Klüger als der Teufel sein

Antisemitismus Die mittelalterliche Judenfeindlichkeit hat ihre Spuren auch an Denkmälern hinterlassen. Wie sich mit der Geschichte besser umgehen lässt

Soll man die moralisch nicht mehr korrekte Vergangenheit löschen, beschönigen oder ausstellen? Die Debatte über Judensauen in oder an christlichen Kirchen wurde reanimiert, als sich kluge Eventisten um Feiern zu „1.700 Jahren jüdisches Leben in Deutschland“ kümmerten. Dass Juden in diesen 1.700 Jahren oft vertrieben, ghettoisiert und erschlagen wurden, ist ja nicht so wichtig, extrem wichtig ist der Nachweis, dass die Bundesrepublik nichts mit Antisemitismus am Hut hat. Im Gegenteil, er wird „entschlossen bekämpft“, wie es in einer Verordnung von 2018 heißt. Was aber sollen entschlossene Bekämpfer mit all den judenfeindlichen Darstellungen machen, die in – oft denkmalgeschützten – Kirchen zum kulturellen Erbe gehören?

In Köln, Münster, Regensburg, Nürnberg, Naumburg, Wittenberg und etlichen anderen Orten waren Symbole, die Juden verächtlich machen, seit dem Mittelalter fester Bestandteil der christlichen Bildersprache. Sie gehören zu einer lange gehegten, keineswegs nur geduldeten, sondern selbstverständlichen Tradition. Nie wurde vor dem „Holocaust“ erwähnt, dass Jesus ein Jude war.

Das Relief abnehmen?

In den letzten drei, vier Jahren hat das Bewusstsein, dass diese Darstellungen nicht in Ordnung sind, eine neue Qualität erreicht. Es gibt Vorschläge, es gibt Klagen und Gerichtsverhandlungen, und es beteiligen sich verschiedene Personen und Institutionen an der Debatte: aus dem Umfeld der Kirchen und der Jüdischen Gemeinden, Bürgermeister und Historiker, Denkmalschützer sowieso, und Antisemitismusbeauftragte. Über Meinungen aus Israel will ich in diesem Zusammenhang ausnahmsweise nicht schreiben.

In Wittenberg hat „ein jüdischer Mann die Abnahme eines Reliefs gefordert“, in München wurde ein Runder Tisch ins Leben gerufen, in Regensburg eine Plakette angebracht, in Calbe hat die Kirchengemeinde eine judenfeindliche Skulptur abgemacht und die Denkmalschutzbehörde will sie wieder anbringen. Dank Wikipedia und weil das Thema an Wichtigkeit zunimmt, finde ich viele Beispiele. Einmal heißt es (zuletzt bearbeitet im August 2019), die Darstellungen können nicht herausgelöst werden und eine Beschilderung sei ausgeschlossen. Ein andermal musste sich der Bundesgerichtshof mit dem Thema befassen.

Für den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung ist „die Wiederanbringung des Judensau-Reliefs nach der Restaurierung völlig unverständlich“. Beim Weitergoogeln staune ich, wo es überall Beauftragte zur Bekämpfung des Antisemitismus gibt: In jedem Bundesland, bei der Generalstaatsanwaltschaft, der Polizei, der EKD, in jüdischen Gemeinden sowieso, aber auch die AfD hat eine Beauftragte – sie heißt Beatrix von Storch. Spätestens hier scheint mir ein gewisses Misstrauen angebracht.

Der Job von Felix Klein

Das Problem ist keineswegs nur deutsch. 2017 hat das Europäische Parlament einen umfassenden Katalog zur Bekämpfung des Antisemitismus erstellt, die EU, die OSZE, Frankreich, England, Griechenland, Italien, Österreich, die Schweiz und die USA haben einen oder eine Antisemitismusbeauftragte*n. Ich weiß nicht, was soll das global bedeuten, und schleiche mich eingeschüchtert zurück in deutsche Lande. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung koordiniert die Maßnahmen, es gibt eine ständige Bund-Länder-Kommission mit Vertretern und selbstverständlich Vertreterinnen der zuständigen Stellen, und das Thema ist so wichtig, dass der Antisemitismusbeauftragte im Kanzleramt angesiedelt wurde.

Felix Klein ist zuständig. Es gehört zu seinem Auftrag, die Bundesrepublik von jedem Verdacht bzw. jeder Reminiszenz an Judenfeindschaft zu befreien. Er muss dafür sorgen, dass in Deutschland und der ganzen Welt eindeutig und unwiderruflich klar wird, dass dieser gefährliche Glaube keinen Platz hat. Es gehört zu seinem Job, den Antisemitismus nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit ungeschehen zu machen.

Für das Selbstverständnis und das Image Deutschlands hängt viel davon ab. Das Thema bekommt neue Brisanz durch rechtsradikal motivierte Anschläge auf Juden und Synagogen, durch einige im Nahen Osten mit Israelhass erzogene Neubürger und die vielen „Einzelfälle“ in Polizei und Militär.

Mich erinnern die Sauberkeitsaktionen an das berühmte Foto der kommunistischen Führer, aus dem Trotzki herausretuschiert wurde. Das „deutsche Volkslied“ Loreley musste ohne die Nennung von Heinrich Heine gesungen werden, Napoleon wurde in deutschen Geschichtsbüchern meist nur mit Fremdherrschaft assoziiert, auch wo ihn Volk und Fürsten freudig begrüßt hatten. In den 1990er und 2000er Jahren wurde alles, was an die DDR erinnerte, weggemacht, der Palast der Republik, der Konsum, die dörflichen Kulturzentren, die Polikliniken etc. Die Geschichte politisch motivierter Säuberungen reicht von der Französischen Revolution über Stalin, die Nationalsozialisten bis zu Erdoğan.

Geschichte neu schreiben

Die geplante und zum Teil schon realisierte Umbenennung von Straßennamen in Berlin erinnert an die „damnatio memoriae“ der Antike, bei der verachtete Personen aus den Annalen getilgt, Inschriften und Bildnisse zerstört wurden. Wenn noch ein bisschen gründlicher geforscht wird, von wem böse Äußerungen über Juden überliefert sind, müssen noch viele Straßen umbenannt und die deutsche Geschichte neu geschrieben werden. Die nach C. P. W. Beuth benannte Technische Hochschule in Berlin hat den Namen im Oktober 2021 – nach längeren Debatten – gelöscht.

Dass die Brüder Grimm oder der Freiherr von und zum Stein unschöne Äußerungen über Juden hinterlassen haben, ist noch nicht ins Bewusstsein der Korrektoren gelangt. Die so oft wiederholte Phrase „antisemitische Äußerungen haben in Deutschland keinen Platz“ erinnert an die Rituale, mit denen Dämonen vertrieben werden. Nach den Judenverächtern (ist nicht dasselbe wie Antisemiten) wird das Erinnern an Kolonialisten, Militaristen, danach vielleicht auch Chauvinisten gelöscht. Irgendwann bleiben zu wenige saubere Namensgeber übrig. Man könnte dann die Straßen nach Blümchen und Bäumen benennen (Antrag Grüne?) oder mit Zahlen durchnummerieren (Antrag der Liberalen?) oder nach ausgestorbenen Arten (die naheliegende Assoziation erspare ich den geneigten Lesern).

Ein Vorbild gibt es

Der Berliner Senat startet gerade eine neue Kampagne, Plakate mahnen „Antisemitismus hat viele Formen“, und jeder soll lernen, ihn zu erkennen. Gut gemeint und könnte nach hinten losgehen, weil schon wieder die Juden privilegiert werden. Sollten nicht auch alle lernen, dass man Frauen nicht schlägt oder umbringt, Obdachlose und Kopftuchträgerinnen, Menschen mit Behinderung und Schwarze, die ich korrekterweise Persons of Color nenne, sowieso nicht. Wie lässt sich die Sonderbehandlung von Menschen mit „jüdischen Wurzeln“ deuten?

Wirkt da ein Dämon, der transgenerationelle Schuldgefühle aufweckt? Ist der Antisemitismus eine Art Platzhalter für all die anderen Vorurteile, die in Gewalt ausarten können, oder eher eine Geisterbeschwörung? Ob Diskriminierungen, Hass, alteingeübte Vorurteile mit politischen Verordnungen beseitigt werden können, weiß ich nicht, ich habe da meine Zweifel. Könnte in den Kampagnen die Funktion als Stellvertreter für andere Ängste mitgedacht werden?

Aber ja doch, es gibt ihn, diesen Antisemitismus mit all den dazugehörigen Klischees (weshalb ich froh bin, dass Bill Gates oder Elon Musk keine Juden sind). Es gibt ihn auch verkleidet als übermäßige Liebe zu „den“ Juden.

Was also tun mit den Judensauen? Ich kenne ein Vorbild: In Köln setzen sich Gesellschafter christlich-jüdischer Zusammenarbeit angstfrei und mit bewundernswertem Vertrauen in die Zivilgesellschaft mit der Geschichte des christlichen Antijudaismus auseinander, der sich unvermeidlich mit dem politischem Antisemitismus vermischt – Dank für die Differenzierung! In Kooperation mit Vertretern unterschiedlicher Herkunft und Religion (ob Moslems dabei sind, geht aus der Pressemeldung nicht hervor) setzen sie hier auf Aufklärung, sie gehen mit einer Ausstellung, Flyern, Führungen und Diskussionen offensiv mit dem Thema um. Katholiken haben eben eine lange Erfahrung mit Teufelsaustreibung.

Hazel Rosenstrauch ist Kulturwissenschaftlerin sowie freie Autorin, wurde in London geboren, wuchs in Wien auf und lebt in Berlin

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