Klappe auf

Volksbühne Für den Gang in das Berliner Theater bleibt jetzt nicht mehr viel Zeit. Fragmente einer sehr speziellen Liebesbeziehung – und eines langen Abschieds

In der von Säbelrasseln begleiteten Kriegstragödie um die Volksbühne (alles was getan wurde, um der Katastrophe zu entgehen, führte sie herbei!) ist der Vorhang offenbar gefallen. Klaus Lederer, Berlins inzwischen nicht mehr ganz so neuer Kultursenator, hat mit Chris Dercon intensive Gespräche geführt, die zu der Erkenntnis führten, dass ihre Differenzen aushaltbar seien. An dem Vertrag mit dem designierten Intendanten wird also festgehalten. Damit hat das Gezerre um das Waisenkind Volksbühne im kaukasischen Kreis ein Ende. Ob Dercon sich als die rechtmäßige Mutter dieses Polarisierungsorganismus erweist, wird demnächst zu beurteilen sein.

Währenddessen haben sich die Volksbühnengängerinnen und -gänger auf den langen Abschied eingestellt: Die oftmals ausverkauften Vorstellungen werden von einem Publikum geflutet, das bereit ist, seine Herzen auf die Bühne zu werfen und notfalls hinterher zu springen. Abend für Abend versammeln sie sich: die jungen und alten, die neuen und nicht neuen, die treuen und nicht treuen Liebhaber der Volksbühne – und das sind nicht wenige. Sie weinen (kein Witz!), erinnern sich und feiern, ja zelebrieren ihre jeweilige einzigartige Zuschauerbeziehung zu diesem Haus, die man, wenn man sich den jungen Mann einmal recht besieht, der Punkt 14 Uhr, ausgestattet mit einer Thermoskanne und einem Mervebüchlein, vor der Abendkasse triumphierend seinen Posten bezieht, weil ab 18 Uhr die Wartenummern für die Restkarten der ausverkauften Vorstellung verteilt werden und er unbedingt die Nummer eins sein will, eigentlich nur als Liebesbeziehung definieren kann, die bei einigen nun schon ganze 25 Jahre währt. Das muss man im echten Leben erst mal hinkriegen.

Wer immer noch nicht verstanden hat, um was es bei dem Streit eigentlich ging, um welches Erbe, um welche Identität, der lese im Folgenden den Versuch, diese Liebesgeschichte in Fragmenten zu erzählen.

Häh?

„Ich habe nichts verstanden, aber ich fand es toll.“ Ein Satz, den Volksbühnengänger oft sagen, denn sie verstehen längst nicht alles, was sie hier zu sehen bekommen. Sie haben mittlerweile kapiert, dass sich Frank Castorf in einer anderen geistigen Galaxie bewegt als sie selbst, und dass er in seinen Inszenierungen assoziative Bezüge und Verbindungen aufwirft, die sie niemals werden nachvollziehen können. Noch nicht einmal, wenn sie tot sind. Sie verstehen oft nicht, dass bei Marthaler wirklich so lange gewartet werden muss, bis man den Stillstand tatsächlich unerträglich findet. Amateure fragen sich nach 45 Minuten Pollesch, ob das monologische Reden alles ist oder ob noch mal irgendwas mit Theater kommt. Manche von ihnen verstehen sich selbst nicht, zum Beispiel, warum sie nie in eine Inszenierung von Schlingensief gegangen sind (einfach weil sie zu große Angst davor hatten; nun werden sie nie herausfinden, ob das mit dem abgehackten Penis in dem Video wahr ist). Doch die Volksbühnengänger lassen sich nicht einschüchtern. Sie besitzen den robusten Kern, diese Widersprüche auszuhalten. Wo andere nur Geschrei hören, vernehmen sie das dionysische Ur-Getön der Kunst. Wo andere nach sechs Stunden nur noch ihren Rücken spüren, lassen sie sich von dem Strudel des Theaterereignisses fortreißen und in eine andere Wirklichkeit hinübertragen.

Droge

Volksbühnengängerinnen warten auf diese kostbaren, seltenen Momente, in denen sich ihre Sinneskoordinaten für einen Augenblick verschieben und sie etwas Elementares, etwas zutiefst Menschliches über sich selbst oder das Wesen des Menschen erfassen (zumindest bilden sie sich das ein). Diesen Kick suchen sie, wie Süchtige, jedes Mal von Neuem.

Schauspieler

Volksbühnengängerinnen und -gänger lieben vor allem das Personal der Volksbühne und pflegen zu diesem eine intensive emotionale, wenn auch stille Verbindung. Man hat sich auf die feste Überzeugung geeinigt, dass es auf dieser Bühne die allerallerallerbesten Schauspielerinnen und Schauspieler zu sehen gibt, die das deutschsprachige Theater zu bieten hat. Denn wo gibt es schon so viel Ausdauer, körperlichen Extremismus, geistige Präzision und Denkkraft zu bewundern?

Ekstase

Wahre Volksbühnengänger kann bereits der Anblick gewisser Hosen vollständig aus der Bahn werfen. Er oder sie gerät dann in einen Zustand ekstatischer Verzückung. Ein solcher Anblick wären zum Beispiel die in allen Regenbogenfarben schimmernden Stretch-Leggins von Fabian Hinrichs in Kill your Darlings! Streets of Berladelphia. Und natürlich seine Beine.

Tagebucheintrag

Volksbühnengänger halten ihre Erlebnisse und Eindrücke penibel und gewissenhaft in ihren Tagebüchern fest, etwa so: „Heute, beim Durchsehen meiner Volksbühnenkiste, habe ich die Spielkarte wiedergefunden, die mir Henry Hübchen in Endstation Amerika vor zehn Jahren (Wahnsinn, es kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen!) an die Stirn schmiss, während er ein Kartenspiel in das Publikum pfefferte und dabei den Britney-Spears-Refrain „My loneliness is killing me“ tirilierte. Ich habe sie natürlich aufbewahrt. Es ist eine Pik 7. Was das wohl zu bedeuten hat?“

Fetisch

Die Liebenden benötigen einen Fetisch, den sie nach Hause tragen können, ein Liebespfand, etwas zum Aufheben. Mit ihrem genialistischen Jux hat die Volksbühne sich von Anfang an die kapitalistischen Begehrensmechanismen spielerisch und ironisch zu eigen gemacht (und sich damit eine einzigartige Marke erschaffen), nur um diese dann auf der Bühne wieder lustvoll zu demontieren. Im Konsum-Drumherum des Theaters rennt das fanatische Publikum dann dem ollen Kapitalismus wieder direkt in den Rachen und zeigt damit, dass es aber ooch jar nüscht dazujeleernt hat: Gedränge vor dem Warentisch nach der Vorstellung. „Geil, das gibt es auch auf DVD!?“ Das Verkaufspersonal sieht dem grabbelnden Liebesmob mit beobachtender Verachtung zu. Im Eingangsfoyer steht ein alter Automat, an dem man für einen Euro eine Klappe öffnen und weitere Fanartikel ausräumen darf. Für Nicht-Verliebte handelt es sich hier um schlichtweg lächerliche Wegwerfartikel: Luftballons, alte Aufkleber, alte Plakate, Streichholzschachteln, Plastikklappern, aber auch Kassetten (MCs!) mit den MURX-Liedern, allen voran Danke! (Sie fragen sich, wovon hier die Rede ist? Sehen Sie, da haben Sie es!). Dass für diese Kassetten heutzutage kein Mensch mehr ein Abspielgerät besitzt, stört die beiden fetisch-hungrigen Frauen nicht, die gerade an dem Klappenteil zerren, als gelte es ihr Leben. Denn wie um mit den zurzeit ohnehin schon nervlich zerrütteten Volksbühnengängern noch ein sadistisches Spielchen zu treiben, klemmt das Ding meistens. So ist das mit dem Begehren und der Unverfügbarkeit.

Wohnzimmer

Die Liebenden fühlen sich in der Volksbühne zu Hause. Ihnen imponiert auch, dass dieses Haus so wandelbar ist, manchmal innen bis zur Unkenntlichkeit umgebaut wird und neu entdeckt werden kann. Die dicken Mauern und die Holzvertäfelung hingegen strahlen Beständigkeit, Sicherheit und Nestschutz aus, sodass Volksbühnengängerinnen wissen: Was immer auch draußen in der Welt passiert, wie sehr diese auch am Abgrund hängen mag, sie sind hier drinnen sicher. Solange aus dem Chaos der Welt solche Theaterabende entstehen, kann es im Großen und Ganzen nicht so schlimm stehen.

Enttäuschung

Es gibt Zeiten, da macht sich eine schwere Enttäuschung bei den Verliebten breit, oft verbunden mit einem Kollaps ihrer Erwartungen und Projektionen. Sie wenden sich dann für eine Weile – die Jahre dauern kann – von der Volksbühne ab, weil sie im Grunde sogar glauben, ihre Liebe wäre erstorben. Oft kehren sie jedoch nach einiger Zeit der Entsagung zu ihr zurück, auch weil Freunde ihnen gesagt haben, die Volksbühne habe sich geändert.

Hypnose

Wer liebt, trachtet danach, seine Fixierung im Glück aufrechtzuerhalten. So bleibt das Publikum nach dem Applaus für eine Murmel-Murmel-Vorstellung gebannt sitzen, als könne es durch sture Beharrlichkeit dem Realitätseinbruch trotzen. Es sitzt, harrt aus, klatscht im Wir-gehen-hier-nicht-weg-Rhythmus. Und siehe da, die Spieler kommen immer wieder, rufen „Murmel?“, halten sich die Hände an die Ohren. MURMEL!, kreischen die Liebestollen zurück, MURMEL, MURMEL, MURMEL! Dieser für ein deutschsprachiges Theater irgendwie unrealistisch anmutende Vorgang wiederholt sich so lange, bis man schließlich glaubt, man träume. Es ist der Traum, den man geträumt hatte, als man davon träumte, wie Theater sein müsste, wenn man es sich erträumen könnte.

Lachkrampf

Im Publikum der Volksbühne ist ein unnachahmliches Kichern mit hysterischem Timbre zu Hause, ein nicht reproduzierbarer Klang, der das Publikum jeweils grüppchenweise bis zum Krampf durchschüttelt, es erschöpft zurücklässt und gnadenlos weiterzieht. Zuweilen erschallt es auch ohne nachvollziehbaren Anlass. Den Volksbühnengängerinnen genügt die bloße Erwartung, dass gleich etwas Lachkrampfwertes geschehen könnte: eine Verrenkung (Herbert Fritsch), ein Sturz von der Treppe (Frank Castorf), ein gewisses Lied (Christoph Marthaler).

Trauer

Dass es ihre Volksbühne bald nicht mehr geben wird, wissen die Liebenden, aber sie können es nicht glauben. Es bricht ihnen das Herz. Wie etwa jenes dieser älteren Frau, die beim Hinausgehen aus Marthalers Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter ihre heftigen Schluchzer nicht zurückhalten kann. Sie sagt: „Das ist doch der Wahnsinn, dass es das alles bald nicht mehr geben soll!“ Eine Freundin muss sie stützen, streicht ihr – ebenfalls geschockt – über den Arm.

Selbstmord aus Liebe

Dass die Liebenden Selbstmord begehen, weil ihnen ein Leben ohne Volksbühne sinnlos vorkommen muss, ist bisher noch nicht bekannt geworden. Da dies aber durchaus denkbar ist, sollte aus Gründen der Prävention und Ratsamkeit eine kostenlose Beratungs-Hotline eingerichtet werden, etwa unter der 0800-VOLKSBUEHNEFOREVER.

06:00 12.03.2017
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