Klischees vom Fließband

Lesefutter Jungen wird seit Jahren das Lesen ausgetrieben. Kritische Anmerkungen zur zeitgenössischen Jugendliteratur

Als Jugendlicher habe ich viel gelesen. Fernsehen und Internet gab es noch nicht, man hatte mehr Zeit. Natürlich wollte ich, wie jeder Jugendliche ob Junge oder Mädchen, Abenteuer erleben, und sei es im Kopf bei der Lektüre entsprechender Romane. Ich las Stevensons Schatzinsel, Defoes Robinson Crusoe, Gerstäckers Flusspiraten des Mississippi, Coopers Lederstrumpf-Geschichten, Jack Londons Wolfsblut oder Tom Sawyers und Huckleberry Finns Abenteuer von Mark Twain; zwischenzeitlich auch sämtliche erreichbaren Romane von Jules Verne, Cecil S. Forester und Karl May.

Derartige Lektüre scheint passé zu sein; jedenfalls erzielen Verlage mit solchen Büchern - soweit sie noch lieferbar sind - schon lange nicht mehr die traumhaft hohen Auflagen früherer Zeiten. Übrigens wurden diese Bücher nicht nur von Jungen, sondern auch von Mädchen gelesen, soweit sie nicht der damaligen Ideologie aufsaßen, wonach sich Mädchen auf ihre Bestimmung als Hausfrau und Mutter einzustellen hatten. Dann lasen sie Nesthäkchen oder Hanni und Nanni, aber auch das scheint passé zu sein. Was ist nun - außer den periodisch mit immensem Werbeaufwand eingeführten Bestsellern - an die Stelle solcher "klassischer" Lektüre getreten?

Wenn ich mich in den Programmen der Jugendbuch-Verlage umschaue, finde ich ein überaus großes Angebot von Büchern, die das "Zielpublikum Mädchen" haben, und sehr viel weniger, was für Jungen interessant sein könnte. Hier und da werden zwar so genannte Jungenbücher angeboten, in denen außer Fußball oder Horror vor allem der erste Sex eine wesentliche Rolle spielt. Zum Beispiel hat der Thienemann Verlag als Ergänzung seiner sehr erfolgreichen Reihe "Freche Mädchen - freche Bücher" die Jungen-Reihe "Für Mädchen verboten" aufgelegt (wobei offensichtlich auch mit der Neugier von Mädchen gerechnet wird). Bei Oetinger gibt es beispielsweise die Bert-Katastrophenbücher", bei Ueberreuter "Action Pur", im Ravensburger Buchverlag für Jüngere die "Knickerbocker-Bande", mehrere Verlage haben nach wie vor Abenteuer-Klassiker im Programm. Aber überwiegend geht man in den Verlagen davon aus, dass Jungen mit Büchern kaum mehr erreichbar sind.

Diese Ausrichtung, die den statistischen Erhebungen folgt, ist eindeutig und lässt sich nicht nur an Hand der Programme belegen. Schon vor mehreren Jahren schrieb mir die Lektorin eines Jugendbuchverlages, dem ich einen Abenteuerroman angeboten hatte: "Wir werden den Roman nicht publizieren können, weil wir seit geraumer Zeit eine Verlagspolitik fahren, die dies nicht (mehr) erlaubt: Zum einen publizieren wir in dieser Altersgruppe zurzeit nur Mädchenbücher (weibliche Protagonisten), zum anderen ist vor allem aus ökonomischen Erwägungen heraus die Abkehr von problemorientierter Literatur gewünscht."

Nun gab es in meinem Roman, der dann anderweitig erschien, in der Tat einen männlichen Protagonisten. Es war deshalb aber kein ausgesprochenes Jungenbuch, denn an der Handlung waren auch Mädchen beteiligt. Und ein Problembuch war es auch nicht, obwohl es im Laufe einer abenteuerlichen Geschichte, die ich erzählte, verschiedene Probleme zu lösen gab und die Leser nebenher einiges über das Leben an sich und seine Schwierigkeiten erfuhren. Erst recht war es kein Mädchenbuch im Sinne der heute überwiegenden Verlagspolitik, sondern ein Roman für Jugendliche auf literarischem Niveau.

Ein genauerer Blick auf die einzelnen Titel in den Verlagsprogrammen zeigt deutlich, welche Inhalte sich die oft sehr jungen Lektorinnen zurzeit für "nicht problemorientierte Mädchenbücher" vorstellen. Es ist in den verschiedensten Varianten zumeist ganz simpel: Katrin verliebt sich in Kevin, der aber in Biggi verliebt ist. Die Protagonisten kommen aus dem bürgerlichen Milieu, und sie beschäftigen sich überwiegend mit dem eigenen Bauchnabel. Hin und wieder hat man den Eindruck, dass dadurch bei den handelnden Personen eine Blutleere im Gehirn entstanden ist.

So kommen ganze Programme zustande, die sich überwiegend oder sogar ausschließlich an ein weibliches Leserpublikum wenden. Dass Jungen als Zielpublikum für viele Verlage uninteressant geworden sind, liegt jedoch nicht allein an ihrer "Lesemüdigkeit" oder "Computersucht", wie vielfach behauptet wird. Es liegt unter anderem daran, dass Jungen nicht nur Bücher über Probleme mit der ersten Freundin, dem ersten Mal oder dem ersten Pferd lesen wollen; auch nicht nur über Technik, Fußball oder Raumfahrt. Man hat ihnen über Jahre hinweg mit Kitsch und Kram nahezu systematisch das Lesen ausgetrieben.

Dann gibt es in manchen Verlagen Buchreihen, in denen Probleme eine wesentliche Rolle spielen, oder es geht sogar nur um ein einziges Problem: Drogen, Kindesmissbrauch, Magersucht, Jugendkriminalität, Umweltzerstörung, Alkohol, Fremdenfeindlichkeit, Abtreibung und Schuleschwänzen. Diese Bücher, die fachlich orientierte Autoren meist nebenberuflich schreiben, werden gern von Lehrern mit ihren Schülern als Klassenlektüre gelesen. Sie mögen ihren Zweck erfüllen, haben jedoch mit Literatur wenig gemein und werden von den Schülern eher pflichtmäßig gelesen.

Eine grundsätzliche Frage ist, was an Literatur, die diesen Namen verdient, entstehen kann, wenn in nicht wenigen Verlagen - neben der Jagd nach Bestsellern - Spießigkeit, Engstirnigkeit und mangelnde Bildung dominieren. Ich kenne Fälle, wo ein gutes Manuskript schon deshalb als "ätzend" befunden wurde, weil sich die Lektorin oder der Lektor mehr oder weniger bewusst mit einer Romanfigur identifizierten, denen der Autor spezielle negative Eigenheiten zugeschrieben hatte.

Allerdings kann man die Kritik nicht allzu sehr verallgemeinern, dazu ist die Verlagsszene trotz der ständigen Fluktuation in den Lektoraten und trotz vieler Fusionen und Konkurse zu komplex. In einigen Verlagsprogrammen gibt es recht positive Ausnahmeerscheinungen: Bücher, die spannend sind, abenteuerlich, fantastisch - wie auch immer - und die außerdem existenzielle Inhalte geistreich transportieren.

Es geht also im Grunde überhaupt nicht um Jungenbücher oder Mädchenbücher, sondern um ein gewisses literarisches Niveau, um Bücher, die nicht nur pubertierende Mädchen aus der bürgerlichen Mittelschicht mit billigen Klischees bedienen. Da wird ständig massenweise "Lesefutter" produziert, das lediglich einen mehr oder weniger zweifelhaften Unterhaltungswert hat, jedoch die Regale und nicht zuletzt die Köpfe verstopft. Oft sind es ganz einfach schlechte Romane, mit denen die lesenden Jugendlichen abgefüttert werden.

Aber Jugendliche sind aufnahmebereit, und das Aufgenommene hat prägende Wirkung. Man beklagt seit Jahren die Zunahme von Vandalismus, Drogensucht, Jugendkriminalität und Gewalt, ohne den wirklichen Ursachen auf den Grund zu gehen. In Kolumbien ist man inzwischen so weit, mit geeigneten Leseangeboten kriminelle Jugendliche, vor allem sind es Jungen, von der Straße zu holen. Zum Beispiel wurden in Medellin, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens, kürzlich fünf große "Bibliotheken-Parks" eingerichtet. Währenddessen werden in Deutschland immer mehr Bibliotheken und auch Jugendzentren geschlossen.

Hier und da ist freilich die Meinung zu hören, niemand könne letztlich von guten oder schlechten Büchern sprechen, da schließlich jeder Autor und jeder Leser seinen eigenen Geschmack habe. Der französische Schriftsteller Daniel Pennac schreibt dazu in seinem Buch Wie ein Roman: "Trotzdem gibt es gute und schlechte Romane ... eine ›industrielle Literatur‹ ... die sich damit begnügt, die gleichen Erzählformen endlos zu reproduzieren, Klischees vom Fließband ausspuckt, mit guten Gefühlen und großen Empfindungen handelt, auf jeden vom Tagesgeschehen gelieferten Anlass aufspringt, um ein Gelegenheitsepos auszubrüten, ›Marktanalysen‹ betreibt, um je nach ›Konjunktur‹ ein bestimmtes ›Produkt‹ zu schmieden, das eine bestimmte Kategorie von Lesern begeistern soll." Das sind - so Pennac - mit Sicherheit schlechte Romane. "Warum? Weil sie nicht auf schöpferisches Schreiben zurückgehen, sondern auf die Reproduktion vorgefertigter ›Formen‹, weil sie mit Vereinfachung (das heißt Lüge) operieren, während der Roman die Kunst der Wahrheit (das heißt der Komplexität) ist, weil sie unsere automatischen Reaktionen bedienen und damit unsere Neugier einschläfern, schließlich und hauptsächlich weil der Verfasser nicht darin zu finden ist noch die Realität, die er uns zu beschreiben vorgibt."

Leider hat diese von Pennac beschriebene Literatur in den letzten Jahren zugenommen, und das liegt nicht nur an der Unfähigkeit oder dem Opportunismus der Autoren. Liegen Horror-Bücher im Trend, soll Horror geliefert werden, ist es "Sci-Fi", sind Utopiewelten gefragt. Gibt es dann eine Fantasy-Welle, verlangt man Harry-Potter-Verschnitt bis zum Umfallen, und in solchen Büchern meistert der Protagonist oder die Protagonistin Schwierigkeiten gerne dadurch, dass er oder sie zaubern, fliegen und sich unsichtbar machen kann (so geht man der Realität aus dem Wege).

Soweit die Verlage nicht ohnehin lieber Übersetzungen nehmen, gibt es immer mehr Vorgaben, Bevormundungen und Vorschriften für die Autoren. Bücher müssen in Reihen passen, in Programme sowieso. Hier und da werden sogar schon die Hauptpersonen, wesentliche Inhalte und die Handlungsabläufe festgelegt. Autoren sollen nicht nur dem jeweiligen Trend, sondern dazu noch dem Geschmack des Verlegers oder Lektors gerecht werden, seit einigen Jahren oft noch dem des Vertriebsleiters und der Verlagsvertreter, die unter Marketing-Gesichtspunkten über Titel mit entscheiden, zum Teil sogar Manuskripte "anlesen" und Empfehlungen aussprechen.

Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die Literatur, sind gute Bücher sowohl für Mädchen als auch für Jungen. Den Autorinnen und Autoren wird ihre Kreativität ausgetrieben, außerdem die Freude am schöpferischen Schreiben. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Welcher geistreiche Mensch, der auch andere, häufig besser honorierte Möglichkeiten im Erwerbsleben finden kann, passt sich ohne Not einer solchen Entwicklung an? Wer schreibt heute noch Bücher auf einem guten literarischen Niveau? Es werden immer weniger. Die Folge davon sehen wir in den Verlagsprogrammen: Lesefutter, vor allem für Mädchen. Es ist zu hoffen, dass sich die dafür Verantwortlichen besinnen.

Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Im März erscheint eine Neuausgabe seines 1978 erschienenen Romans Der Aufsteiger oder ein Versuch zu leben.

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