Kisangani, offene Stadt

KONGO-ZAIRE Aus der Schlacht um das Riesenreich in Zentralafrika könnten neue Staaten hervorgehen

Welchen Sinn hat die seit Wochen tobende Schlacht zwischen Ruanda und Uganda um das ostkongolesische Kisangani, wenn in dieser Stadt nur noch Ruinen ihre Schatten werfen - die letzte Turbine des Kraftwerkes am Tschop-Fluss zerschossen ist, Kisangani ohne Wasser und Strom vegetiert? Kann eine Region mehr als zerstört werden? - Seit August 1998 tobt ein Krieg um die Neuordnung des Riesenstaates Demokratische Republik Kongo und fesselt derart viele Interessen im Herzen Afrikas, dass er enden könnte wie bisher noch nie in der jüngsten Geschichte des Schwarzen Kontinents: Mit Grenzen, die neue oder veränderte Staatengebilde zur Folge haben.

Entschieden wird darüber heute zuallererst im Osten des Kongo (aber nicht nur dort). Hier ist die Lage weitaus fragiler als in der Region um die Hauptstadt Kinshasa. Die Kombattanten Ruanda und Uganda wollen vorrangig bei der Verteilung von Bodenschätzen ein gewichtiges Wort mitreden und gebärden sich wie Regionalmächte ohne regionale Macht. Sie zehren mit ihrem Krieg bereits von Ressourcen, die erst noch erobert werden müssen. Kisangani ist dabei als Schaltstelle des internationalen Diamentanhandels begehrt - doch kann die Stadt auf Dauer nur beherrschen, wer die umliegende Provinz Haut-Zaire beherrscht.

Der Sturz des Diktators Mobutu vor drei Jahren war die Ouvertüre zu einer Kriegsdekade, deren Kulminationspunkt noch längst nicht erreicht scheint. Wenn Uganda und Ruanda nach den Pfründen des Kongo greifen, kann das Nationen wie Angola, Namibia, Simbabwe - auch Südafrika - nicht kalt lassen. Sie alle - die einen mehr, die anderen weniger - sehen sich durch innere Zerreißproben bis hin zum Bürgerkrieg erschüttert und kompensieren das mit einer teilweise extremen Militarisierung ihrer Länder. Die Versuchung zu äußeren Kraftakten liegt auf der Hand. Ungeachtet des schon Jahrzehnte dauernden Waffengangs mit der UNITA des Jonas Savimbi hat auch die angolanische Armee auf dem kongolesischen Schlachtfeld ihren Part übernommen. Das Engagement kostet eine Millionen Dollar pro Tag und kann aus den Erdöleinnahmen bezahlt werden, während ein Land wie Ruanda mit seinem Krieg von der Substanz lebt. Andererseits steht gerade die Tutsi-Regierung in Kigali mit dem Rücken zur Wand. Was sie im Ostkongo an Terrain kontrolliert, entzieht sie ihren Todfeinden aus den alten Hutu-Eliten, die darauf hoffen, das Regime des Präsidenten Kagame irgendwann vernichtend zu schlagen. Was dann bevorsteht, könnte das Inferno des ruandischen Genozids von 1994 in den Schatten stellen. Die ethnisch verbrämte Revanche der Hutu-Majorität gegen die Tutsi-Minorität dürfte niemanden verschonen, auf den auch nur der leiseste Verdacht fällt, mit den heutigen Machthabern kollaboriert zu haben. Vorerst grast dieser Konflikt den Osten des Kongo ab. Wird er dort nicht gebunden, frisst er sich nach Ruanda hinein. Der Teufelskreis kann nach menschlichem Ermessen in absehbarer Zeit nicht durchbrochen werden. Es sei denn durch ethnisch weitgehend homogene Staaten, die zur Koexistenz gezwungen wären. Doch deren Grenzen könnten schon wieder Schnittmuster neuer Kriege sein.

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