Kleiner dunkler Vogel

Herrenmenschen und Gastarbeiter Vor 40 Jahren begann der "Import" von Arbeitskräften, ungewollt und ungeplant die Gesellschaft zu verändern. Meine Nachbarn Mevlüt, Emine, Derya und Kadir

Als deutsche Unternehmen wieder begannen, fremde Arbeitskräfte zu importieren, waren erst 15 Jahre seit dem Krieg vergangen. Das war alles noch frisch: die unendlichen Ströme von Gefangenen, Zwangsarbeitern, Flüchtlingen, Umgesiedelten. Noch war der Boden aufgewühlt. Diese Bewegung war kaum abgeebbt, kaum zur Ruhe gekommen.
Als die ersten Gast-Arbeiter in deutsche Betriebe geholt wurden, war es erst einen Augenblick vorbei, dass sich die Deutschen für Herrenmenschen gehalten hatten. Ja, Millionen Deutsche, nicht nur Nazifanatiker, hatten sich diese Idee gern zu eigen gemacht, als ob in ihr ein Versprechen lag. Menschen aus allen sozialen Schichten bildeten sich ein, die Proklamation ihrer Überlegenheit als etwas Wahres zu erkennen. Anfangs fühlten sie sich von ihrem Wirtschaftsboom, dann von der langen Serie von Siegen bestätigt, zum Schluss noch von den Millionen Fremdarbeitern, die in Industrie und Landwirtschaft für sie ohne Löhne schufteten. Seltsam, wie selten über diese geistige Verirrung selbstkritisch nachgedacht wurde und noch wird, auch bei aller "Aufarbeitung der finsteren Zeiten", bei all der Asche auf dem Haupt. Diese Selbsterhöhung verzieh man sich, schien mir immer: Sie kam ins Schubfach "Verblendung", erzeugt vom dämonischen Hitler. Welche Teile davon mögen sich über die Katastrophe herübergerettet haben - bis heute? Zu wenig Scham ob dieser absurden Selbstüberhebung gab es nach dem Krieg. Und deswegen konnte das Zusammenleben mit den wieder benötigten Spaniern, Portugiesen, Italienern, Griechen, Jugoslawen und nun vor allem den Türken gar nicht harmonisch sein. Die Lügen liefen immer mit, bis heute.
Als vor 40 Jahren mit der Türkei der Transfer von Arbeitskräften vereinbart wurde, war einige Monate vorher - das Auffälligste wird oft übersehen - eine andere Quelle versiegt. Aus dem Osten kamen seit dem 13. August 1961 keine neuen Arbeitskräfte mehr. Die Millionen Umsiedler der Nachkriegsjahre waren schon aufgesogen. Die Industrie war in jener Zeit so hungrig nach Arbeitskräften, dass einem beim Rückblick schwindlig werden kann.

Aber diesem Hunger danke ich, dass wir acht Jahre lang wunderbare Nachbarn hatten, Mevlüt, seine Frau Emine, zwei Kinder. Von ihnen bekamen wir den ersten Kaffee, als wir einzogen und unser Herd noch nicht angeschlossen war. Seitdem reichten wir mit nie erlahmender Freude Gebäcke, selbst gemachten Joghurt, Marmelade, Zigaretten über den Flur. Und erzählten uns viele Dinge, geduldig nach Worten suchend.
Alle - Politiker, die ganze Gesellschaft - wussten von Anfang an, dass der Boom jener Jahre nicht ewig dauern konnte. Alle wussten, es würde einen tiefen Eingriff in das bis dahin relativ geschlossene deutsche Gefüge bedeuten, so viele Menschen aus anderen Ländern in atemberaubender Hast hereinzuholen. Wie viel wurde gespottet über den Begriff "Gastarbeiter"! Wohlwollend oder gehässig: Gäste lässt man nicht arbeiten; Gäste kommen und gehen, sie aber werden bleiben. "Man rief Arbeitskräfte, und es kamen Menschen", der Satz von Max Frisch wurde in diesen Tagen anlässlich des 40. Jubiläums oft zitiert. Als würde man diese Tatsache erst im Nachhinein erkennen. In Wirklichkeit lag es sofort auf der Hand. Nur die Politik gab sich blind. Und wenn das Offensichtliche nicht offen ausgesprochen wird, wenn Konsequenzen, die "jedes Kind sieht", geleugnet werden, wenden die Menschen sich ab, lassen die Dinge laufen, richten sich ein im ungeklärten Zustand. Die einen befreunden sich allmählich mit ihren neuen Kollegen, mit Nachbarn und Schulfreundinnen. Die anderen schotten sich ab. Und dann gibt es die Bilder, die die Realität überdecken und ständig die eigenen Erfahrungen zu vernichten drohen, dumme Bilder, Ressentiments, Vorwürfe: Die Türken kapseln sich ab. Die Deutschen wollen uns nicht.

Die Bilder stimmen nie. Kürzlich erzählte eine alte Bäuerin aus dem Lausitzer Dorf Horno, wie sie im Krieg mit den Franzosen, die man bei ihnen eingesetzt hatte, an den Abenden zusammensaßen und sangen. "Es war ja verboten, aber - ", sagte sie und winkte ab. Und dann erinnerte sie sich, dass ein junger Franzose im Fluss ertrank und wie traurig die Beerdigung war. Auch von einem Polen erzählte sie und erinnerte sich an seinen Vor- und Nachnamen. Offensichtlich waren sie, ohne sich heute darauf etwas einzubilden, schon damals ohne Dünkel. Das gab es auch. Sie waren jung und begriffen sich wahrscheinlich als eine Schicksalsgemeinschaft im schrecklichen Krieg. Sie arbeiteten ja alle hart und wussten nicht, wie alles ausgehen würde. Dorthin kam der Krieg zum Schluss mit langen, grausamen Schlachten. Sie fanden später die Toten in den Feldern.

In den vergangenen 40 Jahren waren die Beziehungen der Deutschen zu den Ausländern immer voller Ungereimtheiten. Als sich die Westdeutschen nach dem Krieg allmählich Urlaubsreisen nach Italien leisten konnten, gönnten es die Väter ihren Töchtern, dass sie sich für einen Sommer in einen braungebrannten, romantischen Jungen im Ferienort verliebten. Es schien fast die Krönung einer Reise. Doch als dann solche Jungen in der Rolle des Gastarbeiters hier auftauchten, verboten dieselben Väter ihnen das Haus, kam es zu Mord und Totschlag. Daran erinnert sich kaum noch jemand. Vielleicht, weil das nicht lang so ging, denn bald machten die ersten Italiener Eiskaffees und Pizzerias auf, es gab nicht mehr nur Arbeiter, die jene Dienste übernahmen, für die sich die Deutschen zu schade wurden, sondern es trat auch ein italienischer Mittelstand auf die Bühne, mit dem man sich sehen lassen konnte.
"Ich kann gar nicht sagen, wo ich war", sagte im Zug ein Mitreisender, der sichtlich aus dem Urlaub kam. Aber da er große Lust hatte zu erzählen, gab er es preis: Er war in der Türkei. Nachdem er es ausgesprochen hatte, schwärmte er fast rauschhaft, am meisten von den Menschen. Das ist neun Jahre her. Es hat ein millionenfaches Kennenlernen stattgefunden, ganz unspektakulär, nie gewürdigt, vielleicht auch ohne wirkliche Erkenntnisse, die neuen chauvinistischen Versuchungen standhalten würden. Wie soll man das interpretieren, dass sich in vielen Betrieben Deutsche mit ihren langjährigen türkischen Kollegen gegen die Deutschen aus Kasachstan, die als letzte kamen, verbünden? Das "Blut" spricht auf jeden Fall nicht, sondern die Konkurrenzsituation produziert die Emotionen.

Es wird ganz vergessen, dass es bei den Konflikten zwischen Einheimischen und Ausländern hauptsächlich um soziale Differenzen geht. Diese Kategorie scheint auszusterben, erstickt von der Faszination, die den ethnischen Unterschieden gilt und den angeblich alles erklärenden "kulturellen" Gegensätzen. Wobei mit Kultur wiederum nicht die Bildung eines Menschen gemeint ist, sondern in erster Linie seine Religionszugehörigkeit. Die Türkin, die von der Uni in Istanbul kommt, trifft in Berlin auf das anatolische Dorf, das ihr bis dahin fremd war, und es kostet sie kaum weniger Mühe als die Deutschen, das Milieu zu begreifen. Aber allmählich wird sie hier unter die "Türken" gemischt, sie wird mit ihnen gemeinsam zu einer neuen Spezies gemacht, die es in der Geschichte bisher nicht gab. Die Deutschen erschaffen sich ihre Türken, und die hier lebenden Türken erschaffen sich selbst, indem sie sich wehren, sich zugleich anpassen, sich dabei von den Verwandten und Landsleuten in der Türkei entfernen. Sie werden uns mehr und mehr interessieren, vor allem die rätselhaften zweiten und dritten Generationen, die weniger berechenbar sein werden als ihre Mütter und Väter.

Mevlüt hat die ganze Fahrt über geweint, von Bucak bis Berlin. Er war 15, die Eltern holten ihn nach, auf sie freute er sich, sonst auf nichts. In Berlin war es kalt. Fast immer war es kalt bei der Ankunft, in unzähligen Erinnerungen. Die Toilette war im Treppenhaus. Das konnte er nicht fassen. Er kam vor 25 Jahren. Beim ersten Urlaub zu Hause zerriss er gleich am Flughafen seinen Pass, um nie wieder nach Deutschland zurückzukehren. Aber dann - als er einfach keine Arbeit fand, als er keine Hilfe von der Verwandtschaft erhielt, denn nicht jede Großfamilie funktioniert als Schutz - kehrte er doch wieder zurück.
Emine ist nach der Hochzeit hierher gekommen. Freundinnen haben die Ehe vermittelt. Nach der Hochzeit (sie weiß, es war "wie im Lotto") musste sie ein Jahr warten, bis sie eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland erhielt. Seitdem arbeitet sie in einer Großwäscherei. Die meisten Kolleginnen sind Türkinnen. Mevlüt war gerade arbeitslos geworden, als wir einzogen. Der Rücken war kaputt. Seitdem gibt es für ihn nur Jobs. Beim städtischen Gartenbauamt gehörte er für ein Jahr zu einer kleinen Gruppe mit drei deutschen Männern. Eines Tages zog eine Behindertengruppe mit Rollstühlen und Betreuern vorbei. Einer sagte: Was das kostet! Denen muss man eine Spritze geben... Mevlüt begriff gleich: Wenn du so ein Kind hättest, würdest du dann auch so reden? Da entgegnete der: Meine Mutter war einverstanden, dass mein Bruder wegkam. Unter Hitler war das so, erklärte er dem konsternierten Mevlüt. Und die beiden anderen stimmten ein: Ja, ja, das ist das Vernünftigste, auch wenn man das heute nicht sagen darf... Mevlüt erschrak tief bei diesem Blick in einen nicht geahnten Abgrund.
Einige Tage später sah er vom Balkon aus, wie eine Elster auf einen Vogel einhackte, ging hinunter, verscheuchte sie. Der kleine dunkle Vogel krallte sich mit scharfen Krallen an seinem Finger fest, so dass er blutete. Aber Mevlüt nahm ihn mit hoch, tat ihn in einen Karton, fuhr mit der S-Bahn zu einem Tierheim. Gerade wurde es geschlossen. Der Vogel starrte ihn mit einem ängstlichen Auge an. Er liebte ihn schon, trug ihn vorsichtig, aber zunehmend ratlos. Da kam "ein Engel", so sagte er: eine junge Frau mit Fahrrad und einem Kaninchen im Korb. "Was für ein Tierchen tragen Sie denn da?", fragte sie ohne Scheu. Sie wusste alles, erzählte Mevlüt hingerissen: Es war ein Turmfalke, der unter Naturschutz steht, dessen Schnabel man aufdrücken müsse, sonst verhungere er. Sie bot an, ihn zu sich mitzunehmen. In der letzten Aufwallung seiner Beschützerrolle nahm Mevlüt ihr das Versprechen ab, ihn wieder frei zulassen. "Ein Vogel ist doch für die Freiheit da." Die drei Männer erklärten ihn für verrückt. Das hatte er erwartet, darum hatte er es getan.

Der Sohn Kadir, gerade 16 geworden, wird in diesen Tagen den deutschen Pass beantragen. Dass er die türkische Staatsangehörigkeit abgeben muss, erscheint der Familie als Grausamkeit. "Was sollen wir tun?", sagt Emine. "Es ist doch besser für seine Zukunft, nicht Marina?" Derya verkündet trotzig, sie möchte reich werden, nichts als reich werden. Ob sie reiche Leute kenne? Nur aus dem Fernsehen, lacht sie. Sie ist zart mit großen Augen und schönen Haaren, die sie selbst mag. Ihr Bruder sagt: Du wirst Model. Aber Mevlüt würde das nicht erlauben. An beiden war über die Jahre mitzuerleben, wie sie ihre türkische Identität mehr und mehr entdeckten und sogar anfingen, etwas schlechter Deutsch zu sprechen als im Kindergarten und in den ersten Schuljahren.
Jetzt löst sich da wieder etwas, durch neue Freundschaften. Derya hat eine russische Freundin, sie beschützt eine thailändische Mitschülerin gegen eine Clique dominanter Türkinnen in der Klasse. Die Schule als Institution war für sie und ihren Bruder immer etwas Feindliches und Unergründliches. Die Lernstoffe hatten überhaupt keinen Bezug zu ihren Erfahrungen oder Fragen, sie mussten ihnen vorkommen, als wären sie nur ausgedacht, um die Schüler qualvoll zu testen und ihre Zähigkeit auf die Probe zu stellen. Es ähnelte dem, was der Vater vom Pauken des unverständlichen Koran erzählte. Sie lernten in diesen Schulen, sich unter anderen Kindern zu behaupten, sie gewöhnten sich an die ständige Angst vor Kontrolle und Versagen, sie übten, sich durchzumogeln. Interesse für ein Thema kam kaum je auf und starb an mangelnder Resonanz wieder ab. Die Eltern konnten ihnen keinen Rat geben, außer der Selbstdisziplinierung.

So haben vor 40 Jahren irgendwelche deutschen und türkischen Bürokraten und Politiker Schicksal gespielt. Mit ein paar Paragraphen haben sie sich der aktuellen Probleme entledigt, haben einige Hunderttausend Arbeitskräfte herangeholt oder sie sich vom Hals geschafft. Mehr wollten sie nicht. Sie wussten nicht, was sie taten, scheint mir. Von den deutschen Akteuren ist zu sagen, dass sie das Land ungeheuer verändert haben. Es kam etwas ganz anderes heraus als sie je wollten. CDU-Politiker wie Koch und Schönbohm, die Nachfolger jener Initiatoren der Völkerwanderung, spielen jetzt schändlich mit hiesigen Ressentiments. Diesen verantwortungslosen Akteuren mag nun ein Dank zukommen, der ihnen sicher sehr unerwünscht ist: Das gemischte, offene Deutschland, das die gleichen Konflikte lösen muss wie die ganze Welt, ist immerhin viel akzeptabler, als jenes, das ihnen vorschwebte. Zu spät für sie, es rückgängig zu machen.

Die neuen Nachbarn aber meiden jeden Kontakt zu der freundlichen Familie. "Sie sind wie Gespenster", sagt Mevlüt. "Eine Geister-Wohnung", ergänzt Derya. Sie muss ihren Vater immer übertreffen.

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00:00 09.11.2001

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