In einer Studie von 2017 errechnete er, dass mit der Erzeugung von Atomstrom zwischen 88 und 146 Gramm CO₂ pro Kilowattstunde emittiert werden. Das entspricht dem Durchschnittswert der derzeit existierenden gasbetriebenen Heizkraftwerke. Sie liefern über 75 Prozent des Gasstroms im deutschen Netz.

In Zukunft wird sich die CO₂-Bilanz von Atomstrom noch mal verschlechtern, da der Uranabbau wegen immer niedrigerer Uranerzgehalte mit einem immer höheren Energieaufwand verbunden ist. Nicht nur die Emissionen von CO₂, auch die anderer Treibhausgase müssten einberechnet werden. Dazu ist die Datenlage lückenhaft, bekannt ist nur, dass vor allem bei der Verarbeitung von Natururan erhebliche Mengen hochpotenter Gase freigesetzt werden.

Die Geschichte der Atomkraft ist außerdem von unzähligen Pannen und Fehlplanungen geprägt, es entstanden Millionen- und Milliardengräber. Nicht wenige Reaktoren fallen immer wieder für längere Zeit aus oder müssen wegen gravierender Störfälle frühzeitig stillgelegt werden. Das sogenannte Versuchsendlager Asse 2 in Niedersachsen ist ein Beispiel für den grob fahrlässigen Umgang mit Atommüll. Dessen Bergung erfordert einen Aufwand, der bis heute nicht abzusehen ist. Die beiden EPR-Reaktoren in Finnland und Frankreich, deren Bau sich um etwa zehn Jahre verzögerte, verschlangen jeweils um die zehn Milliarden Euro, etwa dreimal so viel wie zuerst veranschlagt. Ob und wann sie tatsächlich in Betrieb gehen werden, ist fraglich. Nichts deutet darauf hin, dass in Zukunft alles glattlaufen wird, erst recht nicht bei der schwierigen Aufgabe, den Atommüll für die nächsten Jahrzehnte möglichst sicher zu lagern und ein von der Biosphäre abgeschirmtes Endlager zu errichten. Die Diskussion erübrigt sich gänzlich, sobald man die Emissionen in Folge eines möglichen Super-GAUs in Europa einbezieht. Allein der Aufbau einer neuen Infrastruktur für die Menschen der betroffenen Region würde Treibhausgase in einem gigantischen Ausmaß erzeugen.

Offene Uranminen

Wie sehr Atomkraft dem Klimaschutz im Wege steht, wird deutlich, wenn man sich die Treibhausgasvermeidungskosten anschaut. Investitionen in Atomkaft tragen generell nur in geringem Maße dazu bei, Emissionen zu senken. Im überfüllten deutschen Strommarkt kommt es sogar vor, dass Atomenerige die Erzeugung von grünem Strom verhindert. Besonders in Norddeutschland treten Windkraftanlagen in direkte Konkurrenz zu Atommeilern. An stürmischen Tagen wird deshalb Windstrom entweder nicht erzeugt oder durch die sogenannte Regelleistung absorbiert.

Der Bau neuer Reaktoren ist besonders kontraproduktiv. Der Effekt, pro Kilowattstunde weniger CO₂ auszustoßen als ein Kohlekraftwerk, lässt sich mit anderen Optionen deutlich schneller und preisgünstiger erreichen. Auch für alte Atommeiler gilt: Je länger sie am Netz bleiben, desto mehr verhindern sie notwendige Maßnahmen in den Klimaschutz.

Der Energieexperte Mycle Schneider kritisiert etwa, dass der französische Staat Milliarden in den angeschlagenen Atomkonzern EDF steckt, wovon ein Teil in die Modernisierung störanfälliger Reaktoren fließen soll. Hätte man die unwirtschaftlichsten Meiler stattdessen kurzfristig stillgelegt und das Geld in Effizienzprogramme investiert, so Schneider, würden schon nach kurzer Zeit Treibhausgasemissionen vermieden werden. Den Effekt hätte man um das Mehrfache gesteigert.

Weltweit ist der Betrieb vieler Reaktoren so unrentabel geworden, dass sie vorzeitig vom Netz gehen oder nur aufgrund öffentlicher Subventionen weiterlaufen. Laut Schneiders World Nuclear Industry Status Report 2018 zahlten vier US-Bundesstaaten jeweils eine neunstellige Summe, um die Schließung von Atommeilern aufzuschieben. „Das sind keine versteckten oder indirekten Subventionen“, sagt Schneider, „das ist wirklich cash.“ Davon abgesehen ist eine größere Anzahl kleiner Anlagen erneuerbarer Energien, die sich gegenseitig ergänzen, wesentlich zuverlässiger als ein System aus vorwiegend großen, womöglich störanfälligen Kraftwerken. Das bestätigt die Entwicklung des SAID-Wertes, eines Indexes für die durchschnittliche Versorgungsunterbrechung: 2016 mussten deutsche Verbraucher im Schnitt Stromausfälle von nur 12,8 Minuten erdulden, 2006 waren es noch knapp 22 Minuten. Im selben Zeitraum erhöhte sich der Anteil Erneuerbarer am Strommix von 11,3 auf 29,2 Prozent. In Frankreich liegt der SAID-Index bei circa 50 Minuten, in Polen mit seinem hohen Braunkohleanteil Ausfälle bei fast 3,5 Stunden pro Jahr und Verbraucher.

Zur Klimaschädlichkeit der Atomkraft kommt das Risiko eines Super-GAUs, das nach Fukushima nicht mehr als „äußerst unwahrscheinlich“ gelten kann. Die Gefahr steigt mit jedem Jahr, in dem über 30-jährige Atommeiler länger am Netz bleiben. Schon jetzt gibt es etwas, das man einen „schleichenden Super-GAU“ nennen muss: Beim Uranabbau in offenen Minen in Afrika und Australien gelangt der radioaktive Staub ungeschützter Abraumhalden mit dem Wind in besiedelte Gebiete. Obwohl er keine hohen Strahlenwerte aufweist, kann er tödliche Krankheiten auslösen.

Anika Limbach ist Journalistin und Autorin des Romans Gefahr ohne Schatten über den Lobbyismus der Atomindustrie

06:00 09.05.2019
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