Killerschnecken und Fressquallen

Mitbringsel mit Eigenleben Eingeschleppte Lebewesen schaden der Wirtschaft, dem Ökosystem und verbreiten Krankheiten

Schneckenzüchter finden sie hübsch. Die Achatschnecke Achatina fulica sei ein einfach zu haltendes Anfängertier, vollkommen unkompliziert. Im Terrarium und in ihrer afrikanischen Heimat mag das stimmen, in Lateinamerika dagegen hat sich diese Tierart so rasant vermehrt, dass sie Felder abfrisst und den Putz von Wänden raspelt, weil sie große Mengen Kalk für ihren eigenen Hausbau benötigt. Die Schnecke ist eine der Arten, die aus dem Häuschen geraten, wenn sie als sogenannte gebietsfremde invasive Arten einen neuen Lebensraum besiedeln.

Der Mensch macht´s möglich, dass sie wie Aliens in ein neue Welt geraten. Auf den Welthandelswegen verschleppt er Samen und Teile von Pflanzen, Pilzsporen, Insekteneier und -larven, Viren, Bakterien und ausgewachsene Tiere. Nur die wenigsten davon können sich andernorts ansiedeln und vermehren. Gerade einmal ein bis zwei Prozent der Ankömmlinge etablieren sich langfristig im neuen Biotop. Für Deutschland sind bisher immerhin mehr als 260 Tier- und über 400 Pflanzenarten nachgewiesen, die fester und dauerhafter neuer Bestandteil der hiesigen Ökosysteme sind. Während die meisten von ihnen sich schleichend ausbreiten und unauffällig Fauna und Flora verfälschen, werden einzelne zum aggressiven Eroberer.

In der Ostsee schwimmt ein Tier, das das Zeug dazu hat. Mnemiopsis leidyi ist eine Rippenqualle, die ihre ursprüngliche Heimat an der amerikanischen Ostseeküste hat. Dort ist sie Teil der Nahrungskette, hat Feinde, findet Futter und ist Teil eines natürlichen Gleichgewichts. Menmiopsis vermehrt sich rasant und ist alles andere als wählerisch mit ihrer Nahrung. Die Rippenqualle lebt von Fischeiern, Larven und anderem Zooplankton, so dass sie den Fischlarven, die sie nicht direkt verspeist, zumindest die Nahrung wegfrisst. In den achtziger Jahren wurde die Qualle vermutlich mit dem Ballastwasser von Schiffen ins Schwarze Meer verschleppt, wo binnen weniger Jahre die Fischbestände um 90 Prozent abfielen.

Als Jamileh Javidpour, Biologin am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel, im Oktober die ersten Exemplare der Qualle aus der Kieler Förde fischte und in den darauf folgenden Wochen immer mehr Tiere pro Kubikmeter Meerwasser vorfand, war dies für die Wissenschaftlerin ein ebenso alarmierender wie überraschender Fund: "Zufall kann es nicht sein und wenn wir an die Ballastwassergeschichte glauben, dann kann Mnemiopsis nicht auf einmal mit einem Schiff gekommen sein. Das sie jetzt hier ist bedeutet, dass die Art mindestens in der Nordsee und im Skagerrak gewesen sein muss, nur hat es niemand gemerkt."

Mangel an Fliegenbeinzählern

Das lange Zeit niemand etwas merkt, wenn es um die Bestimmung von Tier- und Pflanzenarten geht, die sich in heimischen Ökosystemen bewegen, ist keine Seltenheit. Taxonomie, die systematische Einordnung von Lebewesen, ist in den modernen Lebenswissenschaften äußerst unmodern. Kaum ein Biologiestudent zählt hierzulande intensiv Insektenbeinchen, Spinnenaugen, die Borsten auf den Regenwürmern oder die Staubblätter der heimischen Blütenpflanzen - statt in klassischer Systematik werden die Wissenschaftler fürs Labor ausgebildet. Spezialisten für einzelne Organismengattungen gibt es kaum noch. Der Nachwuchsmangel ist so eklatant, dass die biologischen Fachverbände inzwischen öffentlich eine "Ausbildungsinitiative" fordern. "Ohne Unterstützung von Stiftern und Regierung wird sich nichts ändern," klagt Zoologe J. Wolfgang Wägele, Direktor des Museum Alexander König in Bonn, "für die Wirtschaft ist dieser Zweig uninteressant und die einzelnen Hochschulen sehen sich nicht in der Pflicht."

Intensive Forschung an Biodiversität und auch an neu entdeckten oder eingewanderten Arten wird ohne Spezialisten langfristig zur unlösbaren Aufgabe. Ein ebenfalls sehr vertracktes Problem ist die rechtliche Situation: Was tut man eigentlich mit und gegen die einwandernden Lebewesen? Laut der Konvention zum Schutz der Biologischen Vielfalt müssen die Vertragsstaaten sicherstellen, dass solche Arten nicht weiter verbreitet werden, die eben dieser Vielfalt schaden könnten. "Die Bundesrepublik ist verpflichtet, eine Strategie zu entwickeln," erklärt Wolfgang Köck, Jurist am UFZ-Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle, das Problem, "doch Präventionskonzepte kann man nur für Arten erstellen, über die man schon Bescheid weiß." Doch welches eingeschleppte Lebewesen wo und wann zum ökologischen oder wirtschaftlichen Schädling wird, ist meist ungewiss.

Auch von der Rippenqualle in der Ostsee kann man noch nicht sagen, ob sie einen Einfluss auf das Ökosystem und die Fischereierträge haben wird. "Es kann dieser Art auch passieren, dass sich die abiotischen Bedingungen ändern und sie bei sinkenden Salzgehalten plötzlich wieder verschwindet," erläutert Biologin Jamileh Javidpour.

Parasiten im Schneckenhausgepäck

Abiotische Bedingungen sind unter anderem Wettereinflüsse. Dass ein Klimawandel über lange Zeiträume Ökosysteme verändern wird, liegt in der Natur der Sache. Durch zusätzliche Verschleppung von Organismen beschleunigt sich diese Veränderung der Lebensgemeinschaften. Außerdem hat manche Tierarten, genau wie die Achatschnecke in Brasilien, zusätzlich Mikroorganismen und Parasiten im Gepäck und verbreitet dadurch Krankheiten.

Beispielsweise trat im vergangenen Herbst zum ersten Mal die Blauzungenkrankheit, die Schafe und Rinder befällt, in Deutschland auf. Diese Virusinfektion wird von bestimmten Mückenarten übertragen. Das Vordringen der Krankheit ist also nur dort möglich, wo Virus und Mücke geeignete feucht-warme Lebensbedingungen finden.

Leishmaniose, eine subtropische Infektionskrankheit, die unter anderem im Mittelmeerraum auftritt, wird regelmäßig mit ihrem tierischen Wirt eingeschleppt und das sogar ganz bewusst durch das Mitbringen kranker Hunde. Was den Urlaubern als gute Tat erscheint, ist für Tierärzte oft ein Zeichen falsch verstandener Tierliebe, denn für die Übertragung von Hund zu Hund oder zum Menschen, braucht es nur geeignete Mückenarten und unglückliche Zufälle. Ingo Nolte, Leiter der Kleintierklinik der Tierärztlichen Hochschule Hannover, sieht darin ein wachsendes Risiko: "Menschen die einen solchen Hund aus dem Urlaub mitbringen, kommen hier zwar gleich zum Tierarzt, aber dann ist die Krankheit schon da. Und es will doch keiner von denen, dass unsere Hunde hier auch krank werden."

Globalisierung und Klimawandel verändern die Verbreitung von Lebensformen egal ob Qualle, Virus oder Bakterium - weltweit. Pinguine sind übrigens sehr anfällig für Malaria, bisher aber nur im Zoo. Im ewigen Eis fehlen (noch) die Mücken.


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00:00 02.03.2007

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