Kluft

Hochschulfinanzierung Das Prinzip der Wettbewerbs lautet "Wer hat, dem wird gegeben"

Innerhalb von nur drei Tagen sind zwei für die deutschen Hochschulen zentrale Entscheidungen gefallen, die zeigen, wohin der Weg in Zukunft gehen wird. Am 11. Oktober wurden die Eckpunkte für den "Hochschulpakt 2020" verkündet, zwei Tage später die Ergebnisse der ersten Runde des Exzellenzwettbewerbs. Der Hochschulpakt stellt die Antwort der Bundesregierung und der Länderregierungen auf die in den nächsten Jahren zu erwartende Zunahme der Studierendenzahl um über 30 Prozent von heute knapp zwei auf dann 2,7 Millionen dar. Man will bis 2020 von Seiten des Bundes und der Länder jeweils eine Milliarde Euro zusätzlich in die Hochschulen investieren. Der vom Wissenschaftsrat errechnete Bedarf liegt allerdings allein in den Jahren 2012 bis 2014 bei jährlich 2,2 Milliarden Euro. Die zugesagte Summe reicht also vorn wie hinten nicht aus.

Gleichzeitig steckt der Bund in den nächsten fünf Jahren - das heißt in einer viel kürzeren Zeit - mit 1,9 Milliarden Euro fast dieselbe Summe in den Exzellenzwettbewerb. Mit diesem Geld wird ausschließlich die Forschung an relativ wenigen Universitäten gefördert. Allein die vier Hochschulen in München, Karlsruhe und Aachen räumen nicht nur die drei Titel Eliteuniversität mit jeweils 21 Millionen Euro pro Jahr ab, sondern auch noch acht der siebzehn Exzellenzcluster mit jährlich jeweils 6,5 Millionen Euro. Der Großteil des Geldes geht also an eine ganz kleine Zahl von Universitäten. Den Siegern reicht das aber noch nicht. So hat der Rektor der LMU München, Huber, kurz nach der Entscheidung gleich eine ganze Milliarde Euro pro Jahr für die zwei bis drei besten deutschen Hochschulen verlangt, um wirklich in Konkurrenz mit den US-Eliteuniversitäten treten zu können. Sie sollen nach seiner Vorstellung also jedes Jahr vom Bund genau so viel Geld zusätzlich für ihre Forschung erhalten, wie für alle ungefähr 350 deutschen Hochschulen insgesamt in den nächsten 14 Jahren zur Bewältigung des "Studierendenberges" eingeplant ist.

Diese enorme Diskrepanz macht deutlich, in welche Richtung die Entwicklung läuft. Auf der einen Seite ist die Politik nicht bereit, die schon seit Jahren existierende Unterfinanzierung der Hochschulen ernsthaft anzugehen. Auf der anderen Seite wird eine für deutsche Verhältnisse beträchtliche Summe in die Förderung von sogenannten Eliteuniversitäten investiert. Die Folgen sind eindeutig. Es wird in Zukunft zwei grundlegend verschiedene Typen von Universitäten geben: Forschungsuniversitäten (mit den Eliteunis an der Spitze) und Ausbildungsuniversitäten (nach dem Vorbild der Fachhochschulen). An den ersteren wird bei verkleinerten Studierendenzahlen - eine solche Reduzierung fordern fast alle Vertreter dieser Universitäten unisono - vor allem Forschung betrieben, an den letzteren wird die große Masse der Studierenden in sechssemestrigen Bachelor-Studiengängen durch ein verschultes Kurzstudium gejagt. Mit dieser Aufteilung geht auch eine soziale Selektion der Studierenden einher. Die Forschungs- und vor allem die Eliteuniversitäten bleiben in Zukunft weitgehend für den Nachwuchs aus bürgerlichen und akademischen Familien reserviert. Die Kinder aus den übrigen Teilen der Bevölkerung müssen, soweit sie es überhaupt an die Universitäten schaffen, überwiegend mit einer Kurzausbildung an Massenhochschulen Vorlieb nehmen.

In der Hochschulpolitik ist dasselbe zu beobachten wie in der übrigen Gesellschaft. Einigen wenigen geht es besser, der Masse dagegen immer schlechter. Die drohende Kluft in der Universitätslandschaft entspricht der ökonomisch-sozialen Spaltung der deutschen Gesellschaft. Das zeigt sich auch bei der regionalen Verteilung der siegreichen Hochschulen. Die drei neuen Eliteuniversitäten liegen sämtlich in Baden-Württemberg und Bayern, ebenso wie knapp die Hälfte der Exzellenzcluster. Rechnet man Hessen als drittes wohlhabendes Bundesland im Süden noch hinzu, sind es sogar knapp 60 Prozent. Auf den Osten Deutschlands (inklusive Berlin) entfällt dagegen gerade einmal ein Cluster. Bei der Berücksichtigung der einzelnen Fachdisziplinen sieht es genauso aus. Die Medizin schneidet weitaus am besten ab, die Sozial- und Geisteswissenschaften mit Abstand am schlechtesten. Das Prinzip des Wettbewerbs lautet ganz offensichtlich: Wer hat, dem wird gegeben. Dieses Motto prägt zunehmend die ganze Gesellschaft. Die Kluft wird auf allen Ebenen vertieft.


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00:00 27.10.2006

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