Kleingeblümt in Beige

Im Kino "Swimming Pool" von François Ozon zeigt mit soziologischer Präzision die Opposition zweier Frauenalter, ihrer Körper und Temperamente

Sarah Morton ist nicht mehr jung. Ihr Leben hat sie sich ohne Überraschungen eingerichtet. Die Kriminalautorin, die ihre Londoner Wohnung mit einem pflegebedürftigen Vater teilt, hat gerade einen Roman beendet. Nun macht sich Unzufriedenheit breit. Sie fühlt sich ausgebrannt und zweifelt an ihrer Originalität; Gefühle, die von äußeren Anlässen noch bestärkt werden. Ein junger Kollege wird im Verlag so übertrieben umworben, dass Sarah das negativ auf sich selbst bezieht. Ihr Verleger bietet ihr statt des persönlichen Zuspruchs, den sie erwartet, nur die Nutzung seines französischen Landhauses an. Sarah nimmt das Angebot schon deshalb an, weil sie auf einige gemeinsame Ferientage hofft. John lässt aber durchblicken, dass sie damit nicht allzu fest rechnen sollte.

Diese Frau wird also nicht überschüttet von menschlicher Zuwendung. Einerseits braucht sie die etwas trostlose Gleichförmigkeit; sie dient ihr als Voraussetzung für ihre schriftstellerische Arbeit. Andererseits klammert sie sich im hochsommerlichen Frankreich etwas zu beflissen an diesen Trott. Vielleicht auch, um sich die bittere Erkenntnis zu ersparen, dass das Alleinsein hier nur einen Spalt von richtiger Einsamkeit entfernt ist. Als erstes kramt sie das Gewirr der Computerkabel aus der Tasche, um mit dem Notebook auch in der fremden Umgebung ein Stück Gewohnheit aufzuklappen. Nicht einmal das ansprechende Sortiment des Supermarkts kann sie aus ihren Gewohnheiten ziehen. Sie stellt sich mit Joghurt, Süßstoff, Melone und Cola Light die gleiche armselige Diät zusammen, mit der sie sich wahrscheinlich auch zu Hause täglich bestraft.

Sarah Morton ist eine spinster wie sie im Buche steht, eine allein stehende Frau, was aber mit "alte Jungfer" sehr unzutreffend übersetzt ist. Die Spinster ist eher das Urbild weiblicher Selbstermächtigung, zu deren Selbstgenügsamkeit das Schreiben von Krimis ganz gut passt. Sarah ist gern allein, aber vielleicht nicht so sehr, wie sie es in Frankreich nun ist. In einem Restaurant, das sie täglich besucht, kommt sie mit Marcel ins Gespräch. Es entwickelt sich eine Zuneigung, die auch sexuelle Möglichkeiten enthält. Sich auf schnelle Affären mit Aushilfskellnern einzulassen, ist für Sarah aber keine realistische Option. Dazu ist ihr das Altersgefälle zu bewusst, die Scham vor dem eigenen Körper, vielleicht hat sie auch Angst vor einer Enttäuschung. Und sie scheint sich nicht wirklich sicher, ob eine kleine sexuelle Belohnung den Verlust von Kontrolle und Würde ausgleichen würden.

Es ist eine der Stärken von François Ozon, Situationen wie diese präzise zu fassen, ohne dabei je zu deutlich zu werden. Der Spielraum, den er älteren Menschen dabei einräumt, ist beachtlich. Ozon ist ein unbestechlicher Beobachter menschlichen Verhaltens, nicht zuletzt der Kulte, die in der Einsamkeit blühen. Die körperlichen Aspekte der verschiedenen Altersstufen werden von seiner Kamera beinahe peinlich genau erfasst. So kommt es, dass man in Sarah Mortons herber und leicht herablassender Art auch noch den Hipster erkennen kann, der sie im London der späten sechziger Jahre womöglich einmal war. Ebenso nachvollziehbar ist der Pragmatismus, der es ihr irgendwann unmöglich machte, ein attraktives Aussehen ewig konservieren zu wollen. Seitdem ist sie auf diese unambitioniert "alterslose", in Wirklichkeit aber ältliche Garderobe umgestiegen, der Charlotte Rampling soviel Wahrscheinlichkeit mitgibt. Wenn sie im Kleingeblümten in den etwas zu flauen Beigetönen auftritt, dann kann man sich andererseits aber auch gut vorstellen, dass sich alle am Set vor Lachen gebogen haben.

Eines Nachts wird Sarah unsanft geweckt. Der Einbrecher ist eine forsche, junge Frau, die sich als Tochter des Verlegers vorstellt. Das filigrane Arrangement, das sich Sarah gerade erst ausgelegt hatte, wird damit schlagartig hinfällig. Ihre erste Reaktion ist eine aggressive Geste der Abgrenzung. Die ist auch nötig, denn Julie ist eine sehr offene und, wie sich zeigen wird, sexuell aktive Frau, für die Distanz ein Fremdwort ist. (Ludivine Sagnier hat vom tomboy in 8 Frauen zur bimbo blonde in diesem Film eine ganz erstaunliche Verwandlung durchlaufen.) Ohrenstöpsel allein bringen da gar nichts, um die immer neuen Störungen abzuwehren.

Langsam verwandelt sich Sarahs anfängliche Ablehnung in eine Neugier auf diese so völlig andere Existenz. Sarah spioniert Julie hinterher. Sie ist fasziniert von ihrem Umgang mit Männern, erstaunt über ihr zwangloses Verhältnis zum Körper. Julie ist auch in kulinarischer Hinsicht anspruchsvoll. Auf einmal gibt es gutes Brot und Früchte, und der Kühlschrank quillt über von Würsten, Pasteten und Wein. Noch lehnt Sarah eine Einladung zum Abendessen ab, aber schon bald schleicht sie in die Küche, um über die Delikatessen herzufallen. Dem gesunkenen Pegel in der Weinflasche hilft sie mit Wasser nach.

Schließlich kommen sich die beiden Frauen näher. Sarah scheint sich zu öffnen und das wirkt sich geradezu körperlich aus. Charlotte Rampling ist hier auch deshalb eine so gute Besetzung, weil sie die Verkrampfte genauso überzeugend spielt wie die sich verjüngende Frau. Morton ist aber doch zu sehr Schriftstellerin, um neues Wirklichkeitsmaterial nicht immer auch unter Verwertungsgesichtspunkten zu betrachten. Dabei macht sie nicht einmal vor Julies Tagebuch Halt, aus dem sie schließlich ganze Passagen direkt in ihren neuen Roman kopiert. Als Julie dieser Übertritt auffällt, lässt sich das zunächst nicht anmerken, trotzdem ändert sich nun der Ton von Ozons Film.

Eines Abends bringt Julie Marcel, den Kellner, mit nach Hause. Für Sarah ist das eine Enttäuschung. Die zarten Verheißungen ihrer Restaurantgespräche wirken auf einmal billig und werden durch eine unangenehme Konkurrenzsituation entwertet. Nun kann aber endlich auch der Swimming Pool seine bedrohlichen Qualitäten entfalten, die ja durch die Hinweise auf Jacques Derays La Piscine längst in der Luft liegen. Eine kriminelle Spannung nimmt nun Gestalt an und drückt zunehmend aufs Tempo. Auf einmal wirken die Handlungen hingedreht und fahrig, es wird geheimnisvoll und erfindungsreich. Ein erzählerischer Voluntarismus scheint die Kontrolle zu übernehmen. Nutzt Julie ihr Tagebuch zur Manipulation von Sarahs Empfindungen oder des Romanverlaufs? Ist sie nur eine von Sarah erfundene Figur? Einbildung und Wirklichkeit fallen zusammen oder sind nicht mehr zu trennen. Mit diesem Umschlag verläuft sich aber auch die Glaubwürdigkeit und die soziologische Präzision von Ozons Film. Man fühlt sich zudem an Unter dem Sand erinnert, der einen durch ähnliche Wendungen ins Irreale nicht weniger ratlos zurückließ.

Seit François Ozon mit Tropfen auf heiße Steine einen Fassbinder-Stoff verfilmt hat, wird immer wieder diese künstlerische Verbindung beschworen. Vielleicht liegt es an seinem Faible für Frauenrollen, andere Überschneidungen kann ich im Grunde nicht entdecken. Eigentlich könnten die Ausgangspunkte verschiedener nicht sein. Im Zentrum aller Fassbinder-Filme steht die Annahme, dass der Mensch des Menschen Alptraum sei. Bei Ozon ist es gerade umgekehrt: Man hat es nur mit den eigenen Monstern zu tun. Sie werden in jenem Schlaf der Vernunft geboren, den die Einsamkeit des Singledaseins bescheren kann.

00:00 15.08.2003

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