Kesseltreiben

BERLINER ABENDE Kurz vor Jahresschluss fand die Jagd statt. Einhundertzwei Jäger, fast genausoviele Hunde, fünfundvierzig Treiberinnen und Treiber, fünfundzwanzig ...

Kurz vor Jahresschluss fand die Jagd statt. Einhundertzwei Jäger, fast genausoviele Hunde, fünfundvierzig Treiberinnen und Treiber, fünfundzwanzig Stück Wild zum Abschuss freigegeben. Das große Waldstück mitten in der Altmark jubelte Halali, die Lust des Waidmanns posaunte "Sau tot".

Kurz vor Jahresschluss träumte ich von roten Gummistiefeln zu einem Kleid, das mir der Liebste einst geschenkt hatte. Rote Gummistiefel für meinen Gautierfummel an einem späten Nachmittag vor einem langen letzten Jahresabend. Ich eröffnete die Jagd im Osten, bei Schuhtick und im Kaufhof. Ich nahm Witterung auf. Die Verkäuferinnen schüttelten die Köpfe.

Die beiden gut ausgebildeten Teckel hatten den Fuchsbau gefunden. Das Weib voran, der Kerl abwartend, lauschend, bis er den Kampfeslärm hörte. Er machte sich auf den Weg, rettete die bessere Hälfte und jagte den Fuchs, um ihm im Kessel den Garaus zu machen. Aber bis zum Kessel kam er nicht.

Ich fuhr in den Kessel, die teuersten Gummistiefel zu erstehen, wenn sie nur rot wären. Der Abend musste ein Jahrtausenderfolg werden. Im "Kaufhaus des Westens" keilte ich meinen jahresmüden Leib in die duftenden, frisierten, geschminkten, jahresgestählten Frauenkörper. Hoch in die dritte Etage, vorbei an den schwarzen Lackmänteln für tausendzweihundert Mark, hinter der Jungen Mode - Tops für nur zweihundertfünfzig - waren die Toiletten. Die Sucht nach roten Gummistiefeln hatte treibende Wirkung. Rechts frei. Eine nicht mehr ganz junge Mutter trieb ihr kleines Mädchen, das teure Hüllen trug, in den Kessel der linken Toilette. "Ich muss nicht", maulte die Prinzessin. "Du wirst jetzt Pipi machen", sagte das Muttertier, "sonst pullerst du nachher ein."

Der Gang, in den der Hund den Fuchs getrieben hatte, war eine Sackgasse. Dem Jagdtier blieb nichts anderes übrig, als sich im Nacken der Beute zu verbeißen. Droben standen die Jäger und stellten Mutmaßungen über den Stand der Dinge an.

Die Kleider des Mädchens raschelten, der Klodeckel klackte gegen die Spülung. "Nicht Pipi", greinte das Kind. "Wir gehen hier nicht eher raus, bis du Pipi gemacht hast", knurrte die Mutter.

Manchmal drangen Geräusche aus dem Fuchsbau. Knurren, Fauchen, die pure Wut schwitzte sich aus den Löchern in die Wipfel der Tannen.

"Ich bin nicht mit dir ins KaDeWe gegangen, um stundenlang auf dem Klo zuzubringen", zischte die Mutter. "Jede Minute ist kostbar, jede Minute, hast du mich verstanden? Mach jetzt endlich!"

Im Fuchsbau herrschte Stille. Der Hund im Nacken des Fuchses verbissen, blieb, wie und wo er war. Der Fuchs stellte sich tot. Alles war eine Frage der Zeit. Die Jäger verließen den Ort - das konnte Stunden dauern.

Das Mädchen hatte aufgehört zu weinen. Ich lauschte und hörte nichts weiter als die Geräusche der Mutter, die sich in ihrer Beute verbissen hatte und den Kessel nicht erfolglos verlassen wollte. "Ich geh nicht eher", keifte, "ich hau dir eine runter", drohte sie. "Du entwischst mir nicht." Ich hinterließ ein Räuspern und ein: "Das ist unglaublich" für das kleine Mädchen. Entkäme es dem Kessel, schenkte ich ihm meine Sucht nach roten Gummistiefeln.

Am nächsten Tag war es noch immer totenstill im Bau. Gegen Abend vernahm der Jäger ein leises Winseln. Er holte Hilfe und fing an, zu graben.

Das Mädchen stellte sich weiter tot. Die Minuten vergingen. Das wütende Crescendo der Mutter erreichte ungeahnte Höhen. "Das ist meine Zeit im KaDeWe. Ich brauche ein Kleid, und wenn du nicht sofort pipi machst, dann vergesse ich mich."

Drei Mal gruben die Männer, bis sie endlich in dem Gang landeten: Der Hund lag hinter dem Fuchs, fest im Nacken des Tieres verbissen. Der Fuchs wie tot. Vorsichtig trennte man die beiden Tiere voneinander.

Das Mädchen schwieg und pinkelte nicht. Die Mutter konnte vom Fanggriff nicht lassen.

Der Fuchs öffnete ein Auge. Das entging dem Jäger nicht.

Das Mädchen schluchzte kurz auf. Das hörte die Mutter.

Der Jäger nahm den Spaten.

Die Mutter holte tief Luft.

Der Fuchs machte sacht eine Fluchtbewegung.

"Ich muss nicht", jammerte das Mädchen.

Der Jäger zertrümmerte mit dem Spaten den Schädel des Fuchses.

Die Mutter gab dem Mädchen eine Ohrfeige.

Der Fuchs war tot.

Das Mädchen weinte laut.

Der Hund hatte seine Belohnung bekommen.

Die Mutter hatte das Kind besiegt.

Ich bekam meine roten Gummistiefel.

Am Abend zog ich die schwarzen an.

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00:00 07.01.2000

Ausgabe 41/2021

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