Kleinstädte

A–Z Für Ai Weiwei ist Berlin die „langweiligste, hässlichste Stadt, die es gibt“. Wir wissen: Stimmt! Unser Wochenlexikon widmet sich daher Orten, an denen es schöner ist

A

Alb, Schwäbische Am Fuße der Schwäbischen Alb liegt das hübsche Städtchen Bad Urach, Luftkurort und Heilbad, umgeben von verlockender Natur. Ausgebaute Wanderwege warten mit Fernsicht auf, gleich zwei Wasserfälle plätschern beruhigend vor sich hin. Ebenso idyllisch ist die kulturhistorisch wertvolle Innenstadt anzuschauen. Fachwerkhäusle en masse, in spätmittelalterlicher Pracht strahlt das Uracher Residenzschloss. Ein Glück, dass die Herrscher es nicht barock umgebaut haben, wie es bei so vielen anderen Schlössern geschah.

Hier sticht das Mittelalter ins Auge. Drinnen ist die Holzkopie einer Wildsau zu bestaunen; ein Riesenvieh, das der Herzog von Württemberg selbst erlegt haben soll. Herrliche Stille herrscht im Örtchen fast immer – nur jeder zweite Sommer ist zu meiden. Trubel bringt der Schäferlauf, ein Volksfest mit Umzug und Gaudi. 2021 mahnen wieder Fassanstich, Böllerschießen und Marktplatzhock Ruhesuchende zur Abreise. Tobias Prüwer

B

Bitterfeld war lange Zeit Haltestation auf der Strecke Berlin – Leipzig. Heute hält der ICE dort kaum noch. Bei einer Durchfahrt erinnerte ich mich an die Bitterfelder Konferenz von 1959, organisiert von Kulturpolitikern und Kulturschaffenden, die für den Versuch stand, aus der Tristesse und den Widersprüchen des sozialistischen Alltags doch einen künstlerischen Funken zu schlagen, natürlich einen sozialistisch-realistischen. Für manche AutorInnen, die die verkündeten Möglichkeiten, bittere Wahrheiten auszusprechen, ernst nahmen, wurde es selbst bitter. Die Probe aufs Exempel des „Bitterfelder Wegs“ ging nicht gut aus. Jetzt heißt die Stadt Bitterfeld-Wolfen und es herrscht ein wenig Hoffnung im „Chemiepark“ und der Solarindustrie. Vor vielen Jahren habe ich dort mal übernachtet, bei einer Kollegin und ihren Eltern. Eine freundliche Erinnerung. Magda Geisler

E

Ettlingen Der Lauerturm ist jung, gemessen am Städtchen. Römische Wegekreuzung im 8. Jahrhundert, Stadtrecht im Mittelalter und dann in den dynastischen Untergang Baden-Durlachs geraten, trotzen Ettlingen und sein Wahrzeichen noch heute Karlsruhe, das sich mit seinem nie enden wollenden U-Bahn-Bau als badische Metropole aufspielt. Katholiken gegen badisch-unierte Protestanten, kleinstädtischer Bauern- und Handwerkerstolz gegen die hochnäsige Beamtenstadt, das waren die historischen Gräben.

Das Barockstädtchen mit dem schönen Barockschloss und dem berühmten Edelgasthof behauptet sich, obwohl die Papierindustrie, von der die meisten Familien abhängig waren, längst verschwunden ist. Geduckt unter Ausläufern des Nordschwarzwalds beherbergt es das aus der Großstadt fliehende Bildungsbürgertum, das sich entlang der Alb in den liebevoll und teuer hergerichteten Wohnbutzen eingenistet hat. Meine Mutter ist noch heute stolz auf das ihr zustehende „ewige Stadtrecht“. Auf die Probe gestellt wurde dieses mittelalterlich anmutende Privileg, als Stadtluft noch frei machte, aber nie. Ulrike Baureithel

F

Freiburg Am südwestlichsten Zipfel des Landes, umgeben vom Schwarzwald, am Fuße des Kaiserstuhls, gesegnet durch eine edle Weinlage, liegt Freiburg im Breisgau. Mit rund 230.000 Einheimischen vielleicht nicht ganz kleinstädtisch, im Gestus und Selbstverständnis dafür umso mehr. Durch die intakte Altstadt fließen neben Gehsteigen kleine Bäche durch Minikanäle, im Sommer kühlend und Kinder zum Spielen animierend. Später zieht es diese Teenager sicher früher als später in die weite Welt. Paris ist in vier Stunden zu erreichen, das engere Zürich in zwei. Hat man die 50 erreicht, kommt man womöglich gern zurück, zu den Rinnsalen, die weiter durch die Gassen plätschern. Marc Ottiker

G

Genthin Hier haben sie mal Waschpulver hergestellt. Aber deswegen waren wir nicht da. Sein Vater brauchte Hilfe beim Carportbauen, und ich musste mit. Ich wusste bis dahin gar nicht, was das ist: ein Carport. Man braucht Holzbalken dazu, Steinplatten und lange Bohrer. Es war kühl und windig.

Die Sonne schien nur auf eine Stelle des Gärtchens hinter der Reihenhaushälfte. Genau dahin bauten sie den Carport. Ich trank frierend Filterkaffee mit seiner Mutter und sah zu. Väter und Onkels mit Bärten, Bäuchen, Pferdeschwänzen schleppten und ackerten und hatten schlechte Laune. Als sie mal nicht genau seinen Anweisungen folgten, brach der Bohrer ab. Wir fuhren zum Baumarkt. Im Auto war’s schön warm, im Baumarkt auch. Als wir zurückkamen, gab’s Bier und Kartoffelsalat. Danach räumte ich die Spülmaschine ein. Ruth Herzberg

Greifswald Noch heute lässt sich an Originalschauplätzen nachspüren, wie Caspar David Friedrich – neben Hans Fallada und Wolfgang Koeppen bekanntester Greifswalder – sie sah und malte. Werke des großen Romantikers, seiner Wegbereiter und Freunde beherbergt das Pommersche Landesmuseum.

Greifswald ist eine der bedeutendsten Städte entlang der Europäischen Route der Backsteingotik. Ein Kulturerbe, das Stadtbilder entlang der Ostsee (Zinnowitz) und des Binnenlandes von Dänemark über Deutschland bis Polen prägte. Touristisch attraktiv liegt an der Mündung der Ryck im Greifswalder Bodden das Fischerdorf Wieck mit dem schönsten Segelrevier zwischen Rügen und Usedom. Wirtschaftlich bedeutsam sind für die vom Werftsterben gebeutelte Stadt: die 1456 gegründete Universität, das Biotechnikum und das Technologiezentrum Vorpommern. Helena Neumann

M

Mühlheim Vorstandssitzung, vierzigster Stock. Ich blicke gen Osten, auf Mühlheim am Main. 30.000 Einwohner. „Ja“, sagt der Vorstand, „da war ich mit meiner Frau an den Niagarafällen, und nach zwei Minuten war uns klar: Hier fällt nur Wasser von Steinen runter.“ Er schließt noch an, dass es ihm bei allen „Attraktionen“ so ginge. Das Problem der manischen Reiseperiode: Die Leute würden eher sich selbst als ihre Reisereports auf Instagram verwerfen. Es war alles toll, ein Erlebnis!

Mühlheim, neben Frankfurt am Main, ist keine Touristenattraktion. Genau das macht es hier spannend: Hier ist nichts hip, nichts Nasenring und Mandelmilch. Hier kann man sich dem unaufgeregten Sein verschreiben, weil man sich kaum verhalten muss. Keiner erwartet irgendwas. Das zu erkennen, ist zunächst schwer. Wenn man sich aber beim Kettenbäcker eine Stammkundschaft ersessen hat, weiß man: Es braucht keinen Prenzelberg. Es braucht Mühlheim! Jan C. Behmann

O

Offenbach Im Schatten einer Metropole – ja, was liegt da eigentlich? In Frankfurt muss man nicht weit über den städtischen Tellerrand schauen (Mühlheim), um die mitunter ungeliebte kleine Schwester zu erblicken. Direkt am südöstlichen Stadtrand der Bankenmetropole beginnt Offenbach. Lange galt die Stadt als arm, schmutzig (Lederindustrie) und gefährlich. Wer etwas auf sich hielt, wohnte in Frankfurt. Allmählich ändert sich das. Längst lockt Offenbach nicht nur junge Kreative an – mit günstigeren Mieten, lebendigem Nachtleben und einem internationalem Flair, das Frankfurt in nichts nachsteht. Aber Vorsicht: Das spricht sich rum. Vielleicht muss man bald fragen: Was liegt eigentlich im Schatten Offenbachs? Timo Reuter

P

Pirmasens Dass Hugo Ball meinte, wer in Pirmasens lebe, müsse allzeit durch den Wald rennen, um nicht verrückt zu werden, ist als Charakterisierung der Stadt am Rande des Pfälzerwaldes etwas abgegriffen. Und wer Ball liest, wird manchmal auch denken, dass der spätere katholische Konvertit so oft durch den Wald gar nicht gerannt sein kann.

Allerdings ist dieser Wald, mit seinen Burgruinen, die emsige Hände aus Rotsandstein gemauert haben, schon etwas Besonderes. So wie die Freundlichkeit des rauen Völkchens, das sich hier am Waldesrand niedergelassen hat und auf bessere Zeiten wartet. Wäre ja zum Verücktwerden, wenn die nicht eines schönen Tages kommen. Mladen Gladić

S

Schleswig Ein Ostseefjord namens Schlei vor der Tür, die Weltkulturerbe-Wikingersiedlung Haithabu nebenan, ein Schloss mit zahlreichen Museen und einer Replik des begehbaren Gottorfer Globusses von 1664: Das klingt nach einer Stadt, um die man sich eigentlich reißen müsste. Aber Schleswig, seit 1946 nicht mehr Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein, leidet seit Jahrzehnten unter Bedeutungsverlust. Die Bevölkerung schrumpft. Junge Leute ziehen weg, weil es zum Beispiel keine Hochschulen gibt wie im nahen Flensburg oder Kiel, die auch noch besseres Segelrevier sind als die schmale Schlei. Das Theater hat dichtgemacht, viele Geschäfte sowieso, und Nachtleben gibt es auch kaum. Einziger Trost bleiben die Touristen. Sophie Elmenthaler

W

Wertheim Wo Main und Tauber zusammenfließen, ist für Bewohner des Rhein-Main-Gebiets ein Wochenendausflugsklassiker. Eine Autostunde von Frankfurt entfernt (Mühlheim, Offenbach) bietet das Städtchen reichlich Baukunst, eine Burganlage, die Stiftskirche, einen pittoresken Marktplatz, das sehenswerte Grafschafts- und das Glasmuseum sowie das Hofgartenschlösschen.

Viel Mittelalterliches ist erhalten. Man sieht es an den schiefen und krummen Ziegeldächern der Altstadthäuser, an den Türmen, der Stadtmauer, den Torbögen und engen Gassen. Um 1180 begannen die Grafen ihre Burg zu errichten – heute eine der schönsten Burgruinen in Deutschland. Das Kittsteintor an der Tauber mit dem Roten Turm bietet den schönsten Blick hinauf. Wer ein, zwei Tage mehr Zeit hat, der fährt noch ins Taubertal, wo unter anderem Kloster Bronnbach, Tauberbischofsheim, Bad Mergentheim, Weikersheim, Creglingen und schließlich Rothenburg ob der Tauber auf Besucher warten. Idylle ohne Ende. Marc Peschke

Z

Zinnowitz Ich wage die These: Zinnowitz ist Deutschlands schönster Ort mit Z. Schöner noch als Zwickau, Zschopau, Zeitz, Zossen und Zwenkau, die seltsamerweise ebenfalls allesamt im Osten liegen. In Zinnowitz erspart man sich die Felljackentoursiten Rügens und die Kreuzfahrtanleger Warnemündes. Es gibt hier wenig, vor allem wenig Menschen. Zinnowitz hat 466 Einwohner. In Zinnowitz kann man in so mancher Saison am Strand etwas sein, was man an der Ostsee kaum irgendwo sein kann: allein.

Kürzlich lernte ich einen Nordfriesen kennen, der meinte, ihn störe in Restdeutschland, dass die Menschen mehr redeten als nötig. Anders als in seiner Heimat. Ich verstand sofort und hielt meinen Mund. Die Großstadt verunmöglicht es, die Stille schätzen zu lernen. In den Kleinstädten kann man es lernen. Je leerer, desto besser. Konstantin Nowotny

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06:00 14.03.2020
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Ausgabe 44/2020

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