Klaus Heinrich

A–Z Klaus Heinrich wurde 1927 in Berlin geboren, vergangene Woche starb er. Eine Annäherung an das facettenreiche Wirken des großen Religionsphilosophen in elf Lemmata

A

Auftakt „Gründung ist ein mythologischer Begriff. Das Gegründete steht seit Ur-Zeiten. Heroen haben es gegründet“, schrieb Klaus Heinrich. Er sprach hier auch von sich, denn mit anderen Studenten und den Amerikanern gründete er 1948 in Dahlem eine neue, die Freie Universität, die wirklich frei sein sollte, weder dem nachlebenden NS noch dem auflebenden Stalinismus untertan.

An der FU lehrte er ab 1970 als Professor für Religionswissenschaft auf religionsphilosophischer Grundlage. Lange war sein Institut in einer kleinen Villa (Hörsaal) untergebracht, in der über alles diskutiert wurde, was man sich denken kann. Zugleich war Heinrich der klügste, der liebenswürdigste Mensch, gerade kein deutscher Professor, sondern Beschwörer dessen, was immer zu wissen und zu denken nötig, nicht weil ein Curriculum, sondern die Existenz aller es erfordert.

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Berlin Brecht sagte von Karthago und seinen Kriegen: „Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden.“ Alle verstanden, dass Berlin nach 1945 gemeint war, dem in einem neuen Krieg die Auslöschung drohte. Heinrich wuchs hier auf, wo er (abgesehen von Reisen) sein Leben verbrachte. Es gab Spötter, die bemerkten, er sei niemals weg aus Steglitz. Warum auch? Die Ruinenstadt, die es neu und vernünftig aufzubauen galt, war selbst Ur-Zeit – und so Ort der Befreiung gerade durch die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, aber auf besondere Weise: Eine Insel, Trizonesien, vom roten Osten umgeben und lange noch durch keine Mauer getrennt, versprach sie die Möglichkeiten vieler Anfänge, die es weder im restaurativen Westdeutschland noch in der DDR gab. Beckett war da, die Bachmann, Dutschke und Derrida, später Bowie, ungezählt andere noch: Berlin ein Seismograf, dessen Ausschläge Heinrich ablas und in sein Denken übersetzte.

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Freud Auch Freud war Gründungsheros, ein „Existenzialist und Lehrmeister der inneren Zersetzung“, um unsere Verstrickungen als „begehrend-begehrte Wesen“ offen zu legen. Dabei gehe es, so Heinrich, nicht nur um individuelle, sondern auch um kollektive Neurosen, die „durch den selbstanalytischen Prozess aller“ einsichtig würden. Erst so könnten wir uns insgesamt, nicht nur als einzelne von dem abstoßen, was Mythologie im schlechten Sinn sei: Ideologie und Verblendung, mit der wir blind wie Ödipus blieben. Freud wollte mit seiner Methode Heilung und Forschung verbinden, indem die gewonnene Aufklärung direkt wohltätige Wirkung leistet. Auch hier war der Anfang bei den Mythen zu machen, von denen Heinrich sagte, schon sie stellten einen „Verarbeitungsprozess“ dar. Um weiterzukommen, nahm er von Freud das Modell der Verdrängung. Was der Ordnung zuwider, weil anstößig, ekelhaft, obszön, unsinnig sei, würde verworfen und kehre doch wieder, entstellt im Symptom-Symbol. Dessen Entschlüsselung sei die Aufgabe, ihr gelte das „Aufklärungsinteresse“, um aus der „Opfergemeinschaft“ herauszutreten, die abstößt, aber auch fasziniert und bannt, weil sie Erlösung von dem „In-Spannung-Zerrissensein der lebendigen Materie“ verspricht.

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Hörsaal Außer der kleinen Villa war der Hörsaal C des Henry-Ford-Baus Heinrichs Bühne an der FU. Jeden Montag und Donnerstag von 16 bis 18 Uhr hielt er dort seine Vorlesungen. Er sprach frei, wanderte vor dem Podium auf und ab, wandte sich nur dann an sein Publikum, wenn er aus mitgebrachten Büchern vorlas, die er auf einem kleinen Tisch liegen hatte. Das Auditorium bestand nicht nur aus Studierenden, sondern umfasste Theaterleute, Psychoanalytiker, Architektinnen, Maler, alle, die in Erfahrung bringen wollten, wie „Mythen und philosophische Systeme auf angstbesetzte Fragen antworten, die die Gattung stellt“. Sie gelten den „großen Ängsten der Menschengesellschaft: Zerrissen-Werden, Verschlungen-Werden, Zerstückelt-Werden – dieses alles lernen wir, und zwar in Zusammenhängen, über die man diskutieren kann“.

K

Kult Religionen umfassen neben Glaube und Bekenntnis kultische Praktiken und Rituale. Heinrich zufolge versprechen sie, die großen Ängste zu nehmen oder jedenfalls zu lindern, indem sie ein „Sich-Feien“ gegen künftiges Unheil leisten. Wer sich rituell schlagen, zeichnen, kurz: weihen lasse, der immunisiere sich und könne von nun an durch alle Gefahren ungerührt hindurch gehen. Das sei das Versprechen aller Kulte und zugleich ihr Betrug. Denn mit den Opfern sei an kein Ende zu kommen, sie müssten immer wieder wiederholt werden.

M

Malerei Außer Texten führte Heinrich Bilder vor, von den Höhlenmalereien über die Renaissance bis zu Beckmann und Beuys. Sie dienen nicht zur Illustration, sondern leisten selbst Kritik und Analyse, weil sie dieselben Fragen stellen wie Philosophie, Theologie, Mythologie: Woher kommen wir, wohin gehen wir, wofür kämpfen wir? Bilder fragen oft realistischer, denn sie vollbringen die Auferstehung des Fleisches inmitten der Opfer und Schindereien, und das ohne die christlichen Rationalisierungen. Giotto, Tizian, Manet lassen die Malerei leuchten, die dann geistesgegenwärtig wird und auf den verkörperten „Triebgrund der Wirklichkeit“ (in den Religionen Gott genannt) verweist, keinen Tyrann, sondern den Ersten der Brüder und Schwestern.

O

Ovid Der von ihm hoch geschätzte Dichter war Heinrich ein „Aufklärer“. Er widmete ihm ein Buch: Floß der Medusa (1995), in dem er (wie so oft) ältere Studien zusammenstellte und neu verband. Sie gelten einer Sache: „dass der Abschaffung der Opfer Einsicht in den eigenen Opferstatus vorhergehen muss“. Dafür war ihm Ovid Kronzeuge mit den Metamorphosen, jenen Erzählungen von Verwandlungen mythischer Wesen, die die Götter verfolgen, hetzen, leiden lassen, töten wollen. Indem diese dabei ihre Form wechseln und zu Tieren, Pflanzen, Stein werden oder sich selbst tötend verwandeln – wie Ino, Pflegemutter des Dionysos, die von der Klippe springt und zur Meergöttin wird –, bleiben sie sich selbst treu und dokumentieren in der Verwandlung ihre Geschichte, von der der Dichter erzählt, der die griechischen Mythen in die Weltsprache Latein übersetzt und so für alle Späteren aufbewahrt und weiter transportiert hat. Aber in den wilden Jagden wird auch am wilden Ursprung der Zivilisation festgehalten.

P

Protest Heinrich berief sich auf Philosophie, die er hervorragend kannte, gerade indem er auf die in ihr vollzogene Verdrängung hinwies; sie sei eine dreifache: der Frauen, der Arbeiter, der Triebe. Philosophie bemühe sich seit ihren Anfängen bei Parmenides bis hin zu Heidegger um „ein Sein, das nicht erreicht wird von Tod und Schicksal“, die aber gerade unser aller Leben in Mischungsverhältnissen ausmachten, das darum ein Drittes (tertium) sei, das philosophisch ausgeschlossen sei so wie in der Logik, der der erste Band von Heinrichs Dahlemer Vorlesungen galt (gehalten im Sommer 1970, publiziert 1981). Gegen diese verdrängende Philosophie richtete er seinen Protest, den er bei den Propheten der Bibel vorgebildet fand. Einer seiner Helden war Jona, der der Stadt Ninive den Untergang prophezeien sollte, die Gott aber doch errettete, weil es sie reute. Damit, so Heinrich, breche er aber sein ursprüngliches Wort auf eine Weise, in der nicht ausgemacht sei, ob es sich um Treue oder Verrat handle, ein Zirkel, in den jeder Protest seither sich einschriebe.

R

Rom Wie Freud galt Rom auch Heinrich für mehr als nur eine seit Ur-Zeiten existierende Stadt, die eine kosmische, weil alles umfassende Qualität besitzt. War sie Freud Modell für das Unbewusste, in dem alles gleichzeitig und nebeneinander existiere (Antike, Mittelalter, Barock, Risorgimento, Moderne – wie es dort tatsächlich oft der Fall ist), so erschien sie Heinrich als Inbegriff von Vitalität, die in Form gebracht sei. „Eile mit Weile“, das Motto befreiten Lebens der Renaissance, verweise nicht nur auf das von der Antike wiedergewonnene Pathos aktiver Schaffenskraft, sondern umfasse auch süßes Nichtstun. In Roms winkeligen Gassen verlaufe man sich, um in einer Trattoria im Schatten bei Pasta und Wein zu sitzen, glücklich satt zu werden und dann Siesta zu machen, einfaches Leben gerade in der komplexen Metropole genießend. Aus dem Grund ging Heinrich bei seinen Aufenthalten stets auch zum Standesamt am Kapitol, um nachzusehen, ob er im Aufgebot ihm Bekannte fände; und einmal, so erzählte er, habe er dabei auch Erfolg gehabt. Immer fand Heinrich in Piranesi, dem „ingeniösen Wiederentdecker, Rekonstrukteur des antiken Roms“, und seinen Veduten die Stadt meisterhaft dargestellt: Das antike Erbe liegt in Trümmern, und man kann deshalb nicht mit ihm klassizistisch auftrumpfen, wie es am brutalsten der NS tat. Aber das Erbe ist auch nicht verloren, sondern lebt als Zerbrochenes in Kunst und Reflexion nach, leidenschaftlich an- und aufregend bis heute.

U

Universität Heinrich hatte als „Universitätsutopist“ zu dieser Institution ein „erotisches Verhältnis“. Ihre wichtigste Aufgabe sei es, „der Gesellschaft ein Bewusstsein ihrer selbst zu geben“, so auch der Titel des zweiten Bandes seiner Reden und kleinen Schriften (1998). Denn der „Prozess der Wissenschaft und der Prozess der Selbstbefreiung des Menschengeschlechts“ seien „tendenziell einer“. Als Gründungsstudent der FU entsprach er dem; so wie auch die Studenten von 1968, die letzten Universitätserotiker. Was sie fürchteten, sollte auch uns nicht kalt lassen: „bei lebendigem Leibe tot zu sein, weil aufgegangen in einer in ihrer eigenen cleveren Lebendigkeit erstarrten Gesellschaft“. 1987 diagnostizierte Heinrich die „Geistlosigkeit der Universität heute“ – Geist als Triebbegriff für Leben, das eine Richtung hat. Seither ist es nicht besser geworden, im Gegenteil. Wie sollen wir uns dessen erwehren? Den Ort geistiger Präsenz hatten in den 1980ern Massenmedien, jetzt hat ihn das Internet usurpiert.

Z

Zeuge Heinrich kann beanspruchen, im eminenten Sinn Zeuge gewesen zu sein: im Kampf gegen den NS und gegen den Stalinismus. Das geschah in einer „Zeit, in der die Spielräume größer und die Zwänge sichtbarer waren“. Als jugendlicher Flakhelfer wurde er der Sabotage angeklagt und zur Haft in Neuruppin verurteilt, die er absaß. Nach dem NS, dessen Nachleben er stets bekämpfte, wurde er seines Engagements wegen als Student bedroht. Gewarnt kehrte er nicht mehr an die (spätere) Humboldt-Universität zurück. Paul Wandel, dissidenter Kommunist, und Wolfgang Heise, Philosoph und „Widerpart in den Diskussionen“, hatten ihm dazu geraten, wie Heiner Müller später bestätigte.

Alle Texte: Martin Treml

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06:00 03.12.2020

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