Killermaschinen ohne Seele

Aggressivität gehört zum genetischen Code Ein Jahr nach der Anti-Trust-Entscheidung gegen "Microsoft" hat die Marktstrategie des Unternehmens diverse Nachahmer gefunden

Am 7. Juni 2000 wollten US-Bundesrichter mit ihrer Entscheidung in einem Anti-Trust-Verfahren den Konzern Microsoft gnadenlos sezieren - das Monopol sollte in mehrere unabhängige Teile zerlegt werden: In eines, das sich auf die Betriebssysteme (sozusagen die Gleise der Eisenbahn) konzentriert; ein anderes, das Anwendungs-Software wie Textverarbeitung produziert (die Züge), und ein drittes, das Inhalte wie Multimedia und Internet-Angebote herstellt (die Ladung). Inzwischen wechselte die US-Regierung, und die "Atomisierung" des Software-Riesen scheint vorerst kein Thema mehr.

Auch wenn der Gigant bisher weitgehend unangetastet blieb, das hinter den Anti-Trust-Klagen der vergangenen Jahre stehende Problem ist damit nicht erledigt. Die Konkurrenz wird weiter - auch gerichtlich - gegen das Unternehmen vorgehen und mit inquisitorischer Schärfe fragen, ob Monopole wie Microsoft Innovationen und Wachstum der High-Tech-Industrie verhindern. Schließlich beruht der Erfolg des Imperiums von Bill Gates nicht auf überlegener Technik, sondern auf aggressivem Marketing und Management, gepaart mit der Adaption oder dem Zukauf alternativer technischer Entwicklungen (beispielsweise Apple-Oberfläche). Nicht zufällig wird Microsoft von der Konkurrenz als "weißer Hai" gegeißelt - "eine Killermaschine ohne Seele und Verstand, getrieben nur von Hunger und Appetit", zitiert die US-Zeitschrift PC Week den Chef des Datenbankherstellers Sybase. Der seit Jahren tobende Krieg der Turnschuh-Milliardäre aus dem Silicon Valley gegen Microsoft wirft vor allem die Frage auf, ob die klassische Monopoltheorie auf Microsoft überhaupt noch zutrifft.

Die monopolistischen Praktiken des Konzerns sind hinlänglich dokumentiert: Der Versuch, durch das Verschenken von Internet-Navigations-Software (Internet Explorer) das bislang führende Konkurrenzprodukt von Netscape vom Markt zu drängen. Oder die Drohung gegen die weltgrößten PC-Hersteller, ihnen im Falle der Vorinstallation von Konkurrenzprodukten auf den PCs Mengenrabatte für Microsoft-Software zu verweigern und diese Hersteller von frühzeitigen Informationen über technische Weiterentwicklungen auszuschließen. Weitere Beispiele wären möglich.

Microsoft - Gesetz der steigenden Erträge

Auch wenn Bill Gates argumentiert, dass Microsoft nur einen Umsatzanteil von vier Prozent am Weltmarkt für Software hat, bestimmt das Unternehmen mit über 90-Prozent-Marktanteil bei PC-Betriebssystemen und ähnlich hohen Margen bei Anwendungssoftware das technische und wirtschaftliche Profil ganzer Branchen. Mit dieser Kapitalmacht drängt der Matador jetzt auch in das Geschäft mit der Software für größere Rechner (Server) und Rechenzentren und will daneben den Softwaremarkt für Rechnerwinzlinge und Waschmaschinen dominieren.

Worin besteht das Fundament dieser Monopolstellung, die ja nicht mit der weltweiten Kontrolle der Erdölquellen durch Rockefellers Standard Oil zu vergleichen ist? Schließlich kann doch jeder ein Konkurrenzprodukt zu Word oder Windows entwickeln und vermarkten. Außerdem zeigen alle Umfragen unter Computer-Nutzern (zumindest in den USA), dass sie mit der Vormachtstellung von Microsoft zufrieden sind, weil sie einen Standard - und nicht mehrere - wollen. Rockefeller kontrollierte Ölförderung, -verarbeitung und -vertrieb und konnte dann Preise diktieren. Für die Monopole in der HighTech-Branche gelten augenscheinlich andere Gesetze: Dieser Industriezweig basiert darauf, dass es einen einzigen Standard gibt, damit die Geräte der Kunden miteinander kommunizieren können. Der (Geld-) Wert dieses Standards wird umso höher, je mehr Kunden ihn benutzen - ein sich selbst verstärkender Prozess, denn sobald sich der Standard durchgesetzt hat, können die Kunden nicht mehr wechseln, auch wenn ein anderes Betriebssystem oder eine andere Chip-Architektur besser und/oder billiger ist. Je mehr Hardware- und Software-Entwickler Angebote für diesen Standard auf den Markt bringen, desto größer wird sein Vorsprung. Hinzu kommt: Den hohen einmaligen Entwicklungskosten für neue Software stehen geringe variable Kosten gegenüber, unabhängig davon, ob von dem Programm nur einige oder Millionen Kopien verkauft werden.

Es gilt die Formel: Je größer der Marktanteil, je stärker sich ein Produkt als Standard durchgesetzt hat, desto mehr Gewinn kommt in die Kasse. An den Geschäftsergebnissen von Microsoft ist dieses Gesetz der steigenden Erträge, das der klassischen Monopoltheorie widerspricht, deutlich zu studieren. Microsoft kann in dieser komfortablen Lage die Preise senken und Neben-Produkte sogar verschenken, bekommt dafür noch mehr Marktanteil und steigert nochmals seine Profite. Das große volkswirtschaftliche Problem besteht dabei in folgendem: Ein Monopol, das den Standard kontrolliert, kann mit seiner Kundenbasis auch den Technologiesprung dominieren - genau das hat Microsoft mit dem Übergang zum Internet als Standard-Plattform der Computernutzung getan. In anderen Industrien bedeutet ein Technologiesprung oder eine neue Anwendung in der Regel das Ende der Marktführerschaft. Dem Stahlmonopolisten nutzt sein Monopol in der Autobranche recht wenig.

Schließlich forciert Microsoft auch das Zusammenwachsen bislang getrennter Marktsegmente. Das Unternehmen betreibt zwischenzeitlich (zusammen mit NBC) einen Fernsehsender, einen Online-Dienst sowie Online-Firmen für Reisen, Gebrauchtwagen und sicheren Zahlungsverkehr, einen Zeitschriftenverlag und Bildagenturen, beteiligt sich an Kabel-TV-Firmen und baut mit Boeing ein satellitengestütztes Kommunikationsnetz auf. Ob dieser unter dem Schlagwort "Medienkonvergenz" subsummierte Bauchladen von Softwaretechnik, Infrastruktur und Inhaltsangeboten erfolgreich und damit den Trend für andere Monopolisten (Bertelsmann beispielsweise) setzen wird, bleibt abzuwarten.

Microsoft - Modell für lernfähige Aufsteiger

Die Konkurrenz - nicht zuletzt die inzwischen mit AOL und Netscape verbündete Hard- und Softwareschmiede Sun - hat von Microsoft viel gelernt: Über Java und Jini will Sun einen universell einsetzbaren Software-Standard samt zugehörigen Programmbibliotheken definieren, der von Chipkarten bis zu Supercomputern eingesetzt wird und der für einen nicht abreißenden Strom von Lizenzeinnahmen sorgt. Das Geschäftsmodell heißt: Architectural Franchise. Und die Verbindung mit Netscape soll Sun endgültig in die Position bringen, nicht nur die Internet-Server - hier ist Sun schon Spitzenreiter - zu liefern, sondern auch die komplette Software für das Internet-Angebot einer Firma.

Dieser Markt für Unternehmensdatenbanken - in Zeiten von Internet und e-Commerce immer wichtiger - wird faktisch von zwei Firmen dominiert: Oracle und IBM. Ein Geschäft, das zweistellige Wachstumsraten, ständig hohe Lizenzeinnahmen sowie dauerhafte Profite bietet. Zudem nutzen die Marktführer die Krise der Technologiebranche, um kleinere Konkurrenten zu schlucken. IBM hat gerade den Datenbank-Hersteller Informix übernommen und rückt damit dem Marktführer Oracle näher.

Auch SAP - High-Tech-Erfolg aus deutschen Landen - hat einiges von Microsoft gelernt und sich auf dem überaus lukrativen Markt für Programme zur Geschäftssteuerung von Großunternehmen etabliert: Man dominiert weltweit und hat sich eine quasi monopolistische Position erobert. Die Bedeutung von SAP wird auch daran erkennbar, dass es bald so viele Betriebsräte-Seminare zu SAP gibt wie zum Betriebsverfassungsgesetz. SAP ist quasi Gesetz - ganze Unternehmensabläufe werden nach Anforderungen der SAP-Software verändert. Diesem Aufstieg liegt das gleiche Geschäftsmodell wie bei Microsoft zugrunde: Die Bestandteile der SAP-Programme zur Unternehmenssteuerung expandieren, die Funktionen der einzelnen Module auch, und häufige Upgrades - faktisch die Beseitigung von Fehlern und Qualitätsmängeln - bringen ständige Einnahmen. Nach einer kurzen Irritation durch den Siegeszug des Internet auch in den Abläufen der Großunternehmen hat SAP jetzt mit mySAP ein Produkt, wodurch die Prozesse von Unternehmen und deren Partnern auch im Internet beziehungsweise Intranet abgebildet werden können. Derzeit arbeitet das Unternehmen daran, dass mySAP künftig als Portal auf allen Bildschirmen in den SAP-dominierten Firmen erscheint, sobald die PCs angeschaltet werden. Dann wäre Windows samt Microsoft-Werbung von den Firmen-Bildschirmen verbannt.

Der Artikel ist Teil einer ausführlichen Studie von Wolfgang Müller. Sie erscheint als isw-report 47: Nach dem Goldrausch, DM 5.- zzgl. Versand. isw - sozialökologische wirtschaftsforschung e.V. Johann-von-Werth-Straße 3, 80639 München Telefon: 089/130041, Fax: 089/1689415, email: isw_muenchen@t-online.de.

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00:00 08.06.2001

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