Keupstraße ist überall

Köln Das Mahnmal für die Opfer des NSU wäre eine kleine Chance

Das politische Hin und Her um das Mahnmal, das an den Bombenanschlag am 9. Juni 2004 in der Kölner Keupstraße erinnern soll, ist ein Trauerspiel. Es droht obendrein, eine moralische Bankrotterklärung zu werden. Die Opfer des Anschlags wurden Jahre lang verdächtigt und verhöhnt. Ermittelnde Polizisten haben sie stigmatisiert und ihre Nachbarn und Familien diskreditiert. Manche der Betroffenen haben diesem Land den Rücken gekehrt und es für immer verlassen. Ihr Vertrauen in den deutschen Staat ist zerbrochen.

Jetzt, 15 Jahre nach dem Anschlag, gibt es eine kleine, jedoch nicht nur symbolisch bedeutsame Chance zur Wiedergutmachung: Ein von der Stadt Köln 2016 als Sieger in einem Wettbewerb gekürtes Mahnmal soll an jenen dunklen Tag erinnern, an dem fünfeinhalb Kilo Schwarzpulver 702 Zimmermannsnägel mit unvorstellbarer Wucht durch die belebte Geschäftsstraße schleuderten. Scheiben zerbarsten, Geschäfte wurden zerstört, die Nägel bohrten sich wie Pfeile in das Fleisch der Menschen. Manche konnten nur durch Notoperationen gerettet werden. Wie durch ein Wunder kam niemand ums Leben.

Das Mahnmal will den Erfahrungen derjenigen im Stadtbild Raum geben, deren Existenz durch rechtsradikale Gewalt zerstört und die durch rassistisch geprägte Ermittlungen ein zweites Mal zu Opfern gemacht wurden. Wahrheitssuche? Sieben lange Jahre dauerte es, bis sich bestätigte, was die Menschen in der Keupstraße schon immer wussten: dass es sich um einen Anschlag von Neonazis handelte. Wieder war Aufklärung nicht gewollt. Verfassungsschutz und Behörden sind knietief in rechten Terror verstrickt. Ein Skandal? Der NSU-Komplex tötet weiter, wie der Mord an Walter Lübcke zeigt.

Pro Tag werden in Deutschland 50 Straftaten von rechts verübt. Fast 200 Menschen sind seit der Wiedervereinigung durch rechtsradikale Gewalt ums Leben gekommen. Der jüngste Verfassungsschutzbericht zählt über 12.000 gewaltbereite Rechtsextremisten. Ihre Angriffe, Brandanschläge und Morde werden weiter verharmlost.

Das geplante Denkmal ist ein Monument gegen all diese Tendenzen – im Kleinen wie im Großen: Der Berliner Künstler Ulf Aminde hat es in enger Zusammenarbeit mit Anwohner*innen der Keupstraße entworfen, virtuelle Wände sollen migrantische Geschichten erzählen. Ein Ort des Zusammenlebens und des Austauschs könnte hier entstehen – nicht irgendwo, sondern auf einem noch unbebauten Grundstück in Sichtweite zum Ort des einstigen Verbrechens – so, wie der Kölner Rat es am 11. Februar 2014 beschlossen und seitdem bekräftigt hat.

Nun will eine Eigentümergemeinschaft das Grundstück bebauen. Sie behauptet dreist, von den Plänen für das Denkmal nichts gewusst zu haben und lehnt es ab. Dabei würde es nur einen winzigen Bruchteil der Freifläche in Anspruch nehmen, die baulich sowieso vorgeschrieben ist. Für die Opfer und ihre Familien ist dies eine neuerliche Verhöhnung. Das Mahnmal ist für sie – an dieser Stelle, nicht abgekoppelt vom Ort der damaligen Tat – von herausragender Bedeutung. Die Kölner Politik muss endlich die Perspektive von rassistischer Gewalt Betroffener ins Zentrum rücken und klar Position beziehen. Eine Stadt, die gerne als vorbildlich gelten will, ist jetzt aufgefordert, weithin sicht- und hörbar ihren Willen zu einer Gesellschaft der Vielen zu bekunden. Gleiches gilt im Übrigen für die Investoren, die einsehen müssen, dass auch sie gesamtgesellschaftliche Verantwortung tragen.

06:00 04.07.2019
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