Kleiner Schlink, was nun?

Horizont In seinen Essays beschäftigt sich Bernhard Schlink mit der "erschöpften Generation" der 68er

Die Niederlage der verflossenen rot-grünen Bundesregierung stand für Bernhard Schlink schon bald nach ihrer Wiederwahl im September 2002 fest. Schlink betätigte sich bei dieser Vorhersage nicht als Prophet. Zu diesem überraschenden Fazit kam der Rechtsprofessor und Schriftsteller in einer sozialpsychologischen Analyse der "68er". Dieser Essay mit dem schönen Titel Die erschöpfte Generation ist nachlesenswert, wie überhaupt alle seine Texte die Lektüre lohnen. Die Gegenwart zeigt darin ein Stück ihrer Geschichte. Im Dezember 2002 hatte Schlink in seinem im Spiegel publizierten Essay geschrieben: "Die Wähler gaben ihr eine zweite Chance. Die Regierung hat sie nicht ergriffen". Schlink kritisierte, dass die Regierung den Schwierigkeiten, in denen Deutschland steckt, mit Flickwerk anstatt der notwendigen Reformen begegnet sei, wobei er zu den "notwendigen Reformen" eine Debatte über die Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen rechnete. Er vermisste den Diskurs über das Soziale, den er bei der politischen Klasse weitgehend durch die leere Phrase ersetzt sah. Schlink konstatierte "Verschweigen, Beschönigen, ausweichende Antworten, hohle Entschlossenheitsposen" und resümierte "Die Generation ist erschöpft. Nicht nur in der Politik".

Einmal mehr geht es um die sogenannten "68er", jene Zwanzigjährigen, die im Adenauer-Erhard-Deutschland aufwuchsen, die mit seinen Konventionen brachen, Grass statt Ina Seidel lasen, gegen Vietnam-Krieg, Berufsverbote und den "Muff von 1000 Jahren" unter den Talaren opponierten. Es ist die Generation, die die geistigen Grenzziehungen des Kalten Krieges nicht hinnahm und einen fundamentalen politischen Wechsel erlebte, hin zu einem Bundeskanzler mit Emigrantenschicksal: Willy Brandt. Mittlerweile ist diese Generation selbst etabliert.

Schlink war 1968 ein Student von 24 Jahren. Im Jahr 2005 ist er ein Autor mit Welterfolg. Sein Roman Der Vorleser wurde in viele Sprachen übersetzt. Heute ist er Staatsrechtler in Berlin, kürzlich vertrat er als Prozessbevollmächtigter die Bundesregierung in Karlsruhe beim Streit über die Auflösung des Bundestages durch das weitherzig gehandhabte Misstrauensvotum des damaligen Bundeskanzlers Schröder vor dem Bundesverfassungsgericht.

In Joachim Fests Essay über Golo Mann, Glück als Verdienst, war kürzlich vom "beunruhigten Erstaunen ... wie es in den sechziger Jahren zu jener merkwürdigen Renaissance des Marximus kommen konnte" zu lesen. Schlink fragt, "Was hat meine Generation erschöpft?". Fest und Schlink schauen von Standpunkten, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, gemeinsam vom Ende her auf die sechziger Jahre. Für den einen hat es sich um einen irregulären Zwischenfall gehandelt, für den anderen um den Gewinn einer Alternative. Die Erschütterungen hallen nach. Fest bewegen noch immer Befürchtungen, Schlink eher Hoffnungen. Doch er geht mit ihnen analytisch um. Wie und unter welchen Umständen lassen sich alternative Perspektiven zurückgewinnen, wie steht es mit dem Personal, von welcher Gestalt könnten die Alternativen sein?

Mehr oder weniger grundieren diese Fragen, sowohl seine Essays über Politik, Literatur, Wirtschaft, Recht, Kirche, Moral als auch literarische Abhandlungen, zu Heine etwa, Fallada, Lessing, Imre Kertész oder Pat Barker. Locker verschlingen sich darin das Aktuelle und die Gegenwart. Sie sind intellektuell im Bezug, oft intim, schöne Prosa, lange Wege nicht scheuend: "Das Duell im 19. Jahrhundert: Realität und literarisches Bild einer adeligen Institution in der bürgerlichen Gesellschaft", heißen dann die Überschriften oder "Literatur als Bilderbuch der Rechts- und Staatsphilosophie." Manche Themen hat er sich weniger vorgenommen. Sie sind eher über ihn gekommen. Die Dankesrede bei der Verleihung des Hans-Fallada-Preises der Stadt Neumünster 1997 zum Beispiel.

Der Redner äußert humorvoll Überraschung bei der Entgegennahme der Auszeichnung: "Kleiner Schlink - Was nun? Was habe ich mit Fallada zu tun?". Fallada hat Schlinks fremder Blick überaus gut getan. Schlink erlöst den so oft in Klischees erstickten Autor aus der Betrachtungsroutine. Ein Fenster geht auf, und man versteht Falladas gescheiterten Versuch, in Frieden mit der Welt zu leben. Doch die politischen Verhältnisse greifen nach ihm. Es ist die Tragödie Falladas in wenigen Sätzen. Und zugleich ein Extempore - Was ist ein politischer Schriftsteller? Was ist politische Literatur? Die Antwort auf diese Frage findet Schlink in einem Essay über Heinrich Heine. Darin paraphrasiert er Hegels Bemerkung "Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken erfasst. Es ist ebenso töricht zu wähnen, irgendeine Philosophie gehe über ihre gegenwärtige Welt hinaus, als ein Individuum überspringe seine Zeit" und gelangt mit ihr zu der Feststellung, auch Literatur sei Zeit in Gedanken erfasst, genauer in Geschichten.

Schlink macht eine Ortsangabe für den Autor und die Literatur und präzisiert, was ihr an einem solchem Platz möglich ist: "Es heißt, daß sie nicht mehr kann, als uns der Wirklichkeit zu vergewissern, der Welt und der Zeit und unseres Ortes darin".

Dem Personal der bundesdeutschen Veränderungen in den sechziger Jahren stellt Schlink kein gutes Abschlusszeugnis aus. "Die Generation ist erschöpft, weil sie überfordert ist, und sie ist überfordert, weil sie wenig mitbringt, womit sie den anstehenden Anforderungen begegnen könnte". Die späten sechziger und frühen siebziger Jahre, die sie geprägt haben, sieht er als Jahre leichter und früher Erfolge. Bis heute stünden Mühe und Spaßdefizit bei ihnen unter Verdacht. Manchmal schrödert es in diesem Soziogramm temperamentvoll, etwa wenn Schlink konstatiert, dass "überfälliges politisches Gestalten" darin bestehen könne, zu sparen, statt auszugeben, Verzicht zu verlangen, statt Wohltaten zu gewähren, sei nichts, womit die 68er-Generation groß geworden wäre. Da schimmert eine etwas naive Psychologie durch. Schlink konterkariert sich nämlich selbst. Auch in seinem geistigen Inventarverzeichnis ist die wichtigste Verlustanzeige im Lauf der letzten Jahre der Verlust der gesellschaftlichen Alternative. "Aber wie defizitär der Sozialismus des Ostens auch war, schien seine Existenz doch zu belegen, dass es für Freiheit, Demokratie, Rücksicht auf die Umwelt andere, egalitäre und solidarische ökonomische und politische Bedingungen geben könne als im Kapitalismus des Westens". Und im Essay Rousseau in Amerika: "Bevor Ost und West wieder Himmelsrichtungen wurden, ließ uns ihr Gegensatz nie vergessen, daß die Welt auch anders sein kann". Es muss wohl einen Zusammenhang damit geben, dass eine Welt, die den Anschein der Alternativlosigkeit zu erwecken vermag auch eine Bewegung auslöst, die eine aufmüpfige Generation in die Konventionen und ihren Konsens zwängt.

Schlink trifft auf "engagierte Lehrer meiner Generation", die ausgebrannt sind, Juristen und Ärzte, nicht weniger angepasst als ihre unkritisch angetretenen Kollegen, Journalisten, bei denen an die Stelle früheren Aufbegehrens die besserwisserische Attitüde getreten ist. Schlink hätte auch Namen für noch mehr ins Gewicht fallenden Verschleiß einstiger Positionen nennen können: Fischer, Schily, Schröder. Der Weg in die große Koalition des Bestehenden scheinbar allgegenwärtig. "Die normative Erwartung geht weit" beobachtet der Jurist Schlink. Der Autor Schlink durchkreuzt sie mit zwei Dutzend virtuoser Essays. Zumindest die sind ein Horizont in der Ebene.

Bernhard Schlink: Vergewisserungen.Über Politik, Recht, Schreiben und Glauben" target="_blank">Vergewisserungen. Über Politik, Recht, Schreiben und Glauben. Diogenes, Zürich 2005, 363 S. 22,90 EUR


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01:00 02.12.2005

Ausgabe 38/2020

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