Klinsi muss nicht nach Athen

Sportplatz Kolumne

Die ganz wichtigen Informationen, die es braucht, um die Olympischen Spiele zu überstehen, wurden zum Glück und dankenswerter Weise medial bereitgestellt. Wir wissen, in welch modischen Kleidungsstücken die deutschen Athleten am 13. August ins Athener Olympiastadion einziehen werden und wir wurden unterrichtet, dass die fröhliche, hübsche und gut gekleidete Truppe junger Menschen, denen weniger fröhliche und noch weniger hübsche, dafür aber genau so gut gekleidete ältere Menschen in Funktionärsfunktion voranschreiten werden, sich "Team Olympia" nennen.

Das alles verstehen wir, denn so kennen wir es, und obwohl ich selbst nur ganz wenige Menschen kenne, die sich Eröffnungsfeiern von Olympischen Spielen im Fernsehen anschauen, gehören die doch mit über drei Milliarden TV-Zuschauern zu den absoluten Höhepunkten des Fernsehjahres, an die unter Quotengesichtspunkten nicht mal Die Alm heranreicht.

Was wir noch nicht wissen, aber doch ahnen, ist die Erfolgsquote dieses deutschen Team Olympia. Paar Medaillen werden schon rausspringen, schließlich gibt´s ja wieder die Dressurreitwettbewerbe und traditionell gibt´s ja die erste deutsche Medaille bei den Schießwettbewerben, wenn sie uns nicht wieder von einem Nordkoreaner vor der Nase weggeschossen wird. Aber ansonsten, da sind sich die Beobachter einig, wird´s nicht viel geben. Das kann, seriös formuliert, daran liegen, dass die Zeiten, da die Olympischen Spiele Wettbewerbe zwischen mehr oder minder staatlich organisierten Sportsystemen waren, vorbei sind und die BRD, die wir zu diesen Ereignissen auch als FRG oder RFA lieben lernen sollten, ihren vierten Platz hinter USA, UdSSR und DDR nicht mehr sicher hat, obwohl es ja die UdSSR mittlerweile gar nicht mehr gibt und die DDR mittlerweile uns, also der BRD-FRG-RFA, gehört.

Anders gesprochen könnte man aber auch die zu erwartende geringere Medaillenausbeute für das deutsche Team Olympia so erklären, wie man die jüngst bei der Europameisterschaft in Portugal offenbar gewordene Krise der deutschen Profikicker zu beheben versucht: einen sympathischen Teamchef braucht das Team Olympia zum Aufrütteln der "Versager", so der Sprachgebrauch der Bild-Zeitung gegenüber den Fußballern und warum eigentlich nicht auch bald gegenüber den Schwimmern und Leichtathleten?

Dass bei den Fußballern nun mit Jürgen Klinsmann ein Trainer, der blonde Haare hat, modische Anzüge trägt und einnehmend lächelt, gefunden wurde, gehorcht früheren Modi des Krisenmanagements in Deutschlands populärster Sportart. Wenn die Rumpelkicker nicht mehr treffen, wie 1984 oder 2000 bei der jeweiligen Europameisterschaft, da muss einer ran, von dem man zwar nicht weiß, ob er als Trainer taugt, von dem man aber mit Sicherheit sagen kann, dass ihn das Fußballvolk mag: 1984 wurde der trainerscheinlose Franz Beckenbauer Teamchef, 2000 der trainerscheinlose Rudi Völler, und im Jahr 2004 macht der zwar mit Lizenz versehene, aber ansonsten ohne jede Berufspraxis auskommende Jürgen Klinsmann den Job, der vor allem darin besteht, die besten deutschen Kicker so lange aus den Schlagzeilen zu halten, bis sie sich wieder wenigstens ein bisschen berappelt haben.

Dass dieses einfache, aber im Fußball nun bereits zum dritten Mal angewandte Konzept nicht bei Olympischen Spielen angewendet wird, liegt vor allem daran, dass es sich um doch zu viele Sportarten handelt. Wen sollte Jürgen Klinsmann zum Erfolg lächeln? Die Bodenturner oder die Ruderer? Die Turmspringer oder die Bogenschützen? Dass Klinsmann von solchen Sportarten nichts versteht, ist aber nur vordergründig das Argument, denn ob der nette Kerl ein guter Fußballtrainer ist, hat er ja auch noch nicht bewiesen. Eher schon fragt sich, welches Fanvolk beruhigt werden sollte? Wie heißen denn überhaupt die Sportler, die aus den Schlagzeilen gehalten werden sollen, in denen sie als "Versager" gelten? Die kennt nämlich niemand, und da braucht´s also auch keine Sympathie heischende Lichtgestalt, die sich schützend vor sie stellt.

Während die Fußballer, wenn sie als DFB-Auswahlmannschaft über den Rasen rennen, die Nation repräsentieren und ihre Erfolge von der Nation bejubelt und ihre Misserfolge von der Nation als Schande begriffen werden, so funktionieren die meisten übrigen Sportarten - auch dann, wenn sie von Mannschaften betrieben werden - nicht derart nationalistisch. Da hilft zwar die unappetitliche Olympiaregie, die Hymnen klingen, Flaggen wehen, Eide schwören und Feuer lodern lässt, nach, und auch der Medaillenspiegel, der einst 1936 eingeführt wurde, berechnet penibel Wert und Stärke von Nationen, aber so ganz funktioniert das letztlich doch nicht.

Als Vertreter ihrer jeweiligen Nation zeigen sich die Olympiateilnehmer vor allem bei der Eröffnungsfeier. Dort tauchen zwar die Ehre der Nation herbeilächelnde Retter wie Jürgen Klinsmann nicht auf, aber immerhin gucken über drei Milliarden Menschen zu.


00:00 06.08.2004

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