Kleist fürs Dschungelcamp

Jubiläum Gewusst? Der Schauspieler Mathieu ­Carrière ist auch Kleist-Forscher. Mit einer legendären Studie infizierte er seine Landsleute mit dem de­leuzianischen Virus

Wenn heute an philologischen Fakultäten „Entzündungsforschung“ betrieben wird, Philosophen und Mediziner ästhetische Erfahrung als „Ansteckung“ untersuchen und Germanisten die literarische Qualität von Kleist und Kafka anhand von Hirnstromprotokollen beurteilen, haben wir es mit Spätfolgen der Postmoderne zu tun. Seit deren Meisterdenker ­Deleuze, ­Lyotard und Baudrillard die Terminologie der Naturwissenschaften als metaphorischen Gemischtwarenladen erschlossen haben, fühlt sich jeder Adept von der Unterscheidung zwischen Bild und Begriff dispensiert. So handelt es sich auch nicht um eine Redewendung, sondern um ein deleuzianisches Nachbeben in der eigenen Sprachlandschaft, wenn der Schauspieler Mathieu Carrière, der seine Karriere als Deleuze-Schüler und Kleist-Forscher begonnen hat, aus Anlass seiner Mitarbeit bei einer Inszenierung des Robert Guiskard und in Vorausschau auf das Kleist-Jahr 2011 bekennt: „Ich bin seit 40 Jahren von Kleist infiziert“.

Auch Kleist ist offenbar ansteckend: Man macht an ihm keine ästhetische Erfahrung, sondern himmelt ihn an („Damals habe ich mich in Kleist verliebt“), man halluziniert sich selbst als seinen Seelenverwandten („Ich bin ein Nomade“) und projiziert auf ihn ebenso munter wie geschichtsvergessen die eigene Erlebniswelt: „Zum Beispiel hat sein Werk etwas Kinematografisches. Eine Ohnmacht, ein Cut, und man ist ganz woanders. Und er hat die diskontinuierliche Zeit erfunden. Es gibt in seinen Stücken keinen Entwicklungsprozess. Außerdem war Kleist ein früher Theoretiker des Terrorismus. Sein Kohlhaas ist der erste Terrorist in der Literatur.“

In diesem von Carrière bei Gelegenheit der Ruhrfestspiele improvisierten Statement sind alle Stichworte enthalten, an denen PoMos sich erkennen: Sie sind allesamt „Nomaden“ und interessieren sich ausschließlich für „nomadische Literatur“. Sie entdecken in jeder ästhetischen Diskontinuität von Shakespeare bis Heiner Müller „etwas Kinematografisches“, halten die eigene Unfähigkeit, in literarischen Texten „Entwicklungsprozesse“ auszumachen, für eine Qualität des Objekts und schwärmen für Extremismus. Denn selbstverständlich ist der Satz „Sein Kohlhaas ist der erste Terrorist in der Literatur“ als Ausdruck von Bewunderung zu verstehen.


Auch Carrière betrachtet sich zweifellos als Seelenverwandten von Kohlhaas, der in Kleists Novelle als „einer der rechtschaffensten und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“ beschrieben wird. Dass in diesem Urteil die für Kohlhaas charakteristische Einheit von Rechtschaffenheit und Willkür auf den Punkt gebracht wird, kommt postmodernen Interpreten freilich nicht in den Sinn. Stattdessen gerät ihnen Kleist zu einem Propheten jener „offenen“ und subjektlosen Textmaschinerie, die sie mit ihrem wabernden Jargon zu imitieren suchen. Dass man nicht in der Lage ist, an Kleists Texten eine geistige Erfahrung zu machen, und sie lediglich als Schmieröl für die eigene Rhetorik missbraucht, wird dem Autor als Leistung angerechnet: „Kleist ist wie eine Werkzeugkiste, aus der man sich bedienen kann. Nur eine Gebrauchsanleitung hat er uns nicht mitgegeben.“

Hier spricht in Carrière Deleuze mit, dessen Diktion er bereits in den Jahren seiner Existenz als intellektuelles Enfant Terrible mit seiner eigenen verwechselt hat. Sein 1981 erschienenes Buch Für eine Literatur des Krieges, Kleist, das als Gründungsdokument der postmodernen Kleist-Rezeption in Deutschland fungiert hat, suggeriert zwar im Titel, Kleist selber habe das Elaborat gleichsam unterzeichnet, ist in Wahrheit jedoch durchtränkt vom Deleuze-Jargon, den Carrière in Paris während seiner Mitarbeit an Deleuzes Projekt über „Nomadische Literatur und Kriegsmaschinerie“ absorbiert hatte. Es ist deleuzianisch in seiner trüben Mischung aus diskursiver und poetischer Sprache, in seiner vitalistischen Feier der Einheit von Krieg und Leben sowie in der Überzeugung, der Verzicht auf sprachliche Stringenz sei ein intellektueller Fortschritt: Auch Deleuze liebte es, seine Texte als „Werkzeugkasten“ zu bezeichnen, aus dem sich jeder gemäß eigener Willkür bedienen kann.

Helga Gallas

Genuin postmodern ist Carrières Kleist-Buch aber vor allem in der Neigung, alles und jedes, worüber man schreibt, zum Idol zu erheben. Obwohl sie nämlich keinerlei Kanon akzeptiert, ist die Postmoderne idolsüchtiger, als das bürgerliche Zeitalter je gewesen ist. Jeder verbindlichen Hierarchie beraubt, flottieren ihre Idole frei im Raum und können in beliebigem Tempo ausgewechselt werden. Hauptsache, man begeistert sich: Zuerst für Deleuze („die wichtigste Begegnung meines Lebens“), dann für seine Sprache, dann für die Großen, für die er sich begeisterte, dann für andere Große, die sich für diese Großen begeisterten. Es hat also tatsächlich etwas von einem Infektionsprozess, in dessen Spätfolge sich unschuldige Autoren wie Kafka, Robert Walser oder Mallarmé vom epidemisch gewordenen Deleuze-Virus haben anstecken lassen.

In der Kleist-Forschung hat er mehrere Generationen überlebt. Erst schleppte ihn die Bremer Literaturwissenschaftlerin Helga Gallas, trotz ihrer Beschäftigung mit Marx offenbar nicht hinlänglich immunisiert, in den linken Reformuniversitäten ein, dann verbreiteten ihn Diskurstheoretiker, die Kleists Erdbeben von Chili als Sprachbeben entzifferten, in der Öffentlichkeit. Mittlerweile hat er an Virulenz eingebüßt und bringt nur manchmal einen Germanistikstudenten zum Niesen, während die Kleist-Forschung zu den Quellen zurückfindet.

Nur bei Carrière hat der Virus irreparable Verwüstungen hinterlassen. Nachdem er sich dank seines Schauspielerberufs in steigender Geschwindigkeit nicht nur mit Deleuze, Kleist und Kohlhaas, sondern auch mit Dorian Gray, Don Juan, Tonio Kröger, Michael Bulgakow und Hölderlin identifizieren durfte, hat er sich vor fünf Jahren im Rahmen einer Protestaktion für „Väterrechte“ vor dem Bundesjustizministerium als Jesus ans Kreuz schlagen lassen. Im vergangenen Jahr hat er in der RTL-Show Let’s dance mitgespielt („Das ist wie ein Tanzschritt, das hat was von Kleist“), und zum Start von 2011 hat er sich dieser Tage für die 5. Staffel von Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! ins Dschungelcamp sperren lassen. Sollte es dazu führen, dass er das Kleist-Jahr nicht durch Lesungen stört, ist zu hoffen, dass er lange durchhält.

Magnus Klaue hat Germanistik und Philosophie studiert, an der FU Berlin gelehrt und über Else Lasker-Schüler promoviert

11:00 22.01.2011

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