Kleine Lebenslügen

WIE SICH GEWALT ZUSAMMENBRAUT Mats Wahl erzählt von einem Ort, in dem das Unfassbare geschieht

Ein netter kleiner Ort in Schweden. Eingebettet in die Natur, eine Idylle für Touristen. Die Gemeinde hat gerade damit begonnen, in Deutschland für sich zu werben. Ihr bleibt auch kaum eine andere Chance. Beim einzigen größeren Betrieb im Ort sind schon etliche Leute entlassen worden. Es kann passieren, dass er eines Tages ganz dicht macht. Was das Städtchen in dieser prekären Situation am allerwenigsten brauchen könnte, wäre, in schlechten Ruf zu geraten. Etwa wenn es hieße, hier trieben Neonazis ihr Unwesen. Dies jedenfalls ist die Sorge von Honoratioren wie Olle Berg, dem Gemeinderats-Vorsitzenden. Und deshalb reagiert dieser auch reichlich unwirsch auf die Ermittlungstätigkeit von Kommissar Harald Fors, der aus der Kreisstadt gekommen ist. Er sähe es am liebsten, wenn Gras über die Sache wüchse.

Aber die Sache ist zu ernst. Hilmer Eriksson, ein 16-jähriger Schüler, ist spurlos verschwunden. Er hatte keinen Grund, von zu Hause abzuhauen, im Gegenteil, er wollte abends zur Fernsehübertragung eines Fußballspiels zurück sein. Seither wird er vermisst. Kommissar Fors beginnt in Hilmers Umfeld zu sondieren. Befragt Mitschüler, den Schuldirektor, den Trainer, die Freundin und andere. Entdeckt rechtsradikale Parolen auf Schülerspinden. Stößt auf vertuschte Vorkommnisse der letzten Jahre, auf problematische Familiengeschichten, auf einige Jugendliche voller Hass und Gewaltbereitschaft. Das Bild vom friedlichen Städtchen bekommt Risse.

Mats Wahls Der Unsichtbare trägt Züge eines Krimis: Ein Ermittler auf fieberhafter Spurensuche. Ein Kampf gegen die Uhr, denn das Opfer ist vielleicht noch am Leben. Skeptische Vorgesetzte bei der Polizei, ein paar Verdächtige, eine vorerst schwache Beweislage. Anders als in üblichen Krimis jedoch verzichtet der Autor auf das Spiel mit der "Wer-war-es?"-Frage, mit allerlei falschen Fährten und einer verblüffenden Lösung. Die Tatverdächtigen stehen durchaus frühzeitig fest, es gilt "nur" noch, sie zu überführen und den Ablauf der Ereignisse zu rekonstruieren.

Schon hieraus schlägt Mats Wahl viel Spannung. Dass sein Roman den Leser aber vollends fesselt, dafür sorgt der schwedische Autor mit einem literarischen Kunstgriff: Der verschwundene Junge ist nämlich stets präsent, er begleitet voller Unruhe die Suche nach sich selbst, er ist der Unsichtbare des Titels, der Geist, der verzweifelt auf sich aufmerksam machen will. Durch ihn erfährt der Leser, dass "etwas Entsetzliches geschehen" ist, dass Hilmer irgendwo blutüberströmt im Laub liegt, nur noch ein schmerzhafter Traum seiner selbst. Er schwebt zwischen den agierenden Personen des Romans, und er schwebt zwischen Leben und Tod. Der Leser muss um ihn bangen bis zum Ende. Dieser Junge dient mithin nicht bloß als Anlass einer Kriminalgeschichte, er tritt uns vielmehr als Ankläger entgegen, rührt an unsere Menschlichkeit, unseren Gerechtigkeitssinn, fordert unsere Unduldsamkeit gegen Hass und Verrohung.

Zugleich ist Der Unsichtbare ein Buch des genauen Hinsehens und Hinhörens. Kommissar Fors´ Beobachtungsgabe und sozialem Gespür entgeht kein Detail, sei es wichtig oder unwichtig, aber das erweist sich bekanntlich immer erst später. Wie die Thermoskanne des Hausmeisters aussieht, mag letztlich ohne Belang sein, dass ein Schrank kürzlich neu gestrichen wurde, hat womöglich eine Menge zu bedeuten. Auch des Kommissars Gesprächsführung - sprich: Mats Wahls Kunst der Dialoge - besticht durch Konzentration und Hellhörigkeit, sie bringt jeden fragwürdigen Zwischenton, jede kleine Lebenslüge seines Gegenübers zum Vorschein.

Es ist tatsächlich ein ganz normaler kleiner Ort, in dem das Unfassbare passiert. Aber vom Himmel gefallen ist es nicht. Da kam vieles zusammen - soziale Probleme, Ausländerfeindlichkeit, hilflose Eltern, überlastete Lehrer, Verharmlosung rechtsradikaler Tendenzen, ein fragwürdiges Gerichtsurteil, Frust, Langeweile, Alkohol - bis eines Tages das fatale Gemisch in einem Verbrechen explodierte.

Mats Wahl: Der Unsichtbare. Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. Hanser Verlag, München 2001, 191 S., 25,- DM (ab 13)

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00:00 07.12.2001

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