Kleine Lektion in Debattenkultur

Medien Ein Podcast informiert über deutschsprachige Nachbarländer, über die wir nur vermeintlich Bescheid wissen
Kleine Lektion in Debattenkultur
Vielseitiger, als sie aussehen: die Alpen zwischen Zürich und Wien

Foto: Joe Klamar/AFP/Getty Images

Für neue Erkenntnisse ist ein Perspektivwechsel immer hilfreich. Im Club der toten Dichter klettert Robin Williams als Lehrer John Keating auf einen Tisch, um seinen Schülern diese Lektion mitzugeben. Doch auch die Alpen eignen sich hervorragend für diesen Zweck – und das nicht einmal wegen ihrer Höhe. Vielmehr hat man von dort einen Blick auf zwei Länder, mit denen wir nicht nur die Sprache teilen, sondern von denen sich auch gesellschaftlich und politisch einiges lernen lässt (oder auch: lieber nicht).

Genau das ist die Idee des Politikpodcasts Servus. Grüezi. Hallo., den Die Zeit im Februar dieses Jahres ins Leben rief. Einmal in der Woche unterhalten sich seitdem Matthias Daum, Chef der Schweiz-Ausgabe der Zeit, Florian Gasser, Redakteur der Wochenzeitung in Wien, sowie Lenz Jacobsen, Politikchef von Zeit Online in Berlin, eine halbe Stunde über zwei Themen, die in allen drei Ländern Relevanz haben. Das Spektrum reicht vom Umgang mit Zuwanderung über unterschiedliche Systeme der Mülltrennung bis zur Tierhaltung in Zoos. Der in Wien ist übrigens der älteste noch bestehende der Welt und wurde Mitte des 18. Jahrhunderts von Kaiser Franz I. ins Leben gerufen. Den Zürcher gründeten engagierte Bürger Anfang des 20. Jahrhunderts, nachdem der Außenminister von Abessinien der Stadt zwei Löwen geschenkt hatte, die aus Mangel an Unterbringungsmöglichkeiten nach Hamburg und Basel weitergereicht werden mussten. Das sollte nicht noch einmal passieren.

In dieser Art erfährt man viel über seine Nachbarn, die einem, wie sich herausstellt, nur vermeintlich vertraut sind. Oder hätten Sie gewusst, dass die Schweizer ihre Einkommensteuern nicht direkt vom Gehalt abgezogen bekommen, sondern einmal im Jahr selbstständig überweisen und alles andere für eine quasisozialistische Zumutung halten? Dass Österreich ein eigenes Detroit namens Eisenerz hat, wo verfallene Industrieanlagen Touristen anlocken? Oder dass eine Dornenkrone mit mehreren Metern Durchmesser durch Innsbruck getragen wird, um den österreichischen Anspruch auf Südtirol zu bekräftigen? Eben.

Besonders spannend wird es, wenn es um aktuelle politische Strömungen geht. Denn der Aufstieg der AfD findet seine Blaupause auch bei der SVP in der Schweiz, vor allem aber bei der FPÖ in Österreich, die in den 1990ern unter Jörg Haider an Bedeutung gewann und heute mit in der Regierung sitzt. Wer kein Interesse an einer Vizekanzlerin Beatrix von Storch hat, sollte dort ganz genau hinschauen.

Das alleine macht den Podcast schon hörenswert. Zudem geben die drei Diskutanten aber auch eine kleine Lektion in Debattenkultur. Zwar kann allen dreien als Mitarbeitern des Zeit-Verlags ein ähnliches Wertesystem zugestanden werden. Aber darüber hinaus wird knallhart gestritten. Wie viel Sozialstaat darf’s sein? Wie nervig beziehungsweise unverzichtbar sind Volksfeste? Welche Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen ist wünschenswert? Matthias Daum aus Zürich vertritt meist wesentlich konservativere beziehungsweise liberalere Positionen als seine Kollegen aus Wien und Berlin. Man regt sich auf, fällt sich ins Wort, frotzelt. Und nebenbei wird gezeigt, wie viel Spaß Diskussionen machen können, wenn mit Argumenten für Positionen geworben wird und nicht mit Lautstärke.

Info

Servus. Grüezi. Hallo. erscheint immer mittwochs und ist online unter www.zeit.de/serie/servus-gruezi-hallo abrufbar

06:00 07.11.2018

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