Kiffen

A-Z Wer gelegentlich einen Joint raucht, wird davon keineswegs dümmer, behaupten US-Forscher. Big Mike zeigt, dass im Rausch sogar großartige Geschäftsideen entstehen
Redaktion | Ausgabe 05/2016

A

Assassinen Wilde Mythen umranken die religiöse Splittergruppe der Assassinen. Mit blutigem Terror jagten sie ihren mittelalterlichen Zeitgenossen so viel Angst ein wie uns heute der IS. Ihr Name ist abgeleitet vom arabischen Wort für Haschisch-Esser. Mit der Droge sollen sich die Killer betäubt haben (Sedierung), wenn sie als Selbstmordattentäter unterwegs waren.. Die islamische Sekte gehörte zu den Ismailiten, einer schiitischen Strömung. Der Mord mit dem Dolch war ihre Spezialität, zeitweise paktierten sie mit den Kreuzfahrern, im 13. Jahrhundert verschwanden sie von der Bildfläche.

Nach Europa kam die Kunde von den Assassinen durch Marco Polo, die Erzählungen waren mit sexuellen Ausschweifungen ausgeschmückt. Übers Italienische schlich sich das Wort in viele europäische Sprachen. Im heutigen Englisch bedeutet assassin so viel wie Attentäter, der Duden listet es als Synonym für Meuchelmörder auf. In der Popkultur mischen die Typen heute auch mit, oft als lautlose Diebe in Fantasy-Rollenspielen wie Assassin’s Creed. Tobias Prüwer

B

Big Mike Ob es RTL war? Oder Vox? Jedenfalls sah ich den „Marihuana-Millionär“ Michael Straumietis zum ersten Mal in einer Nach-22-Uhr-Reportage im Privatfernsehen. Ich war geflasht: ein bärtiger Klotz mit Privatjet, mit Heavy-Metal-T-Shirt und zwei Playmate-artig aufgemachten Frauen auf seinem Schoß – und mit einem dicken Pollenklops zwischen den Zähnen, zum Spaß, für die Kameras.

Big Mike heißt der Mann bei Fans und Kunden – und von denen gibt es viele. Mit seiner Firma Advanced Nutrients sorgt der 55-jährige bekennende Dauerkiffer dafür, dass Hanfpflanzen besser gedeihen. Nirvana heißt ein von ihm verkaufter Spezialdünger. 1996, noch bevor die ersten US-Staaten begannen, den Konsum unter Auflagen zu erlauben (➝ Legalisierung), gründete er nebenan, im liberaleren Kanada, sein Unternehmen. Heute liegt sein Jahresumsatz schon bei 40 Millionen Euro. Das nennt man wohl vorausschauende Geschäftstüchtigkeit (➝ Intelligenz). Katja Kullmann

C

Coffeeshops Es gibt eine kanarische Insel, über welche die Urlauber streiten, ob sie wie der Mars oder der Mond aussehe. Im Norden jener Insel liegt ein Fischerort, der viele Surfer anzieht. Das Dorf ist seit 30 Jahren mein liebster Urlaubsort. Großes Staunen meinerseits, als ich erfuhr, es gebe dort nun einen Coffeeshop. Der liegt in einer rechtlichen Grauzone: Der Freizeitkonsum von Cannabis ist in Spanien erlaubt, der Handel jenseits des Eigenbedarfs verboten. Im Land breiten sich nun sogenannte Cannabis-Klubs aus. Der Unterschied zu den Shops in Holland (➝ Grenzverkehr): Das Marihuana darf nicht nach draußen gelangen. So hat der Laden lieblos zugeklebte Fenster und ist voll mit zugedröhnten Italienern, die wohl extra aus diesem Grund auf die Insel fahren. Nach der zweiten Tüte kann man darüber hinwegsehen. Aber es war dann doch das erste Mal, dass ich von meinem Marsmondfischersurferort ein bisschen enttäuscht war. Juliane Löffler

G

Grenzverkehr Immer dieser Rechtfertigungsdruck, nur weil man zum Urlaub in die Niederlande fährt: „Nein, ich fahre nicht zum Kiffen. Ich will bloß ans Meer.“ Auch wenn man noch ein „Ehrlich, kein Spaß!“ anhängt, als Antwort kriegt man meist ein süffisantes „Na klar ...“ oder zwei Finger, die Paffbewegungen nachahmen. Für viele ist es wohl Standard, ein Kilo Northern Lights oder Power Plant aus dem Urlaub über die deutsch-holländische Grenze zu schmuggeln. Im Internet existieren Foren voller Schmuggelvorschläge, von denen „Lass deine Eltern fahren“ (danke, „Vice“!) noch einer der harmloseren ist. Leider passen meine Freunde und ich – Studenten, Kleinwagen, Bierdosen im Getränkehalter, Legend (➝ Legend) im CD-Player – gut ins Verdachtsprofil. Weswegen wir wahrscheinlich noch nie Gras aus Holland mitgenommen haben. Ehrlich, kein Spaß! Simon Schaffhöfer

I

Intelligenz „Kiffen macht dumm“, heißt es oft. Stimmt aber gar nicht, meinen jetzt Forscher von der Loyola Maymouth University in L. A. Sie testeten den IQ von rund 3.000 Teenagern, bevor diese jemals Gras zu sich genommen hatten – und testeten sie dann noch einmal, Jahre danach. Zwischen Kiffern und Abstinenzlern waren kaum Unterschiede festzustellen, auch bei Zwillingspärchen nicht.

Die Folgerung: Cannabis-Konsum wirkt sich nicht direkt negativ auf den IQ von Jugendlichen aus. Vielmehr sei das Kiffen die Folge anderer Faktoren, die die Intelligenz beeinträchtigen könnten. Also in diese Richtung: „Wer ohnehin schon ein bisschen dumm ist, greift eher mal zum Joint.“ Wie genau beides zusammenhänge, sei aber noch gänzlich unklar, betonten die Wissenschaftler. Derweil kamen andere Forscher zu dem Schluss, dass alles allein von der Dosis abhänge. So steht Studie neben Studie, so bleibt die Sache vorerst nebulös. Katharina Finke

L

Legalisierung Bis ins frühe 20. Jahrhundert war das Kiffen in Deutschland weit verbreitet. Die ansonsten unbrauchbaren Blüten der Cannabispflanze rauchte man als „Knaster“. Verteufelt wurde der Konsum erst in den 1920er Jahren, und das obskurerweise auf Betreiben Ägyptens, das andernfalls mit Handelsboykotten deutscher Heroin- und Opiumpräparate drohte. Jene Drogen galten als der letzte Schrei in der Medizin. Später trugen die 68er und ihre relative Nähe zur RAF dazu bei, das Kiffen zu diskreditieren.

Es ist an der Zeit, Cannabis wieder aus der dunklen Ecke zu holen. Ich gründe hiermit die Organisation „Prohibitionsablehnende Europäer Begreifen Kiffen Als Chance“ (PEBKAC). In der IT gibt es dieses Akronym schon für „Problem Exists Between Keyboard And Chair“, da benennt es den Benutzer als Fehlerursache. Auch deutsche Politiker und ihre Haltung zur Cannabislegalisierung wären damit gut beschrieben. Uwe Buckesfeld

Legend Neben einer kaputten Spülmaschine und dem (Trink-)Spiel Looping Louiegehört Bob Marleys Best-of-Album in vielen Studenten-WGs zum festen Inventar. „Legend“ ist nicht nur die bisher meistverkaufte Reggae-Platte, sondern auch der Audioguide für das Leben der Generation Y. In Easy Skanking erklärt Marley die Grundlagen des Kiffens („Excuse me while I light my spliff“), in One Love macht er Mut für die nächste Klausurenphase („Let’s get together to fight this Holy Armagidyon“). Jeder Song dreht sich wie ein druffer Holzwurm in die Ohren. Wer Legend nicht als Schallplatte oder CD besitzt, hat es vermutlich illegal aus dem Internet heruntergeladen. „Easy skanking, take it easy“, würde Bob Marley dazu wohl sagen. Simon Schaffhöfer

P

Paul Bowles Wer kifft, beginnt zu mäandern, beim Reden, Schreiben, Musizieren. Die längste halbe Stunde meines bisherigen Lebens brach an, als ein geübter Kiffer zum Grasrauchen die Platte Just a Poke von Sweet Smoke auflegte. Bei wahren Kiff-Genies bringt die Droge nicht nur die Kunst zum Wabern, sondern den Boden unter unseren Füßen gleich mit, manchmal auch unser Weltbild. Keiner übertraf darin Paul Bowles (1910–1999), den New Yorker Weltenbummler, der im marokkanischen Tanger heimisch wurde.

Nehmen wir seine Geschichte über Allal: Der lebt einsam in den Palmenwäldern vor der Stadt und bietet einem Schlangensammler einen Schlafplatz an. Schlangen sind wie Menschen, sagt ihm der Mann, du musst sie kennenlernen, dann kannst du ihr Freund werden. Allal zähmt schließlich eine rotgoldene Schlange, mit Milch und Kif. Als er sich nachts an sie schmiegt, öffnet sich ihre Pupille so weit, dass er hineinschlüpfen und den Körper mit ihr tauschen kann. Er kriecht aus seiner Hütte, in die Stadt hinein, und ehe ihm am nächsten Tag ein Axthieb den Kopf abtrennt, hat er in drei Menschen seine Giftzähne gestoßen. Paul Bowles selbst erklärte einmal: „Das Kif gab mir einen viel längeren Atem.“ Er lebte fast 89 Jahre. Michael Ebmeyer

S

Sedierung Ich habe mich lange gefragt, wie das zusammengeht, die Ächtung der Rauchenden einerseits und der weltweit fortschreitende, teils auch erlaubte (➝ Legalisierung) Haschischkonsum andererseits. Was sich scheinbar widerspricht, folgt – glaubt man dem österreichischen Philosophen Robert Pfaller – einer konsequenten Logik. Sukzessive verdrängt werden laut Pfaller gerade jene Substanzen, die noch über ein gewisses Revolutionspotenzial verfügen. Von berauschten Alkoholisten auf Barrikaden bis zu demonstrativen Nonkonformisten wie James Dean: Hier droht Gefahr! Wie harmlos sind dagegen die wohlerzogenen, kiffenden Mittelstandskinder, die sich zum sedierenden Joint am Abend ganz friedlich die einhunderttausendste Netflix-Serie anschauen. Timon Karl Kaleyta

Stonerfilme Wenn Cannabiskrümel und Rauchschwaden die zentralen cineastischen Motive sind, weiß man, dass man gerade einen sogenannten Stonerfilm sieht. Die Pointendichte im Genre des Kifferkinos ist hoch, die Witze bahnen sich oft mit der Brechstange den Weg zu einem und erhellen die eigene Betäubung mit Heiterkeit –von der Mutter der Kifferfilme, Cheech & Chong – Viel Rauch um nichts (1978), über Half Baked (1998), die Friday-Reihe (1995–2002), How High (2001) bis zu Lammbock (2001). Ein besonderer Kult (➝ Zahlencode) wabert dabei um Reefer Madness (Tell Your Children), einen US-amerikanischen Anti-Cannabis-Lehrfilm von 1936, der versucht, Eltern auf den Haschwahnsinn ihrer Kinder vorzubereiten. Felix-Emeric Tota

T

THC Diese drei Buchstaben lösen den Zauber erst aus. THC dient der Hanfpflanze zur Abwehr von Fressfeinden. Dass es im menschlichen Körper auf die berühmt-berüchtigte Art wirkt, haben wir urzeitlichen Meeresbewohnern zu verdanken: Es gibt einen Mechanismus in unserem Nervensystem, der 500.000 Millionen Jahre alt ist und von den Vorläufern der Wirbeltiere stammt. Ihre noch lebenden nächsten Verwandten sind die Seescheiden, die etwa in der Nordsee vorkommen, auf Steinen verankert sind und ihre Nahrung aus dem Wasser filtern. Sie entwickelten Rezeptoren und Transmitter, die die Übertragungsgeschwindigkeit zwischen den Synapsen beeinflussen, wovon wir als Nachfahren profitieren. Auch dadurch, dass THC zufällig genau an diese Rezeptoren andockt. Sophie Elmenthaler

Z

Zahlencode Jede Subkultur, die etwas auf sich hält, hat ihre eigenen Codes. Die Kryptik der Joint-Freunde, vor allem der US-amerikanischen, basiert auf der Zahlenkombination 4/20. Was bedeutet sie? Die Zahlen markieren die zeitlichen Koordinaten in einem ordentlichen Kifferleben: Der 20. April (in der US-Schreibweise: 4/20) ist als Hitlers Geburtstag berühmt, aber auch auch als Weed Day, als internationaler Stoner-Feiertag. 16:20 Uhr (in den USA: 4:20 p.m.) wiederum gilt als perfekte Uhrzeit für den gepflegten Rausch. Andere behaupten, 420 sei einst der interne Code der kalifornischen Polizei bei Cannabis-Delikten gewesen. Wieder andere erzählen noch heute die Legende der Waldos, einer legendären Gruppe von Teenagern, die den Code 420 in den 70ern nutzten, um sich zum Kiffen nach Schulschluss zu verabreden. Felix-Emeric Tota

06:00 17.02.2016

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