Klärgrube Ost

Völkerfreundschaft Im Steinbruch Ostdeutschland bedient sich jeder, der nach Vorurteilen sucht

In Deutschland gehen die Uhren anders. Die Berliner Zeitung verkündete am 13. August den Sonnenaufgang für 5.45 Uhr, der Tagesspiegel für 5.47 Uhr: West-Ost-Kontraste auch im Chronologischen. Vielleicht wollte die komplizierte Zeitrechnung auch dem brandenburgischen Innenminister auf die Sprünge helfen. Denn bei seinem Erziehungsversuch nach dem neunfachen Kindesmord von Frankfurt an der Oder bediente er sich der normativen Ästhetik des sozialistischen Realismus. Und der ging bekanntlich so: In den fünfziger Jahren lernten wir im DDR-Deutschunterricht, dass der sozialistische Held positive Eigenschaften besitze, die zwar noch nicht Allgemeingut der Mehrheit seien, aber "typisch" für die Weiterentwicklung der Gesellschaft.

Schönbohm folgt dieser Logik ex negativo. Demnach ist der Kindsmord zwar noch nicht Allgemeingut der Brandenburger, aber "typisch". Wies nämlich der sozialistische Held in die Zukunft, so weisen die Brandenburger Geschehnisse in die Vergangenheit. Meint Schönbohm, der vor allem die Zwangskollektivierung der Bauern als Grund für eine "Proletarisierung" und und mithin eines Verfalls der Sitten nannte. Dass er damit eine begriffliche Zwangskollektivierung der Ostdeutschen vornahm, störte ihn weniger als die Betroffenen. Er habe "wachrütteln" wollen.

Wachrütteln wollte auch Edmund Stoiber, als er die Depravierten zwischen Elbe und Oder als Frustrierte brandmarkte. Seine Reden in bayerischen Bierzelten waren ungefähr so zu verstehen: Sollte es dem Ostdeutschentum noch einmal gelingen, die Bundestagswahlen zu beeinflussen, dann ... Ja, was dann? Das ist vorerst noch eine offene Frage. Vor rund zehn Jahren verwies ich in dieser Zeitung darauf, dass man sich zur Disziplinierung der Ostdeutschen des preußischen Dreiklassenwahlrechts bedienen sollte, das Stimmenanteile nach dem jeweiligen Steuereinkommen bewertete. Da tun sich viele Möglichkeiten auf.

Dass Stoiber einst Strauß´ Ausspruch von den Literaten als "Ratten und Schmeißfliegen" rechtfertigte, Willy Brandt als einen "psychiatrischen Fall" und die Friedensbewegten in der alten Bundesrepublik als "nützliche Idioten im Sinne der Sowjetunion" beschimpfte, stellt die inkriminierten Ostdeutschen in eine ehrenvolle Reihe. Diesmal waren es Gysi und Lafontaine, in den Achtzigern die Grünen, die der CSU-Chef als "trojanische Sowjetkavallerie" betrachtete. Die Zeiten ändern sich, und der bayerische Ministerpräsident befindet sich, was seine Meinung über die "Zone" betrifft, in einer bemerkenswerten Koalition. Am Stammtisch hat nämlich schon das deutsche Kabarett Platz genommen, das seine lahmen Pointen aus dem Steinbruch Ostdeutschland holt. Alle profitieren schließlich von dem genialen Coup, die Bevölkerung kurz nach der Wende in Ossis und Wessis separiert zu haben, in Hund und Katz, in Kasper und Gretel. Eine Dichotomie wie Nord- und Südstaaten der USA, Flamen und Wallonen in Belgien und mit ähnlichem Abschreckungsfaktor.

Natürlich ist eine, von professionellen Osthassern sicher bestrittene Ähnlichkeit in den Physiognomien der Deutschen nicht ganz auszuschließen. Was unsichere Zeitgenossen augenblicklich zu der Frage umtreibt, ob man aus dem Westen oder Osten sei. Nach der Antwort "aus dem Osten" zuweilen verbunden mit der Bemerkung, man sähe gar nicht wie ein Ostdeutscher aus. Aber wie sieht er aus, der Ostdeutsche? Heiner Müller hat eine Beschreibung versucht, als er vom verdeckten Blick der Ostdeutschen sprach. Ein Topos, der auch in den aktuellen paternalistischen Wallungen aus Richtung Westen eine Rolle spielt. Denn sowohl in Frankfurt wie auch im kollektiv unter Verdacht geratenen Sebnitz wurde der Vorwurf des "Wegschauens" erhoben. Vor allem von dem Hannoveraner Kriminologen Pfeiffer, der in den Osten wie in ein Reagenzglas blickt und inzwischen vom Töpfchen- aufs Köpfchenzählen gekommen ist. Nach seiner Meinung werden im Osten mehr Kleinkinder erschlagen als im Westen. Ein Zählergebnis, das von Wissenschaftlern äußerst skeptisch bewertet wird.

Schönbohm und Stoiber als politische Selbstmordattentäter im ostdeutschen "Land der Ungläubigen", wie der Spiegel schrieb? Keineswegs. Ihre Attacken werden von einer breiten Grundströmung getragen. Da wollen Journalisten nicht zurückstehen. Unter dem Titel Die Russen kommen! hat die Illustrierte Stern in ihrer jüngsten Ausgabe eine Reportage über Urlaub an der türkischen Riviera gebracht. Im Stil des PK-Frontberichters wird mitgeteilt, wie russische Urlauber Teppiche in Hotelzimmern zerschneiden, Wodkaflaschen in Minibars anbohren (ziemlich unpraktisch) und Schlachten am kalten Büffet schlagen. Originalzitat: "In der Standardausführung ist der Sowjetmensch niedrig und robust wie ein T-34-Panzer gebaut". Aber ähnlich hatte ja schon Hitler über das stärkere "Ostvolk" geurteilt. Kritikwürdiger,dumpfer Nationalismus? I wo. Multikultureller Diskurs, man wird doch noch mal einen Spaß machen dürfen.

Angesichts derartiger Völkerfreundschaftsbeweise kommen die Ostdeutschen bis jetzt in den Medien noch leidlich weg, obwohl Ernst Niekisch schon 1947 schrieb: "Gute Abendländer und Römer ließen es sich nie ausreden, daß der deutsche Protestantismus und der preußische Staat Ausstrahlungen des geistigen Klimas Rußland-Asiens gewesen seien. Als protestantischer Preuße galt man unter guten Europäern allerorts schon als halber Sarmate."


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00:00 19.08.2005

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