Kiffen schadet dem Marder

Umwelt 10.000 Tonnen Gras werden in den USA pro Jahr angebaut. Das Ökosystem leidet, die Rechtslage verschärft das Problem
Thorsten Schröder | Ausgabe 09/2015 26

Eigentlich hätte das Problem schon vor Jahren gelöst sein sollen. 2010 griffen die Verantwortlichen in Mendocino County mit einem Gesetz ein: Künftig solle Cannabis nur noch anbauen dürfen, wer sich bei den örtlichen Behörden registriert und seine Pflanzen mit einem Chip versieht. So wollte die Verwaltung sicherstellen, dass Cannabisproduzenten zumindest die wichtigsten Umweltauflagen einhalten.

Doch nicht mal zwei Jahre später schritt Washington ein und legte das Projekt auf Eis. Bundesermittler stellten bei Razzien einen Großteil der Pflanzen sicher, verlangten die Herausgabe der Unterlagen – und drohten öffentlich damit, den Bezirk im Norden Kaliforniens zu verklagen.

Während die Staaten Colorado, Alaska, Oregon und Washington den Konsum inzwischen weitgehend legalisiert haben und andere wie Kalifornien die Verwendung zu medizinischen Zwecken zulassen, wird Marihuana auf Bundesebene noch immer behandelt wie Heroin und LSD. Dem Boom hat das keinen Abbruch getan. Jährlich werden nach Schätzungen der Legalisierungslobbyorganisation Marijuana Policy Project in den USA fast 10.000 Tonnen Cannabis angebaut, 80 Prozent davon in den Bundesstaaten Kalifornien, Tennessee, Kentucky, Hawaii und Washington.

Doch der Anbau hat nicht nur rechtliche Konsequenzen. Seitdem die Branche nahezu unkontrolliert wächst, zeigen sich auch immer mehr die Schattenseiten der Graswirtschaft für die Umwelt. Mit der Energie, die landesweit für den Anbau von Cannabis verbraucht wird, könnten 1,7 Millionen Einfamilienhäuser versorgt werden, wie das Fachmagazin Energy Policy ausrechnete. Um in einem Gewächshaus nur vier Pflanzen heranzuzüchten, benötigt ein Farmer die Energie von vier Kühlschränken. „Die Auswirkungen sind massiv, die Branche ist nicht ausreichend reguliert, und sie wächst rasant“, fasst Scott Greacen, Direktor der Organisation Friends of the Eel River das Problem zusammen. Der Eel fließt direkt durch den Marihuanagürtel Kaliforniens.

Nirgends zeigen sich die Auswirkungen so sehr wie hier. Der bevölkerungssreichste Bundesstaat war der erste, der den Konsum von Marihuana 1996 legalisierte. Seit 2004 dürfen Patienten ihren Bedarf selbst anbauen und über Kollektive an andere verkaufen. Heute gibt es in Los Angeles mehr Marihuana-„Apotheken“ als Starbucks-Filialen. Die Herstellung im großen Stil droht, die Erfolge der Umweltbewegung zurückzudrehen.

Trockenes Kalifornien

Die Plantagen in Kalifornien verbrauchen pro Saison mehr als 60 Millionen Gallonen Wasser – eineinhalb mal so viel wie der gesamte Wasserverbrauch von San Francisco. Im vergangenen Sommer waren Teile des Gebiets rund um den Eel River zum ersten Mal seit Jahren völlig ausgetrocknet. Viele Umweltschützer sehen die Schuld bei den Grasbauern.

Die Anbaufläche in Kalifornien hat sich innerhalb weniger Jahre verdoppelt. Die Grasgewächshäuser sind inzwischen für rund neun Prozent des Energieverbrauchs verantwortlich. Das führt zu Entwicklungen wie der in Arcata, einer Stadt an der Pazifikküste, 450 Kilometer nördlich von San Francisco. Die Kommune, in der die grüne Partei so stark wie an wenigen Orten der USA ist, hatte sich kurz nach der Jahrtausendwende zum Ziel gesetzt, den CO2-Ausstoß innerhalb von 12 Jahren um 20 Prozent zu reduzieren. Doch zuletzt ist der Energieverbrauch der Haushalte erneut deutlich angestiegen – um 25 Prozent. In der Stadt haben sich Hunderte Marihuanaproduzenten mit ihren Gewächshäusern angesiedelt. Die Lichter, erzählt Scott Greacen, würden seit dem Marihuanaboom in vielen Gegenden inzwischen die ganze Nacht hindurch brennen.

Doch das ist nur ein Teil des Problems. Denn Kalifornien ist zugleich Anbaugebiet für zahlreiche Großplantagen, von denen viele illegal operieren und Verbindungen zu den Drogenkartellen in Lateinamerika haben. Sie hätten kein Interesse daran, langfristig umweltfreundlich anzubauen, erklärt Morgan Fox vom Marijuana Policy Project in Washington DC. Die Folge: Die Grasunternehmer tragen Bergkuppen ab, um dort Plantagen zu errichten und verursachen so Erosionen. Die Erde rutscht in die umliegenden Flüsse und verstopft die für das Ökosystem lebensnotwendigen Quellen. Schon jetzt sind deshalb viele Fischarten bedroht, weil sie ihre Laichgebiete nicht mehr erreichen können. Kalifornien leidet in den Sommermonaten immer wieder unter extremen Dürreperioden. Mit dem Boom der Grasindustrie hat sich das Problem weiter verschärft.

Große Mengen an Düngemitteln und Pestiziden belasten die Umwelt zusätzlich. Die Mittel gelangen ins Grundwasser, lassen den Algenbestand rapide ansteigen und verseuchen die umliegenden Flüsse. Rattengift, das die Produzenten streuen, weil die Nager vom süßen Geruch der Pflanzen angezogen werden, tötet Waldbewohner wie den Fischermarder. Und trotzdem: Schaltet man in den Gebieten um den Eel River das Radio an, bewerben Firmen offensiv ihre Pestizide und Düngemittel und zielen damit auf die Marihuanabauern.

Die komplizierte Rechtslage verschärft das Problem nach Ansicht aller Beteiligten. Nicht nur sind die Auflagen undurchsichtig, auch die Produzenten befinden sich in einer unsicheren Grauzone. Die Grasbauern selbst schweigen sich über das Thema lieber aus, sie wollen in der Branche nicht als Verräter gelten. Vor einer Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden schrecken viele zurück.

Denn für viele Bewohner vor allem der ländlicheren Gegenden ist Marihuana längst zur wichtigsten und oft einzigen Einkommensquelle geworden. In viele Gebiete, erzählt Scott Bauer vom Department of Fish and Wildlife, trauen sich Umweltschützer und Wissenschaftler nicht mehr ohne Begleitschutz hinein, weil es immer wieder Vorfälle gibt, in denen sie von den Bauern angegriffen werden. Offizielle Zahlen sind auch deshalb schwer zu bekommen. „Wir müssen die Branche dringend ans Licht holen“, fordert Scott Greacen, der Direktor von Friends of the Eel River.

Prämie für Wassertanks

Vereinzelt versuchen die Produzenten inzwischen selbst, den Anbau ökologischer zu machen. Die Nonprofit-Organisation Sanctuary Forest etwa kommt jenen, die Wassertanks installieren, finanziell entgegen. Mit den Tanks können die Bauern für die regenarmen Monate vorsorgen. Viele der alteingesessenen Marihuanabauern, sagt auch Greacen, seien eigentlich eng mit der Umweltbewegung verbunden. Doch die Industrie stecke in einem Dilemma. „Es sind vor allem die kleinen Produzenten, die besorgt sind, während es vor allem die Großen sind, die wirklich etwas ändern könnten.“

Die Emerald Growers Association, ein Verband, der Anbauer, Einzelpersonen und Unternehmen vertritt, hat inzwischen ein Handbuch veröffentlicht, das erklärt, wie die Produzenten ihre Pflanzen umweltfreundlicher anbauen können. Doch solange es keine einheitliche Gesetzgebung gebe und lokale Behörden gegen die Ermittler aus Washington ankämpften, blieben solche Versuche wirkungslos, sagt Verbandsdirektor Hezekiah Allen. „Es wird höchste Zeit, dass wir Umweltverbrechen auch als solche betrachten – und nicht die Marihuanaproduzenten dafür verteufeln.“

06:00 04.03.2015

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