Kids ohne Zukunft

Tempelsturm "Così fan tutti" in Hip-Hop-Version läutet den Bitterfelder Weg der neuen Bundesrepublik ein

Mozarts Così fan tutte ist eine der raffiniertesten Opern, die komponiert wurden. Wer sie veraltet, verstaubt, klassizistisch findet, verpasst auch die Chance, sich selbst besser zu erkennen. Die Liebe zwischen Menschen ist heute so unsicher wie nie. Und Beziehungen sind mindestens so gefährdet wie der Arbeitsplatz. Allerorten Beziehungslosigkeit, Krisen der Erotik, der Treue, der Schönheit. Die Power des gegenwärtigen Kapitalismus flexibilisiert und verbraucht den Einzelnen so sehr wie die Liebe und liquidiert damit ihr befreiendes Moment. Andererseits - Liebe ohne Konflikt, wie langweilig. Kreative Paare haben häufiger Konflikte als einfallslose. Kreativ ist, wer lebendig ist. Mozart/Da Pontes Protagonisten lassen sich ihre Liebe nicht klauen, sie verteidigen sie mit all den Leiden und Ängsten und Stacheln drin. Eine Gegenkraft lebt in Così fan tutte, die nach Abbildung schreit, nicht nach Nivellierung!

Im selben Haus, der Komischen Oper in Berlin, in dem Peter Konwitschny eine sehr lebendige deutschsprachige Version von Così fan tutte auf die Bühne gebracht hat, kam nun ein Hardcore-Mozart: Hip H´Opera@ - Così fan tutti. Idee, Konzeption: Markus Kosuch, Komposition: Wolfgang Bender. Das Projekt, von jugendlichen Laien gemacht, soll Jugend locken. Wohin? In Bremen (und anderswo) gibt es ein ähnliches Projekt: HipHop meets Klassik. Es versucht, Jugend für klassische Musik zu begeistern. Das will auch die Komische Oper. Bloß wie? Anzusetzen ist bei Mozart selbst.

Bekanntlich sind die echten Könner auch die strengsten Richter - gegen sich und andere. Drum sind sie so gefürchtet. Mozart hasste Halbheiten, wie er die Salzburger Berge hasste, weil sie nach dem Schweiß der Gäule des Erzbischofs rochen, der ihn mit einem Fußtritt in die Freiheit befördert hatte. Welch eine Heldentat. Bei schlampig komponierter und aufgeführter Musik schien er noch erbarmungsloser zu sein. Hätte er dieses Ungetüm seiner Così fan tutte-Oper in der Komischen Oper erlebt, ihm wäre das Rasiermesser in der Leck-mich-am-Arsch-Tasche aufgegangen.

Show kann auch in einer Mozart-Oper sein. Sinnreich inszenierte artistische Körperlichkeit dürfte Mozartscher Meisterschaft nichts anhaben können, wohl aber seine Musik originell hervorheben und etwas von ihrem Subtext zum Vorschein bringen. Der Kosuch-Version gebricht das. Falsch wäre es, tief anzusetzen. HipHop-Terror schlechtester Sorte (es gibt interessante, ursprüngliche Formen) knallt in die Rezitative rein wie das Wiehern der Pferde im Freischütz. Das färbte ab aufs Ganze. Mangelhaft sodann die Sänger/Sängerinnen, die Arien haben. Was an Tänzen nach Rockklängen kommt, ist den gängigen TV-Shows abgekupfert. O je, die beiden Rapper, die Guglielmo und Ferrando geben, Gegenspieler der Damen Dorabella und Fiordiligli, können einem nur Leid tun. Null-Ahnung haben die von den komplizierten Liebesdingen, die Così fan tutte-Oper gestaltet. Jasmin Shakeri als dunkle, schöne Despina, Rockstar, Entertainer und Kammerzofe in einem, bringt die Figur um ihre subtile Verschlagenheit. Bekanntlich steht und fällt die Oper mit der Agilität und Emotionalität, auch der Artistik der Sängerschauspieler. Wer hingegen brummt und lallt, verfehlt den Inhalt. Die beiden Paare stellen im Original ihre Liebe kreuzweise auf die Probe. Es sind Wesen wie du und ich, wie wir, mit Wünschen und Trieben, Vorsätzen und Schwächen, wie sie jeder kennt, der einmal davon gekostet hat. Dem so sensitiven Spiel, das Mozart so komplex in Musik gesetzt hat, müssen die Akteure ebenbürtig sein. Unter dem ist nicht.

Mozart aber - wie Kaßler eingeschweißt in die Folie der Popkultur, zugerichtet unter Fleischerhänden, mit dem Instinkt von Holzfällern? Meisterschaft bringt die Verwurstungscrew unter Regisseur Markus Kosuch um ihre Meisterschaft. Und Jugend muss herhalten. Die Scheißzeit, die jetzt ist, hat ihren Geschmack schon so versaut, ihr Gefühl so auf den Hund gebracht, ihren Geist so lahmgelegt, dass sie derlei auch noch gut findet und den Fleischwolf mitdreht. Der Beifall wollte nicht enden. Es ist leicht, der Gegenwart zu gefallen. Schwerer ist´s, der Zukunft zu genügen.


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00:00 14.04.2006

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