Kleines i

Linksbündig Welche Rolle spielt das Geschlecht der Kanzlerin?

Fürs feministische Argument war sie der GAU schlechthin. Der Glaube an die segensreichen Auswirkungen des weiblichen Geschlechts auf reale Politik zerrieselte in nullkommanichts, und allein der Name Margaret Thatcher wurde zum geflügelten Wort dessen, was Feministinnen nicht gewollt hatten. Die eiserne Lady ist dieser Tage 80 geworden - congratulations - und man kann im Nachhinein nur dankbar sein, dass ihr Exempel dazu beitrug, den Reflexionsgrad feministischer Diskussion in Sachen sex und gender erheblich zu verfeinern.

Jetzt hat die Bundesrepublik mit größter Wahrscheinlichkeit auch ihre Lady, keine eiserne wird sie sein, eher eine bleierne. Und während die Feministinnen (mit Ausnahme natürlich von Alice Schwarzer) meist abwinken, hat die gesamte Republik die Geschlechterfrage entdeckt und schreibt Kanzler jetzt mit kleinem i. Welch seltsame Ungleichzeitigkeit - eigentlich müssten nach den gesammelten Gender- und Queer-Forschungen der letzten Jahre eher Zweifel aufkommen, ob die Frage des Geschlechts noch die richtig gestellte in Bezug auf Frau Merkel ist. Spielt das wirklich noch eine Rolle? Und was heißt wirklich?

Was die Inhalte angeht, ist die Sache klar und seit langem durchgestanden: Wo Frau draufsteht, ist nicht unbedingt Frau drin; dass von Merkel keine frauenpolitische Maßnahmen zu erhoffen sind, versteht sich von selbst und wird überall auch kommentiert. Geschenkt. Und enttäuscht werden wir, 25 Jahre nach der Thatcher-Falle, darüber auch nicht mehr sein.

Es bleibt die Symbolik. Merkel wird als Frau wahrgenommen, klar und klassisch. Sie wird als weiblicher Regierungschef die Bild-, Repräsentations- und Wahrnehmungsmuster prägen. Doch was kommt ´rüber? Man kann, wie Heide Oestreich es tut, zeigen, dass die Kanzlerin in spe das perfekte Rollenvorbild des Postfeminismus abgibt: die Ein-Frau-Kämpferin. Alleine sind wir stark, einzelne Frauen können es schaffen. Das hat mit den alten feministischen Ideen so wenig zu tun wie der Falklandkrieg mit Frauenpolitik und ergibt ein eher deprimierendes Bild.

Die Kanzlerin wird aber - ob sie will oder nicht - ein Spektakel auch auf einer zweiten symbolischen Ebene liefern, nämlich der der Geschlechter-Inszenierung und ihrer Kommentierung in den Medien. Schließlich ist man männlich oder weiblich nie für sich allein und kann der Markierung nicht entgehen. Viel ist schon über "Angelas boy group" geredet worden und über ihr Kohls-Mädchen-Image. Vatertöchter werden meistens weder Vamps noch Matronen. Merkel bedient bildpolitisch kein matriarchales Schema, erst recht kein hetärisches. Sie wirkt eher wie die einzige Schwester inmitten des schützenden Brüderrudels. Das ist machttechnisch keine ganz unheikle Situation, Schwestern fallen zwar unters Inzesttabu, werden aber gerne mal verkauft.

Es wird also einige Schauspiele zu sehen geben, und egal, wie sie ausgehen, das Bild der kleinen Frau im Hosenanzug, gefolgt von Männern, wird in den nächsten Jahren die Vorstellung fürs geschlechtsspezifisch Machbare verändern. Rein symbolisch. Und als Feministin ist man heute vernünftigerweise schizophren genug, das gut zu finden, auch wenn man die Person Merkel samt ihrer Politik für den nächsten GAU hält.

Doch ein anderes Unbehagen bleibt. Wenn der feministische Fehler in den achtziger Jahren darin lag, Form und Inhalt zu verwechseln, worin liegt er heute? Zu abgeklärt zu sein und auf Inhalte zu verzichten? Merkel für eine Frau zu halten? Sehr schnell wird sich Normalität einstellen, wird die Frau an der Spitze nur noch implizit als Frau wahrgenommen werden. Besteht die Aufgabe einer feministischen Kritik nun darin, das Implizite explizit zu halten, analytisch auf die Machtspiele als Geschlechterinszenierungen - die sie auch unter den männlichen Kanzlern immer waren - hinzuweisen?

Oder besteht die Aufgabe feministischer Kritik im Gegenteil darin, den Mund zu halten? Jede Thematisierung von Geschlecht, das wissen wir, reproduziert, was sie beschreibt. Diesem alten Dilemma des Feminismus und seiner Opfer-Diskurse entkommt man nicht. Es stellt sich also die Frage, ob man die Frage nach Merkels Geschlecht anders oder sogar nicht stellen sollte. Margaret Thatcher war überdies nur ein Problem für die West-Feministinnen. Die Frauen im Osten hatten anderes zu diskutieren als die symbolische Funktion von Frauen an der Macht. Vielleicht ließe sich da noch etwas lernen.


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00:00 14.10.2005

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