Kirschblüte am Baukran

Berliner Abende Endlich Frühling in Berlin. Mit dem Staub des Winters rieselt feiner Putz aus den Fugen der allerletzten unsanierten Häuser längs der Prenzlauer ...

Endlich Frühling in Berlin. Mit dem Staub des Winters rieselt feiner Putz aus den Fugen der allerletzten unsanierten Häuser längs der Prenzlauer Allee. Die Sonne bringt es an den Tag. So viele Niesende, so viele Menschen überhaupt, habe ich seit Wochen und Monaten nicht gesehen.

Das Haus, in dem mein Bruder lebt, liegt etwas abseits der großen Allee. Mit einigen anderen Verwegenen harrt mein Bruder hier aus, sie verweigern sich dem Rausschmiss schon seit einigen Monaten. Noch ist es ein Idyll. Der Häuserblock umfasst einige Aufgänge und bildet ein Straßeneck. In die bröckelnde Außenhaut sind Erker eingelassen, Blumen ranken. Im Winter hat mein Bruder auf seinem Balkon Holz gehackt, während jenseits der Straße ein Mann seine Hemden bügelte. Vielleicht zehn Meter entfernt. Abgeschottet durch eine hellblau getünchte Wärmedämmfassade und Thermofenster.

In großen Fetzen blättert Farbe auf den Balkon. Die alten Türflügel knarren im Wind. Es ist warm. Nur einige Fenster weiter schieben sich Gerüste an das bedrohte Haus. Auch der Kran neigt sich bereits über die Dächer und wartet. Ein Kirschbaum blüht. Noch vor kurzem hat der alte Besitzer die Miete auf dem Bürgersteig kassiert, sich hinter einen Campingtisch geklemmt und nachgezählt, was ihm hingeschoben wurde. Viel war es nicht, mein Bruder legte etwas über 50 Euro auf das Tischchen. Für ein Zimmer, Wohnküche und Balkon. In der Küche fanden Dusche und WC beiderseits eines Mauerdurchbruchs Platz. Aus dem unnütz langen Toilettenschlauch hatte er auf diese Weise Wohnfläche gewonnen.

Unten im Haus liegt ein Klaviergeschäft, daneben eine Foccaceria. An der Straßenecke das eigene Architekturbüro, in dem es mehr Sitzfläche als Arbeitsplätze gibt. Auf dem breiten Kunstledersofa lässt sich gut abwarten, ob die Sonne dem Nachmittag treu bleibt. Die Tür ist zum Bürgersteig hin geöffnet, ein Windchen spielt mit der Tabaktüte auf dem Tisch. Rauch schwebt hinaus. Ein Mädchen borgt sich einen Knochen, für ihr Rad. Der Mann von unten rechts bringt fünf Euro von letzter Woche zurück. In seinem Beutel klimpert es leise. Er hat gehört, es habe gebrannt. Ja, der von gegenüber hat es wieder versucht. Aha, mein Bruder und der Nachbar nicken sich zu. Na, denn.

Der Bürokollege hat Tee gekocht und sinkt in einen Sessel. Die Dampfwolken hinterlassen winzige Tröpfchen auf seinem Mützenrand. Ein Freund aus dem Haus ruft von oben an, ja, sie haben Farbrollen und Abtropfsiebe. Da wird trotzig eine Küche gemalert. Über allem schwebt der Kehraus. Der Worte sind genug gewechselt. Oder gerade nicht. Die Verhandlungen bestimmen aneinander vorbeidriftende Gesprächsstränge. Lassen Sie uns doch reden, wünscht die eine Partei, während die andere beharrt: Ziehen Sie doch die Kündigung zurück. Davon mal abgesehen, plänkelt der Vertreter nun gerne, hier geht es doch um ganz andere Sachen...

Ich breche auf. Ein letzter Blick auf das Büro. Sonnenstrahlen malen Staubfontänen in den Raum. So könnte es diesmal wieder ausgehen, das Treffen mit den Investoren. Mein Bruder redet, der Kollege mit der Strickmütze trinkt Tee. Nachbarn kommen und gehen. Irgendwann erhebt sich der Kollege aus dem Sofa, schwebt mit träumerischem Gesichtsausdruck zum Anzugmann und schüttelt ihm beide Hände. Der begreift das Unnütze seiner Anwesenheit. Auf der Schwelle wächst Gras.

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00:00 23.05.2008

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