Kick zur Rettung

Sportplatz Kolumne

2002 war nicht nur das Jahr von Irakkrieg und Elbeflut, die allgemein als Gründe für die überraschende Wiederwahl der rotgrünen Bundesregierung angesehen werden. Es war auch das Jahr einer sensationellen Vizeweltmeisterschaft einer deutschen Männer-Fußballnationalmannschaft, und zwar einer Mannschaft, die für ihr spielerisches Unvermögen während des Turnierverlaufs mit Hohn und Spott überschüttet wurde, die dennoch alle entscheidenden Matches gewann, um dann im Finale gegen Brasilien erstmals guten Fußball zu spielen und zu unterliegen. Diese Dramaturgie entließ ein ursprünglich griesgrämig gestimmtes Fußballvolk gut gelaunt in seine Sommerferien. Danach folgte der Sieg Schröders. Er war so knapp, dass es bei einem anderen Verlauf der WM auch gut hätte anders ausgehen können.

Um nicht missverstanden zu werden: der Fußball bestimmt nicht den Ausgang demokratischer Wahlen. Er beeinflusst nur die Laune einer großen Zahl von Wählern und zunehmend auch Wählerinnen. Bei knappem Wahlausgang kann das entscheidend sein. Dieses Kalkül leitet auch die Vorbereitungen für die Fußballweltmeisterschaft im Bundestagswahljahr 2006 in Deutschland.

Szenenwechsel: Dortmund 2004. Der zweitwichtigste Fußballverein Deutschlands mit dem derzeit größten Stadion, Borussia Dortmund, meldet nach vielen erfolgreichen, zuletzt aber nur mäßigen Saisons ein Jahresminus von weit über 100 Millionen Euro. Die Gesamtverschuldung soll um ein Vielfaches höher sein. Auch die Politik hängt mit drin: die nordrhein-westfälische Landesregierung hat drei faule Kredite mit einem Gesamtbetrag von 37 Millionen Euro verbürgt. Dortmund ist der einzige börsennotierte deutsche Verein. Der Ausgabekurs der Aktie war seinerzeit elf Euro, heute steht sie unter drei. Unsympathische Börsenhaie haben sich großer Teile des Aktienkapitals bemächtigt.

Im Schatten dieser Schlagzeilen agiert der regionale Rivale der Dortmunder, der FC Schalke 04, im krisengebeutelten Gelsenkirchen. Er hat ähnlich hohe Schulden und seine Eintrittsgelder auf Jahrzehnte am Kapitalmarkt beliehen, um sich davon für diese Saison eine sündhaft teure Mannschaft zusammenzukaufen. In seinem Funktionärsumfeld bewegen sich konkursbedrohte Großhändler und solvente Menschen- und Waffenhändler, alte Freunde des verstorbenen FDP-Politikers Möllemann. Die Mannschaft ist zum Erfolg verurteilt. Wird eine Europapokalteilnahme verpasst, ist die malade Lage nicht mehr zu verbergen.

Beide Vereine eint, dass sie sich teure Superarenen geleistet haben, deren Abzahlung noch aussteht. Dummerweise haben Konkurrenten in Mönchengladbach und Köln (derzeit 2. Liga) es ihnen gleich getan. Duisburg (2. Liga) und Düsseldorf (3. Liga, aber nur knapp) sind gerade in Bau. Essen (noch 2. Liga mit Tendenz nach unten) hat einen Neubau beschlossen. Macht zusammen sieben Groß-Stadien (kleinere wie Bochum, Leverkusen und andere nicht mitgezählt) in einem Umkreis von gut 100 Kilometern. Eine rentable Auslastung so vieler Spielstätten ist nicht vorstellbar, eine dramatische Überproduktionskrise so gut wie sicher.

Viele deutsche Fußballmanager blicken neidisch nach Spanien. Der Vorzeigeverein Real Madrid entschuldete sich auf Kosten der Steuerzahler. Die Stadt Madrid kaufte ihm sein Vereinsgelände zu einem Mondpreis ab, weil sie die Immobilie zu Bauerwartungsland hochstufte. Die Beteiligten an diesem Deal waren alle Mitglieder des Partido Popular (PP), der mittlerweile abgewählten rechten Regierungspartei. Als sie das Kabinett stellte, wurde Realpräsident Perez zum größten spanischen Bauunternehmer. Seltsam nur, dass die "Galaktischen" von Real seit dem Regierungswechsel von einer rätselhaften Formkrise erfasst werden.

Bundestrainer Klinsmann hat solchen Filz nicht im Sinn. Zunächst schiebt er die vorgestrige Bürokratie des Deutschen Fußballbundes aus dem Weg. Seilschaften von altinternationalen Intriganten wie Matthäus, Beckenbauer und ihren Freunden bei Bild werden entmachtet. Junge Spieler, die noch "geil" sind, "für Deutschland" zu spielen, werden gefördert. Derzeit scheinen sie es als Erholung zu empfinden, in der Nationalmannschaft Spaß am Spiel zu entwickeln, statt im Verein die Ersatzbank zu drücken.

Exakt das ist die Stimmung, die Schröder 2006 braucht. Wenn Klinsmann mit seinem Team 2006 erfolgreich ist, könnte er den entscheidenden Kick zur Rettung einer Kanzlerkarriere liefern. Um das nicht zu gefährden, wird man Dortmund, Schalke und andere noch nicht untergehen lassen. Nach der Bundestagswahl wird es dann allerdings sehr böse aussehen.


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00:00 26.11.2004

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