Klappe jetzt, wir sind Opfer

Ostdeutschland In Brandenburg löst sich eine Idee von Politik allmählich auf. Ein Besuch

Dann kommt einer, der heute noch nicht geduscht hat, grüßt nicht, kurze Hosen mit weiten Taschen, fragt gleich: „Ich heiße Karl-Johann, was bedeutet das im Schwedischen?“ Wartet kurz, und man muss Eberhard Richter und seinen Genossen Stefan Ludwig dafür beglückwünschen, dass sie nicht einmal mit der Stirn runzeln. Cottbus-Sachsendorf, Plattenbauten, ein leerer, mühsam aufgehübschter Platz, ab und zu fährt eine Tram vorbei. Tischchen, Flagge: Landtagswahlkampf in Brandenburg.

Der Mann vor dem Stand wippt schon auf den Fußspitzen, im Schwedischen sei nämlich der Steinpilz nach „Karljohan“ benannt. Das ist die Ouvertüre, es geht um mehr: „Ich sollte 3.500 Euro Rente bekommen. Kriege ich aber nicht. Können Sie mir da helfen?“ Stefan Ludwig ist von der Linkspartei und Landesminister für Justiz, Europa, Verbraucherschutz, steht in seinem Wahlkreis, trägt Anzug und einen kleinen Hauch von Anstrengung auf der Stirn. Vielleicht die Hitze, die über dem Betonplatz steht. Vielleicht die Ahnung, dass das, was jetzt kommt, mit Geduld zu tun hat.

Wenige Cottbusser haben bis dahin am kleinen Wahlkampfstand vorbeigeschaut. Sanfter Wind, Geruch von Urin. Ein Junge mit Bierflasche fragte nach Feuerzeugen, eine Rentnerin mustert geduldig die Flagge neben dem Plastiktischchen. „Die Linke“, steht da. Die Frau fasst sich ein Herz, zwei Schritt vor: „Sind Sie von der SPD?“ Eberhard Richter lächelt.

Das Klima ist mies

Landtagswahlen in Brandenburg können kurios sein. Es tauchen Fragen auf, die weit über Parteien, Plastiktische, Rednerbühnen hinausweisen. Und auf demokratische Kultur zielen. Gibt es einen grundsätzlichen Mangel? Vertrauen die Menschen den Institutionen und politischen Prozessen? Der Landtag in Brandenburg wurde in der Vergangenheit grob überblickt von etwas mehr als 50 Prozent der Stimmberechtigten gewählt. Die SPD stellt seit dreißig Jahren den Ministerpräsidenten, koaliert seit zehn Jahren mit der Linken. Bei der Kommunalwahl im Mai wurde die AfD in viele Stadtversammlungen mit den meisten Stimmen geschickt. Wenn man vor Ort nach dem Klima fragt, ist die Antwort ziemlich eindeutig. Das Klima sei nämlich in den vergangenen Jahren schlechter geworden und eigentlich: mies.

Politischer Kultur kann man sich auf verschiedenen Wegen nähern. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat zum Beispiel Zahlen für das Stiftungswesen untersucht. Für Stiftungen müssen Bürger nicht unbedingt viel tun, sie gelten aber als enorm wichtig bei der Förderung dessen, was man zivilgesellschaftliches Engagement nennt. In der Bundesrepublik gibt es im Schnitt 27 Stiftungen je 100.000 Einwohner. „Während die Stiftungsdichte in Brandenburg mit 9, in Mecklenburg-Vorpommern mit 10 sowie in Sachsen und Sachsen-Anhalt mit jeweils 13 Stiftungen je 100.000 Einwohner besonders gering war, lagen Bayern mit 31, Hessen mit 32 sowie die Stadtstaaten Bremen mit 49 und Hamburg mit 78 Stiftungen je 100.000 Einwohner an der Spitze.“

Anruf bei Leonie Neumann, sie hat sich in Blankenfelde-Teltow als Moderatorin schulen lassen. Die Stadtverwaltung hatte sich das ausgedacht, damit Bürgeranhörungen nicht immer wieder, Neumann will das freundlich ausdrücken, „aus dem Ruder laufen“. Es geht darum: Bürgervertreter stehen bei Anhörungen auf, halten weitschweifige Reden. Es geht um Empörung. Um Konfrontation, ums Rechthaben. Nie ums Zuhören. In Blankenfelde-Teltow waren das häufiger Bürgervertreter der Freien Wähler. Die brüllten: „Ich glaube der Verwaltung gar nichts.“ Und: „Alles Lüge!“ In Neumanns Stimme klingt noch Befremden nach. „Extrem unsachlich“, fand sie das. „Sehr laut, pöbelhaft.“

Dieselbe Tonlage herrscht in vielen Orten. Vorwürfe ähneln sich. Für viele Freie Wähler sind Verwaltungen „dreist“, „unverschämt“, „stümperhaft“. Eine größere Erzählung fügt sich zusammen: Der Bürger zählt nicht. Kurzer Sprung zu: „Die da oben“ würden alle anderen verschaukeln, sich selbst die Taschen füllen. Aufgehübscht und dramatisiert mit Theorien von Seil- und Machenschaften wird jetzt in Rathäusern von Königs Wusterhausen bis Rheinsberg regiert. Menschen mit viel Zeit berechnen, dass Windräder weniger als die ausgewiesene Fläche bräuchten. Bürgerinitiativen klagen über „Infraschall“ oder leugnen gleich den Klimawandel. Bei Versammlungen werden Ausgaben für den Straßenneubau mit Ausdrucken aus dem Internet zurückgewiesen. Sowieso und immer Streit gibt es um die Unterbringung von Geflüchteten.

Stefan Ludwig hat am Wahlkampfstand in Cottbus-Sachsendorf mit viel Geduld einer Krankengeschichte zugehört. Das Wort Pfusch kam häufiger vor. Ludwig hat Schlimmeres erlebt, Anschuldigungen, Angriffe. Als der Mann geht, zuckt Ludwig mit den Schultern, hat ihm Ansprechpartner genannt. „Willkommen in der Ebene des Landtagswahlkampfs“, sagt Eberhard Richter. Der Minister lässt sich nicht beirren, er zitiert aus einer repräsentativen Studie von 2013: Brandenburger würden sich zu einem sehr hohen Maße mit den Entscheidungen von Verwaltungen identifizieren. In Kommunen, Städten, Kreisen. Wie ist das heute? Wieder kein Stirnrunzeln, aber Ludwig atmet kurz durch. „Vermutlich sähe das heute sehr anders aus.“ Einen Bruch habe es da gegeben. „Wenn wir den benennen könnten, wären wir alle schlauer.“

Herzberg (Elster) im Süden Brandenburgs. Karsten Eule-Prütz ist parteilos und seit eineinhalb Jahren Bürgermeister, hohe Stirn, zugewandt, nachdenklich. Er ist hier geboren, hat, wie er sagt, „eine typische Wende-Biografie“, brach ein Lehramtsstudium ab aus Angst, keine Stelle zu bekommen. Also Elektromonteur, er installierte Mobilfunkmasten, wurde Polizist, wechselte in die Verwaltung. Wenn er erzählt, was er anfassen, verändern will, müsste man ihn für einen Sozialdemokraten halten. Bei denen hat er mal vorbeigeschaut, aber die Organisation kam ihm hierarchisch und verstaubt vor. Fragt man, wieso die Stimmung mau sei, erzählt er von den Erwartungen der Bürger. Nämlich alles schnell und in ihrem Sinne zu bekommen.

Wie man ein Sofa oder Unterhosen im Netz kaufen kann, wollen Menschen ein Tempo-30-Schild vor der Tür, den Gehweg repariert sehen. Sicher keine Herzberger Besonderheit. Und wenn anderntags vor dem Fenster kein Schild steht, steigt der Ärger, das Gefühl von Machtlosigkeit. Und dann sagt Eule-Prütz einen weitreichenden Satz: „Es gibt oft einen fundamentalen Mangel an Verständnis darüber, wie dieser Staat funktioniert.“ Und, schiebt er noch nach, „besonders im Osten haben viele das nie gelernt und sich damit nie auseinandergesetzt“.

Eule-Prütz trägt ein grünes T-Shirt, Jeans, Turnschuhe, er ist der Erste, der die Ost-Historie direkt anspricht. Dann schaut er über die kleine Absperrung, lächelt. Neben den Terrassentischen des italienischen Restaurants wird eine Bühne aufgebaut. Ein paar Männer in schwarzen Anzügen und weißen Hemden laufen herum, nicht klar, ob das ein Beerdigungsinstitut oder der Sicherheitsdienst ist. Der Moderator dirigiert Helfer, saftiges Männerlachen, die Hüpfburg richtet sich gerade auf. An den Zeltdächern wird immer sofort die Deutschlandflagge befestigt: AfD-Wahlkampf.

Fünf Redner werden an diesem warmen Sommertag den Herzbergern davon erzählen, dass es den Ostdeutschen schlechter ginge, werden wiederholen, dass vor allem Politiker der Grünen über sie lachen und sich mit ihren Diäten heitere Tage in den „Szenebezirken von Berlin“ machten. „Deutsche Rentner“ aber müssten Flaschen sammeln. Es geht um „Klima-Hysterie“ und darum, was sie mit hart gesprochenem G als „Gender-Gaga“ beschreiben. Höhnische Reden sind es, kippen in arrogante, bellende Tonlagen. Allerlei Zahlen, Ausländerkriminalität, Sexualdelikte: angeblich rasant gestiegen. Die Regierenden: untätig. Maximilian Krah, jetzt sächsischer Europaabgeordneter, erklärt, dass die Herzberger in ihrem Ort bleiben sollten, weil ja sonst nicht mehr zusammengestanden, gekämpft, gestorben würde, wie ehedem.

Von wegen sozial abgehängt

Warum hat das Erfolg? Wohl kaum aus wirtschaftlicher Not: Seit der Bundestagswahl ist die Wählerschaft der AfD geröntgt worden, die These der „sozial Abgehängten“ lässt sich kaum halten. In Sachsen erhält sie mehr Stimmen als in Mecklenburg-Vorpommern, obwohl im Süd-Osten das Durchschnittseinkommen höher ist als im Nord-Osten. Rund 53 Prozent in West- als auch in Ostdeutschland haben dem Allensbach-Institut erklärt, dass sie ihre wirtschaftliche Situation „positiv“ bewerten. Das unternehmernahe Institut der deutschen Wirtschaft hat gerade den Kaufkraft-Unterschied beim Durchschnittseinkommen zwischen Ost- und Westdeutschland gemessen: Er liegt gerade mal bei 104 Euro.

In Cottbus-Sachsendorf kann man um die Ecke gehen und ein Rentnerpärchen beim Hundeausführen begleiten. Er redet, links den Hund, rechts etwas, das im Internet als „nordic-walking stick“ beschrieben wird. Es gehe ihnen ausgezeichnet, beide waren Lehrer, ihre Rente sei deutlich höher als ihr Einstiegsgehalt. Mehrere Urlaube im Jahr, gerne Wandern. Wie sei es denn hier im Viertel? Ein Gewitter braut sich im Gesicht des alten Mannes zusammen: furchtbar. Einfacher Refrain, er wiederholt ihn in vielen Tonlagen: die Ausländer, die Ausländer. Alles Kroppzeug, Idioten, arbeitsscheues Gesindel. Unwürdig, dass sie zwischen so etwas leben müssten. Als Reporter wird man müde, vor allem, weil sich die Geschichte im Viertel fast wortgleich wiederholt.

Noch mehr Analysen: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hatte 2017 festgestellt, dass eher mittelalte Wähler zur AfD neigen, mehr Männer als Frauen, mehr Ost- als Westdeutsche. Eher aus kleinen Gemeinden, mit mittleren Abschlüssen, außergewöhnlich häufig in Vollzeitbeschäftigung. „Es gibt überdurchschnittlich viele Arbeiter und Arbeiterinnen sowie Beschäftigte, die einfache Tätigkeiten ausüben. Auffallend ist auch, dass es innerhalb der AfD-Wählerschaft relativ viele Gewerkschaftsmitglieder gibt.“ Weiter: „Relativ hoch“ seien „Anteile der Selbstständigen und der Arbeitslosen.“ Das Wort „Wohlstandsverwahrlosung“ macht die Runde. In Herzberg sind die Fassaden saniert, die Straßen gepflastert; Eule-Prütz erzählt, dass die Arbeitslosenquote bei sechs Prozent liege. Was AfD-Wähler hier anders haben wollen? Er lacht, zuckt mit den Schultern.

Es geht um größere Dinge. Um Gefühle. An einem Abend im August hat ein Zahnarzt geladen, Potsdamer Bourgeoisie: Über alten Pferdetränken hängt Spraydosengrafik, im Haupthaus steht der Sportwagen so, dass man ihn vom Wohnzimmer sehen kann. Die Feier ist schon vorüber, der Gastgeber barfüßig, eine Galeristin ist noch geblieben: In ihren Räumen hat sie vor Kurzem Bilder von Axel Krause gehängt. Der Maler wurde im letzten Herbst bekannter, weil er gern ins Kuratorium der Desiderius-Erasmus-Stiftung rückte, Positionen vertrat, die ähnlich auch die AfD ins Land posaunt. Dafür wurde er von seinem Galeristen rausgeschmissen. Seine Nachfolgerin sagt, ihr sei Krauses politische Einstellung egal. Aber gleich lodert die Zündschnur, ein wilder Ritt beginnt, Sätze so aufgepumpt, wie sie auch in Herzberg über den Marktplatz schallen: In Deutschland seien „Meinungsfreiheit und Demokratie Makulatur“. Der Mainstream aufgezwungen. Darauf, dass Krause der „Wolf Biermann unserer Zeiten“ sei, weil er sich querstelle, kommen freilich nicht viele.

Wenn man nachhakt, wird der Ton schrill, da haben sie 1989 „die Freiheit erkämpft“ und sich stets auf den „deutschen Nationalgedanken“ bezogen. In Europa, das auf Nationen basiere, dürften alle national sein, lautet in etwa die Argumentation. Nur wir Deutschen nicht. Intensiv habe sie sich damit beschäftigt.

Und Krause, durfte der nicht bei seiner Meinung bleiben? Wurde er weggesperrt? Längere Einlassung, kein Gedanke, dass Meinungen auch mal Unsinn sein, auf Gegenpositionen treffen könnten. Stattdessen die Opfer-Erzählung: Die ausgetauschten Eliten in Ostdeutschland, fähige Menschen würden diskriminiert. Viele ihrer Bekannten hätten nach Amerika oder Japan gehen müssen, weil eben gebürtig in der DDR. In der Ferne seien die jetzt Professoren. „Dabei würden die gerne nach Deutschland und zu ihren alten Eltern zurück.“

Bevor einem die Augenwinkel feucht werden oder die Frage nach einer Einreisesperre für ihre Freunde den inneren Gedankenkreis verlässt, sollte man sich verabschieden. Eine Frage aber noch zur Kultur: Müssten sich den DDR-Kritikern von 1989 nicht die Fußnägel aufrollen beim AfD-Personal, das ja größtenteils aus Westdeutschland kommt und jetzt über Marktplätze „Vollende die Wende“ blökt? Ein „Überhaupt-nicht!“ schießt aus der Dame.

Durchgerüttelte Biografien

Das Allensbach-Institut stellte fest, dass sich größere Teile der Ostdeutschen noch dreißig Jahre nach 1989 fremd in der Bundesrepublik fühlten. Die Galeristin sieht sogar Kontinuitäten. Kurzgefasst: Duckmäusertum, einseitige Presse, Linienzwang. Deshalb also AfD? „SPD und Linke verpulvern Steuergelder, die CDU ist linker als die Sozialdemokraten, da ist die AfD die einzige Lösung.“

Leonie Naumann aus Blankenfelde hat eine einfache Formel für die Verbindung zwischen Kreisen, die sich liberal wähnen und als Freie Wähler auftreten, oft Interessen vertreten, die mit Haus- und Grundbesitz zu tun haben und der AfD: Wer ein wenig fremdenfeindlicher denke, wechsele. Die Galeristin zögert länger – vor dem Handschlag zum Abschied.

In Herzberg hat Sandra Nauck zu den Besitzern des italienischen Restaurants gesagt, dass wir ins Hinterzimmer gingen, aber selbst durch die geschlossene Tür hört man einen angestrengten Andreas Kalbitz von der AfD die Geschichte von der versagenden Landesregierung, Ostbenachteiligung, „Multikulti-Wahn“, erzählen. Nauck ist Anwältin, sie hat lange für die SPD im Stadtrat gesessen, ist jetzt im Kreistag. Sozialdemokraten waren hier immer Opposition: Die Region ist landwirtschaftlich-konservativ, lange regierte die CDU in den Rathäusern, die Landesregierung war immer Feindbild.

Auch Nauck erzählt vom aggressiven Ton, dem Rechthabenwollen „auf Biegen und Brechen“. Und eben davon, dass es Wendeverlierer gab. Stellen gingen verloren, Produktionsstandorte verschwanden. Nicht wenige, deren Biografien damals durchgerüttelt wurden, gerieten in die Sozialpolitik der Regierung Schröder: Sonderbedarfe wurden gestrichen, Konkurrenzdruck erhöht, Hartz IV. Manche arbeiteten schwarz. Jetzt haben sie eine geringere Rente.

Nach der letzten Bundestagswahl analysierte die Bertelsmann-Stiftung, dass sich Lager entlang der Haltung zur Modernisierung aufteilten. Sandra Nauck hat festgestellt, dass ihre Partei plötzlich mit Gendertoiletten verbunden wurde. Ihr wurde Bildungspolitik angekreidet, die nicht auf Disziplin setze. Dass sie Betriebe aus der Stadt vertreiben wollten. Die AfD, schrieb die Bertelsmann-Stiftung, sei „ganz überwiegend eine Partei modernisierungsskeptischer Wähler, womit sie im Parteienspektrum ein Alleinstellungsmerkmal hat“. Sie betreibt mit ihren Gesängen über Opfer eine Art Identitätspolitik Ost. Ein Teil davon ist das, was Leonie Naumann in Blankenfelde beobachtet: „Die meisten Leute haben Angst, dass ihnen etwas genommen wird. Oder, dass sie nicht genug haben.“

Kann man auch im Bus von Rheinsberg nach Neuruppin merken. Katja fährt, heißt anders, aber fährt gern. Linienbus sei besser als Lastwagen, nämlich Schichtdienst, und sie deshalb am Abend zu Hause. Alleinerziehend, die Kinder sind 16 und acht Jahre alt, aus einem Dorf in Kasachstan, daher der lustige Akzent. Draußen glänzen abgeerntete Felder in der Sonne, schon eine Spur Herbst im Licht. Katja dreht am Lenkrad: Wald, Kleinstädte, Kopfstein, der Bus ist leer und Katja sieht schwarz.

Als sie nämlich vor fünfzehn Jahren nach Deutschland kam, hatte sie gedacht, auch wenn das Land so klein sei, würde man hier Arbeit finden, es besser haben. Für sich, ihre Tochter. Jetzt aber, schwarz. Warum? Roboter, Digitalisierung, dagegen hätten ihre Kinder keine Chance. Euphorie, Hoffnung: alles weg. „Nüscht“ gehe voran, für den Schichtdienst bekäme sie Mindestlohn, ihre beste Freundin sei Altenpflegerin, 850 Euro im Monat für Miete, Essen, Versicherungen. Wie soll das gehen?

Durchs nächste Dorf, den nächsten Wald; Katja zählt eine ganze Reihe Argumente auf, die durch Facebook geistern, auf Instagram schillern: Sie erzählt von Betrügern, die den Sozialstaat ausnähmen, nicht arbeiten wollten. Blick nach vorn und nicht nach oben. Sowieso, „die Ausländer“: bekämen alles, würden sich „ins Volk drängen“, sich alles herausnehmen. Was denn?

Eine seltsame Beobachtung wiederholt sich unter junger Kunst, auf AfD-Wahlkampfveranstaltungen, auf hübsch renovierten Marktplätzen und jetzt im Bus: Leute erzählen mit Gewissheit davon, dass „Millionen Flüchtlinge hier mit dem Flugzeug einreisen“, dass der Klimawandel schon deshalb eine Lüge sei, „weil all die Rechenmodelle auf falschen Annahmen basieren“, schieben nach, „ich weiß das, ich bin Ingenieur“. Wenn man nachfragt, wissen will, was für Quellen solche Gefühle bestärken, woher Zahlen und Gewissheiten kommen, dann stutzen die Gesprächspartner. Ähnlicher Ausdruck auf dem Gesicht einer Busfahrerin, der Galeristin, eines Ingenieurs: Sie sind es gewohnt, dass das Gegenüber einschlägt, vielleicht „genau“ sagt. Geschlossene Gesellschaft.

Politik? Katja lacht über dem Lenkrad, vor ein paar Jahren habe sie gewählt. Was denn? „Wie meine Freunde auch, ich glaube CDU.“ Habe nichts genutzt. Der Mindestlohn? Schulterzucken. Dass sie und ihre Freundin nicht von der Politik, sondern von Unternehmen bezahlt würden? Schulterzucken. Diesmal würde sie AfD wählen, aber eher noch gar nicht abstimmen. Eine seltsame Pause entsteht, dann muss der einzige Fahrgast aussteigen, Endstation.

In Brandenburg kann man einen Ablösungsprozess erkennen. Eine Idee von Politik verschwindet. Eberhard Richter kann neben dem Wahlkampf-Tisch viel über Cottbus und politische Kultur erzählen. Sie ist an Biografien gekoppelt: Nach Sachsendorf kam er 1976, da waren gerade die ersten Blöcke fertig. Viele Männer arbeiteten in Jänschwalde: Tagebau, oder Kraftwerk. Viele Frauen im Textilkombinat. Rund 12.000 Wohnungen klotzte die DDR dafür neben den alten Ortskern auf die grüne Wiese. Richter schätzt, dass irgendwann fast 40.000 Menschen hier lebten. Im Oktober 2018 waren es 11.389. Wer es sich leisten konnte, baute, zog weg. Richter kam vom Dorf, hat miterlebt, wie das an den Strom angeschlossen wurde. In Sachsendorf gab es Fernwärme, Gaststätten. Tramlinien, die einen in die Stadt brachten. Tolle Sache.

Da geht es nur ums Event

Er sei aus Überzeugung in die SED eingetreten, wurde Lehrer, stieg in der Pionierleitung auf, wurde zuständig und verantwortlich. Heute schüttelt er den Kopf über den militärischen Geist, die Unfähigkeit zu Kritik und Widerspruch. Schüttelt den Kopf noch häufiger: Cottbus ist einer der Organisationsknoten Rechtsextremer und Rechtspopulisten, nach der Kommunalwahl auch hier die AfD die stärkste Fraktion im Rathaus, 22,3 Prozent, elf Sitze. Es hat Initiativen gegen Aufmärsche und Veranstaltungen gegeben, da haben sich viele schnell vernetzt und getroffen. Findet er erstaunlich und gut. Aber politisches Engagement? „Ich habe das Gefühl, da geht es um den Event. Konzentriert an der Sache arbeiten ist etwas anderes.“

Er meint: Überzeugungen vertreten, Verfahren kennen. Mehrheiten organisieren, um Inhalte ringen. Kompromisse schließen. Interessiere fast niemanden. Wie aber die Leute dafür begeistern, motivieren? Die Frage treibt ihn um, eine Lösung hat er nicht. Noch einmal hat er sich einspannen lassen, ist wieder Vorsitzender der Linken in Cottbus geworden, etwa 350 Genossen gibt es, vielleicht 15 seien noch aktiv und gut zu Fuß. „Ich bin 68 Jahre alt“, lacht er. „Damit liege ich gerade unter dem Altersdurchschnitt.“

Zum Schluss hat Bürgermeister Eule-Prütz eine Weile an seinen Worten gekaut. Bei Sachentscheidungen vor Ort spiele Parteipolitik eigentlich keine Rolle. Die Herzberger würden sich das Getöse auf dem Marktplatz sicher anhören, aber eher mit Abstand. Dennoch: Im Ort gebe es sicher nicht weniger Sympathisanten als anderswo. „Man sieht sie nicht. Sie bringen sich nicht ein. Ich bin nicht sicher, ob ich mich darüber freuen soll, oder sorgen.“

Leonie Naumann ist gar nicht erst in die Kommunalpolitik eingestiegen, auch wenn sie das sehr interessiert hätte. Die Umgangsformen haben sie vergrault. „Da geht es nicht um Einigung, Kompromisse. Sondern darum, ein persönliches Gefühl, recht zu haben, durchzudrücken.“

Sandra Nauck, die SPD-Politikerin im Kreis Elbe-Elster denkt eine Weile nach, seufzt, formuliert vorsichtig. „Wir können die AfD nur entzaubern, wenn wir ihr den Nimbus des Opfers nehmen. Wenn wir zeigen können, dass sie nicht für irgendein ‚einfaches Volk‘ spricht.“ Eule-Prütz hat am Mittag von Feldern, auf denen man die AfD stellen müsse, gesprochen. Es gehe darum, der Partei die Hoheit über Gefühle zu nehmen. Nauck räuspert sich, wird klarer: „Wir müssen die AfD in politische Verantwortung lassen.“

06:00 31.08.2019
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