Kiesel im Fluss

Vor 60 Jahren Die erste Ausgabe der Wochenzeitung "Sonntag" - eines der Vorgängerblätter des "Freitag" - erscheint

Aus dem Jahr 1989 ist das Wort "Wahnsinn" überliefert, aus dem Jahr 1945 der Ausdruck "Nie wieder". Nie wieder sollte Deutschland einen Krieg führen können, nie wieder andere Völker bedrohen und zu deren Ausrottung Lager bauen, nie wieder Länder verwüsten, nie wieder ein Heer aufstellen ...

60 Jahre sind eine lange Zeit. Die Zahl derer, die sich aus eigenem Erleben an den Tiefpunkt deutscher Geschichte erinnern können, nimmt ab. Und die Lehren verfallen dem Vergessen. Was 1945 ein unüberwindbarer Fels zu sein schien, ist heute kaum noch ein Kiesel.

Damals aber meinen es diejenigen, die aus der moralischen und ethischen Wüste Deutschland wieder einen Lebensort machen wollen, an dem Menschen nach humanistischen Prinzipien agieren, absolut ernst. Adornos Satz, dass nach Auschwitz Gedichte unmöglich geworden seien, umschreibt Entsetzen und Verachtung für ein Volk, das sich schlimmster Verbrechen schuldig gemacht hat. Dass unter diesen Umständen an die Erneuerung von Kultur gedacht wird, ist vor allem denen zu danken, die dem Faschismus Widerstand geleistet haben oder aus dem Exil zurück kehren. Auch wenn die besiegten Deutschen misstrauisch auf die fremden Deutschen in französischer (Alfred Döblin), amerikanischer (Stefan Heym) oder russischer Uniform (Konrad Wolf) blickten, sie überließen ihnen, was als politische oder kulturelle Perspektive daher kam. Und schlossen sich ihnen - einfach an.

Vielleicht waren die Vorstellungen der Emigranten weniger ausgereift, als später behauptet wird, vielleicht ging es vielen zunächst nur darum, die eigenen Werke aus der Zeit des Exils in deutscher Sprache verlegt zu sehen. Auf jeden Fall erhielten sie in der sowjetisch besetzten Zone Lizenzen zur Gründung von Verlagen, Zeitschriften, Instituten und verbreiteten Aufbruchstimmung, um die Katastrophenkinder mitzureißen, die den totalen Krieg überlebt hatten. Lethargie wandelte sich in den Willen, die Gesellschaft so umzukrempeln, dass Faschismus für immer unmöglich wurde.

Ordentliches Vorzimmer, gutbürgerliches Ambiente

Die kulturpolitische Wochenzeitung Sonntag entsteht im Sog dieser Zeitwende wie auch der Aufbau-Verlag, in dem die Zeitung bis in die siebziger Jahre erscheint. Johannes R. Becher hat noch im Moskauer Exil auf Bitten von Wilhelm Pieck eine Konzeption entworfen, um die nazistische Ideologie in den Köpfen der Deutschen zu überwinden. Literatur und Kunst erscheinen unverzichtbar. Wie Erich Wendt, Friedrich Wolf und Walter Janka gehört Becher zu den Mentoren von Verlag und Zeitung. Was sie Anfang Juli 1946 auf den Weg bringen, ist in materieller Hinsicht ein bescheidenes Projekt, anders verhält es sich mit dem geistigen Horizont, man denkt an Umerziehung, an Resozialisierung eines schuldig gewordenen Volkes - will den didaktischen Kommentar ebenso wie das große Feuilleton und literarische Texte.

Der Sonntag soll - wie der Aufbau-Verlag mit seinem Buchprogramm - viel von dem aufnehmen, was zwischen 1933 und 1945 nicht erscheinen durfte. Zunächst in allen vier Sektoren Berlins vertrieben, bündelt das Blatt, was sich als kulturelle Szene zu erkennen gibt: Die junge Fotografin Eva Kemlein, die als Jüdin in Kellern der Stadt überlebt und als einzigen Besitz ihre Leica-Kamera gerettet hat, den Kritiker Friedrich Luft, den Exilanten Walter Janka, den Romanisten Victor Klemperer, künstlerisch oder philosophisch ambitionierte Autoren, die als Hitlerjungen das letzte Gefecht bestritten haben. "Macht was draus", so das Credo. Was war, hat die Menschen ins Verderben gestürzt. Neu kann nur sein, was den Faschismus verdammt.

Dass schon bald die Einheit der Siegermächte schwindet, dass im beginnenden Kalten Krieg Besatzungszonen plötzlich auf der "anderen Seite" liegen, trifft auch den Aufbau-Verlag. Er zieht von Berlin-Dahlem im Westen in ein ehemaliges Bankhaus an der Französischen Straße im Osten. Ganz oben, im vierten Stock, links neben dem Fahrstuhl im getäfelten Büro, sitzt der Chefredakteur: Ordentliches Vorzimmer, mehrere Sekretärinnen. Gutbürgerliches Ambiente. Man hofft auf illustre Autoren und will gut abschneiden im Ost-West-Vergleich. Zwei Stockwerke tiefer, im Großen Sitzungssaal, besprechen Verlagsleitung und Chefredaktion noch gemeinsam, welche Themen zu behandeln sind. Der Sonntag soll die Debatten führen, die den Intellektuellen auf den Nägeln brennen: Worin besteht die Freiheit der Kunst unter Nachkriegsbedingungen? Was auch die Frage aufwirft: Wo finden sich angemessene Unterkünfte für künstlerische Existenzen? Welcher Rückkehrer hat Anspruch auf welche Lebensmittelkarten? Auf Sonderzuteilungen?

Der aus dem Westen übergesiedelte Literaturwissenschaftler Hans Mayer schreibt über die Reorganisation der Hochschullandschaft, Georg Lukácz über die Interpretation von Literatur, Erich Loest über Leipzig - Ernst Bloch plädiert für freies Denken. Viele der damals noch im Ausland lebenden Künstler entschließen sich zur Rückkehr und gehen in den Osten. Anna Seghers, Bodo Uhse, Hanns Eisler, Bertolt Brecht sammeln sich um den Aufbau-Verlag. Und der Sonntag feiert in seiner ersten Ausgabe großzügig das Wiedererscheinen der Weltbühne, attackiert den "unpolitischen Menschen", der "sich aus der Politik zurückzieht" und schon wieder in die "Verantwortungslosigkeit flieht", sieht dadurch neuerliches Unheil heraufziehen. Berichtet wird über den Nürnberger Prozess: Mitglieder einer Staat gewordenen Räuberbande müssten für ihre Taten einstehen, wenn sie ihrem Räuberhauptmann Befehlsgewalt über Leben und Tod eingeräumt hätten, heißt es.

Schon in der Nr. 2 taucht ein Name auf, der mit der widersprüchlichen, teils gebrochenen Geschichte der Zeitung verbunden bleiben soll: Wolfgang Harich, der sich dem Kulturbund und damit jener Organisation widmet, die zusammen mit dem Aufbau-Verlag den Sonntag herausgibt. Harich fragt mit dem Blick auf jüngste Vergangenheit nach der "Tragweite des Mitläufertums". Der Kulturbund, vermerkt er, habe "dabei geholfen, über das Schweigen, das in harten Jahren Gedachte und Erkannte und in der Sprachlosigkeit Gestaute zu meditieren und damit auch die eigene Schuld zu umreißen", die es auch dann gegeben habe, wenn sich Intellektuelle und Autoren manchmal in "wehrloser Innerlichkeit" von der "Bestialität des Faschismus überrollt" sahen...

Die Idealisten aus dem "Club der Gleichgesinnten"

Zehn Jahre später, 1956, werden einige dieser Autoren, trotz der Erfahrung mit dem Aufstand von 1953, im Vertrauen auf den XX. Parteitag der KPdSU und seiner Abrechnung mit dem Stalinismus, über eine neue Gesellschaft diskutieren. In eben jenem Sitzungssaal im zweiten Stock des Aufbau-Verlages trifft sich der "Club der Gleichgesinnten", nicht ganz öffentlich. Eine neue Gesellschaft sei machbar, lautet ein Fazit. Im östlichen Deutschland eher als im zweiten deutschen Staat, in dem unübersehbar alte Nazis an den Strippen ziehen. Die wollen die Idealisten aus dem "Club" ebenso stoppen wie abenteuerlich starrsinnige Entscheidungen einer DDR-Führung, für die selbst Becher am Ende seines Lebens zum Unsicherheitsfaktor wird.

Harich müht sich mit einem Entwurf für die Verfasstheit eines einheitlichen, garantiert antifaschistischen Deutschland, benennt Notwendigkeiten für den Umbau der DDR, um als Partner der Einheit akzeptabel zu sein, denkt schriftlich über die Umbildung der Regierung und die Absetzung Walter Ulbrichts nach, diskutiert sein Programm mit der sowjetischen Botschaft und dem Ostbüro der SPD. Er und seine Partner - darunter die Sonntag-Chefredakteure Zöger und Just, die Autoren Loest und Zwerenz, der Verlagsleiter Janka - bezahlen dafür mit vielen Jahren Haft. Oder sie verlassen das Land.

Es gehört zur Tragik der DDR-Geschichte, dass die Idealisten als Staatsfeinde verurteilt und nicht als Ideengeber einer Erneuerung anerkannt werden. Sollte es Chancen für einen demokratischen Sozialismus in der DDR gegeben haben, dann in diesen Jahren zwischen Stalins Tod 1953 und der Durchsetzung des absoluten Wahrheitsanspruchs der SED 1956.

Dem Sonntag bleibt nach dieser turbulenten Zeit der Ruf: Talentierte Narren zu versammeln und zu drucken. Nach dem Motto - ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert - führt das in den folgenden Jahren zu gewisser Nachsicht. Das Blatt scheint für die "sozialistische Sache" nur bedingt tauglich. Der unsägliche Formalismusstreit etwa wird deshalb in anderen Blättern geführt, nur ein Artikel steht dazu im Sonntag. Die Zeitung wird sogar aufgefordert, den einen oder anderen Autor, der sich zu weit und zu kritisch aus dem Fenster gelehnt hat, irgendwie neu "einzubinden".

Für die meisten Journalisten, die in den sechziger oder siebziger Jahren zum Sonntag stoßen, bietet sich so ein recht bequemes und privilegiertes Refugium. Fast alle kennen die 56er-Geschichte vom Hörensagen. Diejenigen, die sie direkt erlebt haben, sprechen, auch auf Nachfrage, nie darüber. "Seid froh, dass euch das erspart geblieben ist", sagt man und genießt das lose Mundwerk einiger Kollegen am Mittagstisch. (Sorgfältig handschriftlich protokolliert in den MfS-Akten, ohne dass noch einmal jemandem ein Haar gekrümmt worden wäre.)

Zwar greift die Zeitung auch später das eine oder andere wichtige Thema auf, an eine wirkliche Debatte erinnere ich mich nur in einem Fall: Der Wissenschaftsredakteur Werner Müller-Claud fand die Technikentwicklungen der siebziger Jahre derart rasant, dass ihn die Frage nach den Wirkungen auf Mensch und Gesellschaft umtrieb. Denken für die Welt von Morgen nennt er seine Debatte, an der sich die Geistesgrößen jener Jahre zunächst aus der DDR und anderen sozialistischen Ländern, dann auch aus dem Westen beteiligen. Der Diskurs gipfelt in offenen Briefen zwischen Müller-Claud und Erich Fried. Aus heutiger Sicht ein wenig zu fortschrittsgläubig, aber durchaus aufgeschlossen für Problemlagen, die sich damals mit dem Begriff Kybernetik verbinden. Nach angemessener Frist kommt vom SED-Zentralkomitee der Hinweis, es sei nun "der Schaumkronen" genug. Für Müller-Claud heißt das: Warten wir auf andere Gelegenheiten. Lernen wir, etwas so zu sagen, dass es verstanden, aber nicht schon im Ansatz abgelehnt wird.

Vielleicht ist es die Erinnerung an die Kollegen von 1956 und Debatten, wie Müller Claud sie führte, die den Sonntag darin bestärken, 1989 nicht einfach mit dem allgemeinen Strom davon zu schwimmen und sich auf den "Schaumkronen" übermächtiger Heilserwartungen zu wiegen. Das schließt kritische Beobachtung von Realitäten und realen Tätern ein. Vielleicht ist es das, was vom Sonntag im Freitag fortwirkt.


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00:00 23.06.2006

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