Kinderstadt

Alltag Wenn Kinder Erwachsene spielen, ist das lustig - es kann einem auch das Lachen im Hals stecken bleiben

Wenn Kinder Erwachsene spielen, ist man oft versucht zu lachen. Wenn meine kleine Schwester "Papa im Büro" spielte, verteilte sie sinnlos Berge irgendwelcher Papiere auf dem Esstisch, die sie mit gestresstem Gesicht zu immer neuen Stapeln sortierte. Sprach man sie an, sagte sie, sie habe überhaupt keine Zeit, sie müsse gleich zu einer sehr, sehr wichtigen Versammlung aufbrechen. Dann stopfte sie die Papiere in eine alte Aktentasche und stürmte zur Küchentür hinaus. Am herzlichsten lachte darüber mein Vater - vielleicht fühlte er sich peinlich berührt.

Es kann einem auch das Lachen im Hals stecken bleiben, wenn Kinder Erwachsene spielen. In einem Hof eines Flüchtlingsheims habe ich einmal ein Mädchen gesehen, das war vielleicht sechs Jahre alt und spielte Maschinengewehrschießen. Sie schoss mit einem Teil einer Obstkiste, mit todernsten Augen, pausenlos. Als ich sie ansah, schoss sie, ohne im Ansatz mein Liebes-Kind-Lächeln zu erwidern, auf mich. Und dann wieder. Als ich einige Stunden später das Flüchtlingsheim verließ und nochmals den Hof überquerte, schoss das Mädchen noch immer. Wenn du etwas über ein Land erfahren willst, dachte ich, dann sieh dir die Spiele der Kinder an. Und ich wusste, dass ich auf keinen Fall dort hin wollte, wo das Mädchen herkam.

An all das musste ich am vergangenen Wochenende denken, als ich mit meiner Freundin in die Berliner Wuhlheide fuhr, einen Park mit hohen Bäumen und einer niedlichen Schmalspurbesuchereisenbahn. Ich suchte den Ort, an dem ich selbst als Kind "Erwachsene" gespielt habe, den alten Pionierpalast. Es kam mir vor, als sei seitdem unermesslich viel Zeit vergangen, ein Vielfaches mehr an Jahren als ich in Wirklichkeit gealtert bin. Vielleicht sind in der Wuhlheide tatsächlich die Büsche und Sträucher gewuchert, vielleicht bilde ich es mir auch ein, jedenfalls kam mir der Park vor wie ein verwunschener Wald. Als wir vor dem Palast standen, sagte meine Freundin, die aus dem Westen stammt, "Sieht doch schick aus", und mir war klar, was sie sah: einen Ostmodernebau, verschalt mit angewittertem dunkelgebeiztem Holz und mit bronzeschimmernden Fenstern. Ich versuchte, ihr zu sagen, wie es mir ging, merkte aber dann, dass es keinen Sinn hatte. Man kann anderen nicht erklären, was diese Kindheitsorte mit einem tun. Klar, ich hätte sagen können: Er kommt mir so klein und gewöhnlich vor. Aber was sagt das darüber aus, was ein Pionierpalast einem Zwölfjährigen bedeuten kann? Hier absolvierten wir Kosmonautentraining und überwachten Kontrollleuchten in einer nachgebauten Raumkapsel der Mir. Als müssten wir uns auf Flüge in den Kosmos vorbereiten - und wüssten nicht, dass wir keine Kosmonauten sondern Lehrer, Friseure, oder Schuhverkäufer werden würden, so wie unsere Eltern und Onkel und Tanten auch. Es ist ein seltsamer Zwitterzustand, in den man sich, meine ich, nur etwa im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren versetzen kann. Einerseits ist man schon vernünftig genug, um zu begreifen, dass sich die Planeten um die Sonnen drehen und dass man Aufgaben und Missionen erfüllen kann - zugleich handelt man in einer gespielten Welt noch ebenso ernsthaft und unmittelbar wie in einer echten. Ich glaube, wir hielten diese Sphäre in diesem Augenblick sogar für wirklicher und relevanter als die andere. Als sei die langweilige Welt der Schuhverkäufer und Friseure nur noch zufällig da; eine Parallelwelt, die bald verschwinden würde. Das Morgen gehörte uns, den Kosmonauten.

Das alles verband ich mit diesem holzverschalten Bau mit seinen Bronzefenstern. Deshalb war er mir so nah. Und zugleich so fremd.

Noch vor meinem dreizehnten Geburtstag hatte die DDR aufgehört, zu existieren, irgendwie hatte man vergessen, uns zu sagen, dass wir nun keine Thälmannpioniere mehr waren, man hatte in dem Trubel überhaupt so einiges vergessen - und ich vergaß irgendwann auch den Pionierpalast. Hätte man mir gesagt, er sei weg, abgerissen, hätte ich genickt und gesagt, natürlich. Aber er stand noch da. Davor plätschert lahm der gleiche Springbrunnen wie früher.

Die breiten Treppen zum Eingang hinauf erklimmen Kinder und ein paar Eltern - der Palast wird noch immer als Freizeitzentrum betrieben. Mir fällt auf, dass ich das Alter der Kinder nicht mehr schätzen kann. "Gehst du schon zur Schule?", frage ich einen Jungen; der guckt mich verständnislos an und sagt, "Klar Mann. Vierte". Er erzählt mir noch, dass drinnen gerade "Stadt der Kinder" wäre, wo er Zeitungsredakteur sei, dann springt er die Stufen hoch. Wir folgen ihm. Der Eingangsbereich des Palasts sieht so aus wie ich ihn kenne, eine Dame langweilt sich hinter einem Tresen und verkauft Karten. Die Hauptstadt der Kinder sei eine Veranstaltung, gibt sie Auskunft. Vier Wochen lang spielen Kinder hier "Gemeinwesen". Mit eigenem Geld, eigener Bürgerversammlung, eigenen Gesetzen. Ob ich ein Kind habe. "Ja", lüge ich, den verdutzten Blick meiner Freundin in Kauf nehmend, wir wollten uns die Stadt der Kinder ansehen, um zu entscheiden, ob das etwas für unseren Sohn sei.

Drinnen ist vieles und zugleich nichts wie früher. Die Deckenkonstruktion in Waben ist wie damals. Ich bilde mir ein, den Geruch in der Nase wieder zu erkennen. "Schau!", zeige ich auf einen Anschlag an der Wand: Stadtforschung. Kinder machen Pläne für eine Stadt der Zukunft. "Eine tolle Idee", versuche ich, meine Freundin zu begeistern, erkläre ihr, weshalb gerade Zwölfjährige geeignet seien, eine Welt der Zukunft auszudenken, erzähle von Parallelwelten und Kosmonauten. Sie erzählt mir vom Indianerstaat-Gründen, von Kinderbanden und Wildwestphantasien, als wir ein Papphäuschen mit der Aufschrift "Akademie" erreichen. "Die Stadtforschung hat geschlossen", erklärt ein Junge. Es gebe dort auch keine Pläne für eine Stadt der Zukunft, seines Wissens nach. Meine Freundin sagt, die Stadt der Kinder selbst sei doch das Experiment. Was bräuchten wir da Pläne, wir müssten bloß die Augen offen halten.

Die Stadt der Kinder - Sieben- bis Vierzehnjährige mit dünnen Armen und Beinen in zu weiten Shorts und T-Shirts bewegen sich eilig zwischen Pappkulissen. Kinder, die in Kaufläden Topfblumen, Honig oder Holzperlenketten feilbieten. Eine "Sparkasse". Kinder, die in Bildschirme starren und sich dabei am Kopf kratzen oder an den Nägeln knabbern. Ein "Vattenfallkraftwerk", wo Mädchen und Jungen auf festgeschraubten Fahrrädern strampeln, um kleine Lämpchen zum Glühen zu bringen. Im Zentrum steht ein "Jobcenter" wie die Kirche im Dorf. Man kann wählen, wo man sich anstellen will: akademische Berufe, Forschung/ Entwicklung, Produktion, Handwerksberufe. Hinter den Schaltern sitzen Kinder, Zettel sortierend, andere stehen an. Geduldig, bis sie an die Reihe kommen und von ebenso gleichmütigen Kindern abgefertigt werden. Ich stelle mich an. "Darf ich dir Fragen stellen?", raune ich dem Mädchen hinter der Luke zu. "Ok", sagt sie. Sie trägt dunkles, gewelltes, streng nach hinten gebundenes Haar. "Weshalb machst du das hier?" - "Geregelte Arbeitszeiten, regelmäßiger Job", gibt sie zurück. Mir fällt nichts ein. "Wieso", frage ich und befürchte, sie würde "wieso nicht" antworten. Aber sie sagt: "Alle Kinder arbeiten am liebsten im Jobcenter oder in der Sparkasse. Wenn man ein Geschäft aufmacht, so wie er da", - sie zeigt auf eine Bude, in der ein Junge Armbänder verkauft - "dann läuft es vielleicht nicht und man muss eine neue Arbeit suchen." Sie sieht mich aus ruhigen, besonnenen Augen an. Wäre sie bei einer Bank beschäftigt, ich würde mich von ihr ohne Bedenken zu einer Geldanlage überreden lassen. Melanie heißt sie und ist 13. Ich sage "danke" und "tschüss" und gehe davon.

Meine Freundin sitzt auf den Treppenstufen vor dem "Rathaus" und hält einen Fächer von Zetteln in der Hand. Es gibt hier haufenweise Flugschriften und Mitteilungen. Sie hat bereits herausgefunden, wie die Kinderstadt funktioniert: Jedes Kind bekommt eine "Arbeitskarte" und spricht damit beim Jobcenter vor, dann wird es an einen Arbeitsplatz vermittelt - alle Unternehmen haben ihre freien Stellen beim Arbeitsamt gemeldet. Eine Stunde Arbeit wird mit je fünf "Wuhlis" vergütet, ein Wuhli ist als Steuer abzuführen. Alles, was es in der Kinderstadt gibt, ist für Wuhlis zu haben. Zuckerwatte, Bootfahren im See hinter dem Palast, Kinderzirkus gucken. Arbeit und Wuhlis sind die rechte und die linke Hälfte des Herzens der Kinderstadt. Vier nachgewiesene Stunden Arbeit machen das Kind zum Stadtbürger, nun darf es an der "Bürgerversammlung" teilnehmen und den Bürgermeister und den Stadtrat wählen. Am "Rathaus" hängen Fotografien der amtierenden Stadtregierung - ein blasser, ernst dreinschauender Bürgermeister, leicht pausbäckig, ein Stadtrat mit tief liegenden Augen und polnischem Namen, ein rundgesichtiger Amtsleiter.

"Ich hab dir gesagt, dass mit dem Computer nicht gespielt wird!" Ein atemloser Junge schräg hinter uns herrscht einen kleineren Jungen an. Die Handballen hat er auf die Ablage vor der Besucherluke gestützt, die Augen sind dunkel, die Lippe hängt nach unten. Der kleinere Junge beteuert, er habe nur ganz kurz gespielt; der Bürgermeister - wir erkennen ihn gleichzeitig - entgegnet, so könne man nicht arbeiten. Erst die Sache mit den Telefonstreichen, jetzt das. Wir intervenieren, ein inwendiger Impuls, als Erwachsener kleinere Kinder vor größeren zu schützen. Meine Freundin gibt sich als Journalistin aus und ich als Fotograf, und wir bitten den Bürgermeister um ein Interview. "Ok", sagte der, und kurz danach sitzen wir auf der anderen Seite der Pappkulisse an einem blanken Kunststofftisch. Der Stadtrat mit dem polnischen Namen und der Amtsleiter sind auch dabei. Drei ernste Jungen erklären uns gewissenhaft ihre Stadt der Kinder. Die Bürgerversammlung? Macht die Gesetze. "Die Kinder machen Vorschläge, wir kauen das durch und segnen das ab", erläutert der Bürgermeister. Er klingt so visionär wie ein Fahrkartenkontrolleur. Das Jobcenter ist vorgegeben, "von ganz oben". Die Kinder sind noch nie auf den Gedanken gekommen, es in Frage zu stellen. Sie spielen "Welt so wie sie ist" - und freuen sich, dass es in der Kinderstadt momentan kaum Arbeitslosigkeit gibt. Sie spielen Berufe wie im wirklichen Leben - kein Stück aufregender - und sind froh, wenn sie den Job bei der Sparkasse bekommen. Sie sind weder Kosmonauten noch Old Shatterhand sondern Bankkauffrauen, Wachschutzleute und Verwaltungsangestellte. "Was wollt ihr denn später mal werden?", fragt meine Freundin. "Einzelhandelskaufmann bei Plus", antwortet der Stadtrat sofort. Der kleine Bürgermeister sieht sie unverwandt an und sagt: "Ich weiß es noch nicht. Und eigentlich will ich es auch noch nicht wissen. Ich habe gehört, wenn man ganz doll etwas werden will und dann klappt es nicht, dann kann man Selbstmord begehen."

Als wir den Palast verlassen, ist er mir fremd, viel fremder als noch vor wenigen Stunden. "Das sind keine Kinder, die Erwachsene spielen, das sind Erwachsene", sagt meine Freundin und vielleicht hat sie Recht. Aber ich will das nicht. Als das bosnische Mädchen mit seinem Obstkistengewehr auf mich schoss, wollte ich auch nicht, dass in Bosnien Krieg sei. Im See vor dem Gebäude fahren ein paar kleinere Kinder Paddelboot. Sie kentern, spucken Wasser, prusten, klettern wieder ins Boot. Sie lachen, albern, kippeln und kentern gleich wieder. Ich bin ihnen dankbar dafür.


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00:00 11.08.2006

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