Klischees schauen sich an

Tibet Falsche Tibeter und wahre Mönche - über den Umgang mit den Bildern im Tibet-Konflikt

Über die aktuelle Situation in Tibet weiß man so gut wie nichts. Und will gerade deswegen möglichst alles darüber erfahren, die Zeitungsartikel wie Fragen häufen sich mit jedem Tag. Fliegen Steine, sausen Knüppel, fliegen Kugeln? Aus wessen Händen, wessen Gewehren? Wer hat diesmal damit angefangen? Und wer ist hier überhaupt - wie man so schön sagt: im Recht?

Obwohl beinahe alle Journalisten Tibet bereits verlassen hatten, wussten ein paar Medienunternehmen dennoch recht schnell, wer da wem Unrecht tut: Arme Tibeter, böse Chinesen, hieß es sinngemäß bei RTL, n-tv, der Berliner Morgenpost und anderen Faktenhändlern neben wie unter Bildern von Demonstranten, Polizisten und Rettungssanitätern. Allerdings klaffte die so genannte Bild-Text-Schere oft weit auseinander: Ein Gutteil der Bilder stammte gar nicht aus Tibet. Tatsächlich prügelten da nicht chinesische Sicherheitskräfte, sondern nepalesische; da wurde kein "Aufständischer" abgeführt, sondern ein Chinese in Sicherheit gebracht; da sah man im gewählten Ausschnitt nur einen chinesischen Lastwagen - und nicht die Gruppe Tibeter, die Steine auf ihn schleuderte. Als Dummheit oder Ignoranz möchte man ein derart grobes Zurechtschnipseln lieber nicht bezeichnen, da wären durchaus ärgere Vokabeln angebracht.

Und während Bilder hierzulande offenbar nur mehr illustrativ verstanden werden - sozusagen als "Symbolfotos", deren Kennzeichnung als solche der Pressekodex eigentlich fordert -, glaubt China gut kommunistisch an die Macht der Bilder; angeblich müssen sich chinesische Schüler und Studenten mehrmals am Tag Aufnahmen von Tibetern ansehen, die in Lhasa gegen Chinesen vorgehen. Einen wachen Blick für das propagandistische Moment solcher Optiken gibt es allerdings hier wie dort: Im Westen mussten Zeitungen und Fernsehsender bald kleinlaut zugeben, dass ihr Tunnelblick schneller Bildunterschriften erfindet als er die korrekten Angaben liest und versteht. Aus China wiederum berichten Journalisten, dass gerade der andauernde Versuch der visuellen Indoktrination die Zweifel daran mehre, dass der Staat im Recht sei. Dass das Bild oft genug ein politisch wirksameres Medium als das Wort ist, scheint mittlerweile eben kein Geheimnis mehr, weder hier noch dort.

Deswegen hatte China die ausländischen Journalisten zunächst aus Lhasa verwiesen: Im Zweifel mag man die Bildhoheit im eigenen Land lieber nicht mit anderen teilen (so mäßig erfolgreich das auch sein mag im Zeitalter der Handykameras, siehe etwa die Aufnahmen aus Tibet auf Youtube). Diesen Informationsboykott beantworteten die westlichen Medien mit der Rede vom Olympiaboykott: Wenn wir bei euch nicht überall hinschauen dürfen, dann wollen wir euer Sportfest erst recht nicht abbilden und lassen uns gar nicht blicken. Seht her, erklärte China daraufhin und organisierte eine Reise ausgewählter Journalisten durchs Land. Braucht man sich gar nicht anschauen, erwiderte der Westen, weil er das Angebot als "PR-Aktion" und "Inszenierung" begriff. Seht hin, hieß es dann plötzlich doch - als etwa 30 tibetanische Mönche die Veranstaltung mit ihrem Ruf nach Religionsfreiheit störten.

Wie die Boykott-Drohung deutschen Politikern und Funktionären von den Medien insinuiert wurde, war unappetitlich anzusehen - ganz gleich, ob man nun dafür oder dagegen ist. Da setzt man ein Thema, hält sich aber selbst hübsch heraus aus der Angelegenheit: Als ob auch nur eine deutsche Zeitung, nur ein deutscher Fernsehsender aus eigener Entscheidung und in eigener Verantwortung aus politischen Gründen von einer Berichterstattung über Olympia Abstand nehmen würde.

Das wäre etwas, mit dem man das IOC ins Mark treffen würde. Weil dann anstatt seines rechtlich geschützten Logos vielleicht tatsächlich die fünf Handschnellen im Gedächtnis blieben, zu denen die Organisation Reporter ohne Grenzen die fünf Ringe für ein Protestplakat gemacht hat. Das ist ganz und gar nicht illustrativ gemeint und alles andere als ein Symbolfoto.

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00:00 04.04.2008

Ausgabe 39/2020

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