Klassiker

A–Z Weimar Weimar hatte fast alles, was eine coole Stadt so braucht. Fast? Jetzt hat sie endlich alles: Ein ARD-Tatort-Team wird dort ermitteln.

A

Avantgarde

Weimar ist klein, da begegnet man sich schnell. Alin Coen stammt aus Hamburg, sie hat Umwelttechnik an der Bauhaus-Universität Weimar studiert und nebenbei eigene Songs geschrieben. Sie traf in Weimarer WGs die Musiker, die heute mit ihr spielen. Die Alin Coen Band trat mit deutschen Texten und Folk&Pop-Sound sogar beim Bundesvision Song Contest 2011 für Thüringen an. „Das Kleinstadtidyll Weimar hat unsere Musik mit seiner Ruhe geprägt, und der kreative Schaffensdrang dieser Stadt lässt uns nach neuen Klängen suchen“, erzählte Coen mal.Weimars Musiker-Avantgarde kann man auch beim jährlichen Saitensprung-Festival erleben. Thüringer Bands und Solo-Künstler gehen dort auf die Bühne, diesen Dezember zum zehnten Mal (saitensprung-festival.de). Alin Coen und ihre Musiker sind weitergezogen. Nach Leipzig. Maxi Leinkauf

B

Bankrott

Weimar war der Welt immer voraus: Anfang 1995 war die Stadt bankrott. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte wurde der Haushalt einer Kommune unter die Aufsicht eines externen Controllers gestellt. Sein Name: Horst Krautter, ein Schwabe, was sonst. Krautter (Sozialdemokrat) galt als Verwaltungskoryphäe und begnadeter Organisator. Er ging in die Geschichte der deutschen Friedensbewegung ein, weil ihm 1983 bei den Protesten gegen die Stationierung von Atomraketen in Mutlangen ein echtes Kunststück gelang. Er schaffte es, dass die über hundert Kilometer lange Menschenkette von Stuttgart nach Neu-Ulm für kurze Zeit komplett geschlossen war, ohne dass es zum Verkehrschaos kam. In Weimar konnte Krautter nur noch budgetplanerische Weichenstellungen vornehmen. Er starb 1996. Mark Stöhr

Bauhaus

Das kulturelle Erbe Weimars ist riesig. Neben der Weimarer Klassik (Kulisse) und der Republikgründung (Weimarer Lehren) war die Stadt Zentrum des 1919 von Walter Gropius gegründeten Staatlichen Bauhaus, einer Kunstschule, deren Konzept für damalige Verhältnisse sehr progressiv war und bis heute starken Einfluss auf Architektur und Design hat. Grundidee war es, die traditionell getrennten Bereiche der Bildenden, Angewandten und Darstellenden Kunst zu verbinden. An der Umsetzung arbeiteten sogenannte „Formmeister“ wie Ludwig Mies van der Rohe, Paul Klee, Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky und viele mehr, die an der Schule unterrichteten. Aus politisch-finanziellen Gründen erfolgte 1925 der Umzug nach Dessau, 1933 erzwangen die Nationalsozialisten die Auflösung des mittlerweile in Berlin befindlichen Standortes. Den Ideen konnte dies nichts anhaben. Sophia Hoffmann

E

Elephant

Was ärgert die Betreiber des Hotel Elephant wohl am meisten? Wenn ein Text direkt mit den Nazis beginnt. Also: Bei seinen Besuchen in Weimar residierte Hitler im Elephant und ließ sich von seinen Fans mit folgendem Reim auf den Balkon rufen: „Lieber Führer komm heraus aus dem Elefantenhaus.“ Nach dem Krieg blieb das Hotel lange geschlossen. Der erste Gästebucheintrag nach der Wiedereröffnung 1955 stammte von Thomas Mann, der dem Elephant in seinem Roman Lotte in Weimar ein Denkmal gesetzt hatte. Der legendäre Ruf des Hotels geht auf die Zeit zurück, als es noch ein Gasthof war und Leute wie Wieland, Herder, Goethe oder Schiller dort schnabulierten und fabulierten. Später gingen die Protagonisten des Bauhaus ein und aus. Von dieser künstlerischen Aura ist heute nicht mehr viel übrig. Das Elephant gehört zum Luxuslabel einer US-amerikanischen Hotelkette und lässt sich seine Geschichte teuer bezahlen. MS

H

Hitler

Sie war seine Lieblingsgaustadt, die über seinen Mustergau Thüringen wachte. „Mitteldeutschland“ galt Hitler (Elephant) als kulturelle Wiege des Deutschen Reiches, und Weimar war Kulminationspunkt dieser Idee. Hier fand 1926 der zweite NSDAP-Reichsparteitag statt, symbolträchtig im Deutschen Nationaltheater. Und an der Ilm startete Hitler gleichfalls sein architektonisches Pilotprojekt namens Gauforum, mit dem auch andernorts nationalsozialistische Macht repräsentiert werden sollte. „In die Achse München ... Nürnberg ... Berlin fügt nun der Führer den Begriff ‚Weimar’ als schließendes, verbindendes Glied würdig ein“, wird zum Baustart 1937 proklamiert. Das Weimarer sollte das einzig fertiggestellte bleiben. Das in Teilen erhaltene Gauforum vereinte auf zirka 40.000 Quadratmetern Parteigebäude und Aufmarschplatz. Heute sitzen hier das Landesverwaltungsamt und ein Einkaufszentrum. Tobias Prüwer

I

Investor

Ist die Stadt Weimar etwa einem Schaumschläger aufgesessen? 2008 verkaufte sie das Haus der Charlotte von Stein an den spanischen Kunst- und Immobilienhändler Juan-Javier Bofill. Der Mann ist rein äußerlich, nun ja, eine Erscheinung. Sein Bart ähnelt nicht nur zufällig dem von Salvador Dalí. Die zweite Frau seines Urgroßvaters war eine Nachbarin des Surrealisten. Die Vision von Bofill für Weimar: eine ständige Dalí-Ausstellung, insbesondere von dessen Faust-Zyklus, plus ein Museumsladen und eine Kunstpension. Doch so richtig kommt das Projekt nicht in die Gänge. Kritiker wenden zudem ein, dass Dalís Faust-Bilder mit Goethe im Grunde nichts zu tun hätten. Noch weniger mit Charlotte von Stein. Die Hofdame wurde ja dadurch berühmt, dass Goethe ihr 1.700 teils flammende Liebesbriefe schrieb. Bofill schwebt allerdings das öffentliche Archiv eines ganz anderen Briefwechsels vor: dem zwischen Dalí und Coco Chanel. MS

K

Klassenfahrt

Weimar zählt zu den beliebtesten Zielen für Klassenfahrten deutscher Oberstufen-Schüler. So schieben sich täglich gelangweilt dreinblickende Eleven, die in Deutsch bei der Klassik angekommen sind, wie zäher Teig durch die Gesellschaftszimmer von Schillers Wohnhaus (Foto), rauchen heimlich Joints hinter Goethes Gartenhaus oder widmen sich nächtlichen Saufgelagen mit dem Ethiklehrer im Ratskeller. Man besucht die Gedenkstätte Buchenwald oder „nimmt gleich noch Dresden mit“. Unzählige Online-Agenturen bieten Klassenfahrt-Gesamtpakete an, von der Jugendherberge neben dem historischen Friedhof bis zum Comfort-Hotel mit WLAN und Thüringer Grillabend reichen die Angebote. Mein Highlight war folgender Wandspruch (im Ratskeller?): „Genieße das Leben beständig, du bist länger tot als lebendig!“ SH

Kulisse

Wenn es Weimar nicht gäbe, hätte ein US-Amerikaner den Ort längst erfunden. So ein intellektuelles, revolutionäres, gruseliges gleichwohl provinzielles Disneyland für Bildungsbürger ist ein Diamant im Weltinszenierungsgeschäft. Nicht nur Touristen, auch Medienproduzenten haben einen steigenden Bedarf an Kulissen für ihren Content. Weimar bietet allen etwas. Vor allem die ARD fühlt sich dort offensichtlich gut bedient: Nach einem Vorabend-Krimi-Duo lässt sie nun auch ein „Event“-Tatort-Team in Weimar ermitteln: Nora Tschirner und Christian Ulmen. Vielleicht sprechen für Weimar aber auch rein pragmatische Gründe: Falls dort mal Teile der Kulissenwelt brennen, wie etwa 2004 die Anna-Amalia-Bibliothek, dauert es nicht lange, bis Spender sie wieder aufbauen. Susanne Lang

L

Licht

Der Palast der Republik ist perdu, aber seine Leuchtmittel sind noch nicht erloschen. In der Weimarer Mensa am Park ist jenes spezielle Lampensystem wie in Erichs Lampenladen noch im Einsatz zu sehen. Neben dem Palast der Republik wurde die damalige Neuentwicklung nur in der Uni-Mensa verbaut, die im November 1982 zur Speisung der Studierenden eröffnete. Im dortigen großen Saal ist das räumliche Beleuchtungssystem aus Stabgitter mit Kugelleuchten installiert. Nach der Wende sollte das Gebäude abgerissen werden, sozialistische Spätmoderne passte nicht mehr zum Nimbus von Bauhaus und Klassik, der für Touristen interessant ist (Kulisse). Doch die Kampagne Mensadebatte.de stellte sich den Plänen entgegen und schaffte das schwer Mögliche: die Öffentlichkeit für das unbequeme Denkmal zu gewinnen. Seit 2011 steht die Mensa unter Denkmalschutz. TP

N

Nietzsche

Der Philosoph und Weimar bilden ein trauriges Kapitel. Hier verbrachte Nietzsche seine letzten zehn Lebensjahre in geistiger Umnachtung. Er kam bei der Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche unter, die seine Schriften leider nach Belieben umdeutete. Sie mystifizierte ihren Bruder, gründete das noch immer in Weimar befindliche Nietzsche-Archiv und gab das Gesamtwerk heraus, wie es ihr gefiel – und fälschte auch mal Schriftstücke. Nietzsches zur Nazi-Bibel ikonisierte Buch Der Wille zur Macht stammt gar nicht von ihm, sondern ist eine Kompilation der Schwester, die in antisemitischen und deutschtümelnden Kreisen verkehrte. So wurde Nietzsche zum Protofaschisten uminterpretiert und dann auf Parteilinie gebracht. Die DDR hielt an dieser Auslegung fest, konnte sie sich doch durch ein Druckverbot seiner Werke als anderer deutscher Staat legitimieren. Dabei schrieb Nietzsche schon vor den Weltkriegen, die Deutschen hätten Europa „in eine Sackgasse gebracht“. TP

W

Weimarer Lehren

Berühmt ist der Artikel 48, der dem Reichspräsidenten in der Zeit der Weimarer Republik das Notverordnungsrecht einräumte. Es lieferte die verfassungsrechtliche Voraussetzung, die die Präsidialkabinette und letztlich den Aufstieg Hitlers ermöglichte. Wenn von den „Lehren Weimars“ die Rede ist, dann denkt man an diese gezielte Machtbeschneidung des Präsidenten und die Arrondierung der Parteienlandschaft mittels der Fünfprozentklausel. Dass die Väter und (vier!) Mütter der Parlamentarischen Versammlung aber auch dem Volk nicht mehr sonderlich vertrauten, lässt sich daran ablesen, dass Volksentscheide zumindest auf Bundesebene nur bei Länderfusionen und der Ablösung des Grundgesetzes durch eine Verfassung ermöglicht wurden. Beides wurde uns 1990 bei der Wiedervereinigung vorenthalten. Wirklich gelernt wurde aus Weimar und den Folgen übrigens nicht: Sonst wäre es beim Verzicht auf eine Armee und einhergehender Auslandseinsätze geblieben. Ulrike Baureithel

Z

Zwiebelbonbon

Jedes zweite Oktoberwochenende im Jahr steht Weimar ganz im Zeichen der Bolle, wie die Zwiebel dort im lokalen Sprachgebrauch heißt. Seit 1653 widmet sich ein Markt dieser Bolle, die in Form von Zopf, Gesteck und Kuchen dargeboten wird. Man kann die Frucht mit desinfizierender Wirkung aber auch zu Bonbons verarbeiten, die gegen Husten und Heiserkeit helfen. Und so geht’s: 500 Gramm Zucker in zwei Esslöffel Wasser und zwei Esslöffel Essig bei mittlerer Hitze schmelzen lassen. Dann darin 100 Gramm geriebene Zwiebel unter Rühren honigfarben bräunen lassen. Die Masse auf eine gefettete Platte gießen, nach kurzer Wartezeit in größere Stücke schneiden und diese nach Erkalten auseinanderbrechen. Trotz Zwiebelinhalts schmecken die Bonbons süß. TP

09:00 03.11.2012

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