Kick gegen das Patriarchat

Queer Viele Lesben haben keinen Bock auf schräge Blicke in der Turnhalle. Seit 30 Jahren gibt es deshalb den Verein „Seitenwechsel“
Kick gegen das Patriarchat
Beide Füße auf den Boden, Gewicht balancieren, Gegner fixieren – bereit zum Angriff

Illustration: Susann Massute für der Freitag, Material: Adam Glanzmann/GETTY

Der Tritt zielt in die Magengegend. Nun ist schnelles Handeln gefragt. Das gegnerische Bein mit dem Arm abwehren? Äußerst schmerzhaft und zudem riskant: Der Kopf darf nicht ungeschützt bleiben. Den Bauch durch kontrolliertes Hochziehen des eigenen Beines abzuschirmen ist eine Option, bringt den Körper jedoch aus dem Gleichgewicht. Durch eine flinke Bewegung der Hüfte, gepaart mit einem Schritt nach hinten, dreht sich die Sportlerin zur Seite. Das Bein des Gegners schnellt an ihr vorbei. Gewicht ausbalancieren, den Gegner fixieren, das Gesicht mit den Händen schützen, wieder bereit zum Angriff oder zur Verteidigung.

Der Berliner Sportverein Seitenwechsel richtet sein Angebot an Frauen, Lesben, trans- und intergeschlechtliche Personen und an Mädchen – inzwischen schon seit 30 Jahren. Dabei geht es in erster Linie um sichere Räume für die Trainierenden. Auch hier: Die beiden Kämpfenden umtänzeln einander auf einer Wiese im Schatten der Bäume. Als sich zwei Schaulustige dem Spektakel nähern, wendet sich Kampfsporttrainer Fabian mit der Bitte an sie, ungestört trainieren zu dürfen, ohne die Blicke Fremder. Schon setzen die Neugierigen ihren Weg über die Wiese fort.

Albtraum Umkleidekabine

„In einem abgeschirmten Raum fühlen sich Teilnehmende vor komischen Blicken und unsensiblen Fragen bezüglich ihres Geschlechts sicher, daher hat das Training für viele einen Schutzraumcharakter“, erklärt Corinna Schmechel. Die ehemalige Boxtrainerin beschäftigt sich im Rahmen ihrer Dissertation mit dem Umgang mit Körpernormen in queeren und feministischen Sportgruppen. Queer und Sport? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? „Queer wird als Infragestellung der Zweigeschlechtlichkeit verstanden. Diese ist keine unhinterfragbare Norm mehr, da sie vielen Lebensrealitäten nicht gerecht wird. Für Trans-Menschen und all diejenigen, die sich nicht binärgeschlechtlich verorten, sind bereits Umkleiden ein großes Hemmnis, am Sport teilzunehmen“, sagt Schmechel. Der Zwang, sich als Frau oder Mann einordnen zu müssen, wird in queeren Sportvereinen möglichst vermieden. All-Gender-Umkleiden werden von allen Mitgliedern genutzt, unabhängig von ihrem Geschlecht. Piktogramme von Menschen mit und ohne Rock sind hier überflüssig.

Beim Kampfkunst-Training im Park ist keine Umkleide nötig, die meisten erscheinen schon in sportlicher Kleidung. Neuankömmlingen werden Klebebandrolle und Stift weitergereicht. „Bitte Namen und Pronomen, mit dem ihr angesprochen werden möchtet, aufschreiben“, sagt Fabian, hinter dessen Name der Zusatz „er“ zu sehen ist. Die Rolle landet bei einer Person, die zögert. Der Name ist bereits notiert, nun schwebt die Hand weiter über dem Klebeband, der Blick wandert ratlos durch die Runde. „Wenn du dich nicht entscheiden möchtest, reicht auch ein X“, sagt einer der Trainer.

Mika trainiert seit Jahren bei Seitenwechsel, bezeichnet sich als Trans* und kann die Verunsicherung nachvollziehen. „Während meines Coming-out-Prozesses war ich komplett überfordert damit, mich auf ein Pronomen festzulegen, da ich mir selbst nicht sicher war.“ Mittlerweile verzichtet Mika gänzlich auf männliches oder weibliches Pronomen. „Es ist hier selbstverständlich, sich mit selbst gewähltem Pronomen vorzustellen. So wird klar, dass Inter- und Trans-Personen einfach da sind und als Menschen wahrgenommen werden.“

All-Gender-Umkleiden, Pronomenrunden, ist das nun der große Unterschied zu konventionellen Sportvereinen? Es gibt auch Besonderheiten im Trainingsablauf, sagt Corinna Schmechel: „Körper- und Leistungsnormen werden deutlich mehr reflektiert. Die Assoziation, dass dicke Menschen nicht sportlich sein können und man immer besser und leistungsfähiger sein muss, wird in den Sportgruppen kritisch beäugt und diskutiert.“ Nur wer sein Wissen nicht aus Vorurteilen speist, kann fair miteinander umgehen, so der Gedanke. Daher stellt Seitenwechsel einen Leitfaden mit Erklärungen zu Geschlechtlichkeit und Identität für Trainerinnen und Trainer. Beim feministischen Kampfkunst-Training werden Freiräume und persönliche Grenzen von allen Teilnehmenden berücksichtigt. Das bedeutet in erster Linie, sich während der Übungen aufeinander einzulassen und das Gegenüber durch Bewegungen zu führen. Die Trainierenden besprechen sich immer wieder untereinander. „Darf ich dir Feedback zu der Übung geben?“, fragt eine erfahrene Sportlerin ihre Partnerin, bevor sie Verbesserungsvorschläge macht. Es wirkt respektvoll, nicht überzogen. Auch in einer Pause zwischen den Übungen kommen die Teilnehmenden ins Gespräch. Warum diese Art der Kampfkunst feministisch sei, möchte jemand wissen: Sind es die Achtsamkeit und das Vertrauen der Partnerin oder dem Partner gegenüber? Der Fokus liege nicht auf Stärke und Vergleich, sondern auf Kommunikation und Taktik, meint Mika.

Corinna Schmechel verweist auf die historische Entwicklung: „Tatsächlich hat die feministische Sportkultur der 80er Jahre ihre Ursprünge in Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungsgruppen.“ Erst später entwickelte sich aus der reinen Selbstverteidigung und dem Ziel, sich gegen Übergriffe wehren zu können, das Interesse am sportlichen Kampf, aus dem ein breiteres Angebot an feministischen Sport-Angeboten hervorging.

Der 1988 in Westberlin gegründete Sportverein Seitenwechsel erwuchs aus der Motivation von (homosexuellen) Frauen, ungestört und ohne Leistungsdruck mit Gleichgesinnten Sport treiben zu können – jenseits einer männlich geprägten Sportwelt. Inzwischen hat sich die Struktur durch die wachsende Zahl der Vereinszugehörigen und das breitere Sportangebot über die Jahre verändert. Mittlerweile werden über 50 Trainerinnen und Trainer beschäftigt. Und vor fünf Jahren wurde der ursprünglich auf Frauen und Lesben beschränkte Verein auch für Trans- und Interpersonen geöffnet. Die basisdemokratische Funktionsweise macht solche Veränderungen möglich: Statt auf feste Hierarchien gründen sich Entscheidungen auf Diskussionsrunden, in denen Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Ideen herrscht.

Politisch aktiv werden und sich feministisch engagieren, ist das die Motivation der Vereinszugehörigen? Warum treiben so viele Menschen lieber Sport in queeren Vereinen als in konventionellen? Seitenwechsel zählt etwa 1.000 sportbegeisterte Vereinszugehörige, und beim schwul-lesbischen Sportverein SC Janus in Köln sind es sogar über 1.500.

Kein gutes Land für Queere

„Schwierige Geschichten mit der eigenen Geschlechtlichkeit und schlechte Erfahrungen im Schulsport, wo man körperlich zur Schau steht, führen zu ‚Schulsporttraumata‘ oder ‚Turnhallenphobien‘“, begründet Schmechel die Motivation queerer Sportler*innen. Lara bestätigt das. Seit ihrer Jugend war sie nicht mehr in einem Sportverein aktiv, erst bei Seitenwechsel habe sie sich als lesbische Person angenommen gefühlt. „Unabhängig von deinen körperlichen Voraussetzungen kannst du beim Training in freundlicher, lustiger Atmosphäre sicherer mit dir und dem eigenen Körper werden“, sagt sie. Trainer* Mika sieht im queeren Sport gar einen politischen Akt: „Wo Frauen, Lesben, Inter- und Trans-Personen gestärkt werden, ist Sport auch politisch.“ Das im Training erlangte Selbstbewusstsein übertrage sich auf den Alltag, gebe mehr Kraft zum Leben und bedeute ein Widersetzen.

Während in jeder größeren deutschen Stadt mittlerweile ein queerer oder schwul-lesbischer Sportverein vertreten ist, sieht die Infrastruktur im ländlichen Raum dahingehend jedoch dürftig aus. Wo Mädchen und Frauen nicht integriert oder Homosexuelle diskriminiert werden, da die Aufmerksamkeit fast ausschließlich Männermannschaften gilt, ziehen sie sich oft vom Sport zurück.

Queere Vereine versuchen, dies breitflächig zu verändern: durch Kooperationen mit anderen Vereinen und durch die Ausrichtung von städte- und länderübergreifenden queeren Sportveranstaltungen. Auf diese Weise versucht auch Seitenwechsel, eine Vorbildfunktion für den konventionellen Sportbetrieb wahrzunehmen. Doch in erster Linie geht es um die Trainierenden selbst. „In meiner Freizeit nicht dieselben Kämpfe führen zu müssen wie im Alltag, ist unglaublich entlastend“, sagt Mika. „Bei der feministischen Kampfkunst von Seitenwechsel bin ich einfach als Person da und kann mit anderen Sport machen, was ziemlich cool ist.“

06:00 23.10.2018

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