Kim Den Haag

Entzauberung Anna Fifield raubt Nordkoreas Diktator seinen Mythos
Kim Den Haag
Die Kims sind ein ganz normales Diktatoren-Geschlecht

Foto: Ed Jones/AFP

Nordkorea – das wohl bizarrste und gleichzeitig zählebigste Experimentierfeld absoluten Personenkultes, was die reiche Palette an totalitären Tyranneien zu bieten hat. Als 2015 die slowenische Gruppe Laibach als erste West-Band überhaupt in Pjöngjang auftrat, war das nur konsequent. Vor handverlesenem Publikum fügten Laibach ihrer seit über drei Jahrzehnten anhaltenden Reflexion über totale Herrschaft und ihrem Ansatz, diese durch ästhetische Umarmung zu erdrücken und mit Ironie zu vergiften, ein weiteres Mosaiksteinchen hinzu. Freilich ohne dieses überdimensionale Konditionierungslabor ins Wanken zu bringen, allerdings auch ohne in eines der berüchtigten Lager zu verschwinden, wohin sie zweifellos verbracht worden wären, hätten die Lakaien der Macht die Subversion des Auftrittes begriffen. Bei dem unglücklichen US-Amerikaner Otto Warmbier brauchte es da weniger hermeneutische Finesse. Er wurde im Jahr 2016 nach der mutmaßlichen Mitnahme eines Propagandabanners vor der Rückreise verhaftet und in einem Schauprozess zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt. Monate später wurde er „aus humanitären Gründen“ entlassen und in die Heimat überführt. Allerdings im Wachkoma. Wenige Tage später verstarb er.

Einblicke in die Demokratische Volksrepublik Korea sind rar, abgesehen von einigen kafkaesk bedrückenden TV-Dokumentationen, in denen fast schon rituell ein Ehrerbietungsbesuch zweier überdimensionierter Statuen der beiden Kim-Vorväter mitgedreht wird.

Nüchterner Blick

Ein nüchterner Blick auf dieses kommunistisch-dynastische Herrschaftsmodell tut not, und es ist der Ostasien-Expertin Anna Fifield, Leiterin des Pekinger Büros der Washington Post, hoch anzurechnen, dass sie mit ihrem Buch Kim, ausgehend vom jüngsten Spross Kim Jong-un, Einblicke in diese Familie und damit in die Geschichte eines geschundenen Landes gewährt. Vielleicht lässt sich etwas begreifen über den Personenkult? Diese geradezu krankhafte Fixierung auf den Führer? Welche Traumata stecken dahinter? Tatsächlich schafft es die Journalistin, die wenigen zugänglichen Informationen über die Kims einerseits zu verifizieren, andererseits mit einer beträchtlichen Anzahl von Zeugen, bis hin zu „übergelaufenen“ Familienmitgliedern, zu vertiefen und geschickt mit der Geschichte der Koreanischen Halbinsel zu verknüpfen.

Kaum ein Land wie Korea hat über eine so lange Zeit unter so grausamen Besetzungen leiden müssen und war dann zu allem Überfluss noch schuldlos Spielball der Hegemonialmächte des Kalten Krieges. Bis 1905 ein tributpflichtiger Vasallenstaat des Chinesischen Kaiserreichs. Dann die Besetzung und Kolonisierung durch Japan, welches bis 1945 Großmachtfantasien auslebt. Danach Teilung durch die Siegermächte, wobei sich die USA des Südens nur halbherzig annimmt, was den Norden mit Unterstützung Chinas ermutigt, sich die ganze Halbinsel einzuverleiben, was wiederum zum Koreakrieg von 1950 bis ’53 mit vier Millionen Opfern führte, dessen Grausamkeiten, zum Beispiel fürchterliche Flächenbombardements des Nordens (mehr Bomben als die USA im Pazifikkrieg einsetzten), nie wirklich aufgearbeitet wurden.

Danach Einrichten des Status quo am 38. Breitengrad. Bis heute kein Friedensschluss, sondern ein Waffenstillstand. Unter diesem Aspekt betrachtet, ist Nordkorea tatsächlich in einem originären Befreiungskampf erkämpft worden, während es den Süden als unmündiges Anhängsel des Westens betrachtet. Wenn die Kims im Zuge zwischenzeitlicher Tauwetterphasen sogar von Wiedervereinigung sprachen, meinen sie natürlich eine Wiedervereinigung à la 1951, wo Nordkorea kurzzeitig fast die ganze Halbinsel besetzt hielt. Also weniger Gangnam Style als vielmehr straffe, die Beine waagerecht hochreißende Soldaten, die in straffen Formationen dann gerne auch durch Seoul marschieren. Dabei ist der junge Kim durch und durch amerikanisiert, fanatischer Basketball-Fan, während sein Vater Hollywoodfilme mochte – dessen Filmleidenschaft führte offenbar auch zu einem schmalen Werk.

Die Widersprüche bei den Kims gehören allerdings zum Handwerkszeug einer jeden despotischen Herrschaft. Ob (vermeintlich) kommunistisch oder klassisch kleptokratisch: hier schwelgen im Luxus, mit eigenen Palästen und einem Strand, an dem der kleine Kim seine ersten Modellflugzeuge ausprobieren durfte, dort darbendes, Gras essendes Volk, das in den 1990er Jahren nur durch Hilfslieferungen überlebte. Oder medienwirksamer Jux des jungen, bereits inthronisierten Kim mit dem abgehalfterten Basketball- und Filmstar Dennis Rodman, während gerade eine Säuberungswelle im Apparat durchgeführt wird, mit ebenfalls medienwirksamen Schauprozessen und Hinrichtungen, die Stalin zur Ehre gereicht hätten.

Bizarrer Höhepunkt in diesem abgründigen, zwischen Air-Jordan-Turnschuhen und Sippenhaft angesiedelten Bestiarium, ist Kim Jong-uns Aufenthalt ausgerechnet im Berner Oberland; im Zuge der Lehr- und Wanderjahre des Infanten. Immerhin war er hier umgeben von Diplomatenkindern, weshalb er nicht wirklich auffällt, der Teenager geht in eine ganz normale Schweizer Schule, bekommt sogar etwas Staatskunde mit und wird damit mit Werten konfrontiert, die an seinem Nike-Trainingsanzug jedoch abgeperlt sein dürften wie das Regenwasser an einem Friesennerz. Zu dem Zeitpunkt ist die Nachfolge längst entschieden, ist der schon früh zum Befehlston neigende, gerne herrisch auftretende jüngere Nachkomme zum Thronfolger bestimmt.

Alles in allem reibt man sich bei der Lektüre von Anna Fifields flüssig geschriebenem und glänzend recherchiertem Buch immer wieder verwundert die Augen. Wo wird das alles hinführen? Ein unberechenbarer, mitunter infantil agierender US-Präsident und ein blutjunger, von seiner Unfehlbarkeit überzeugter Erbfolge-Despot stehen sich gegenüber, sind sich sogar bereits begegnet, können aber jederzeit zuschlagen, wenn sie glauben, dass es ihnen nützt. Es ist ein Szenario wie in einem Comic, nur dass wir hier vergeblich auf den Iron-Titan-Heavy-Metal-Man warten werden. Die beiden Kontrahenten halten sich in geradezu pathologischer Überzeugung ja selber dafür. Von den vielen „gefährlich“, von denen in den letzten Jahren mittlerweile allerorten die Rede ist, scheint einem das Adjektiv auf diese Konstellation besonders zutreffend zu sein.

Immerhin, nach der Lektüre von Fifields Buch ist der dunkle Fleck, den Nordkorea auf der (westlichen) Bewusstseinslandkarte einnimmt, nicht mehr ganz so groß. Solche Herrschaftssysteme, hier auch obendrein eine bankrotte Atommacht, leben von der mythischen Überhöhung, welche gerade auch die Abschottung erschafft. Weiß man nichts von einem Land, wird jedes Gerücht, jeder Informationsschnipsel zu einer Besonderheit, die die Fantasie beflügelt. Fifields Nahaufnahme von Nordkoreas Diktator trägt zu einer wohltuenden Entmystifizierung bei. Die Kims sind ein ganz normales Diktatoren-Geschlecht. Zu ihrem Herrschaftssystem über 25 Millionen Menschen gehört es, schätzungsweise eine halbe Million Menschen, auch durch Sippenhaft, in brutalsten Arbeitslagern gefangen zu halten. Ein System von rund 10.000 Günstlingen stützt sie und schafft weltweit über die jeweiligen Botschaften Devisen heran. Säße der kleine Kim in Den Haag vor Gericht, würde er es sicher auf zwei, drei Jahrzehnte Haft wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit bringen. Also alles halb so wild. Angesichts der von Assad, Bolsonaro, Duterte und Konsorten eingeleiteten Renaissance des klassischen Autokraten, gehört der 36-jährige Kim womöglich zur Avantgarde.

Info

Kim – Nordkoreas Diktator aus der Nähe Anna Fifield Gabriele Gockel, Thomas Wollermann (Übers.), Edition Körber 2020, 416 S., 24 €

06:00 15.03.2020

Ausgabe 13/2020

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