Knackis liebt man nicht

Alltag Protokoll einer Frau, die einen Häftling heiratete - und erfahren musste, welchen Tabubruch begeht, wer einen Mann im Gefängnis liebt

Es ist keine besonders schwierige Zeit im Moment, es ist immer schwierig. Wir sehen uns sechsmal im Monat. Einmal für fünf Stunden, einmal drei und dreimal eine. Seit wir uns kennen, hatte Thomas zwölf Ausführungen. Dreimal im Jahr, das ist nicht viel.

Im März hat sein elftes Jahr angefangen. Irgendetwas muss jetzt passieren. Wir warten noch auf die Genehmigung für das Gutachten, das die Lockerung einleiten kann. Seit neun Wochen ... Die Lockerung sollte bis Jahresende kommen, da waren wir eigentlich sicher. Vielleicht hat Tommy im Januar den letzten begleiteten Ausgang.

Aber ich habe gerade wenig Hoffnung, es bewegt sich nichts. Seit Mitte vergangenen Jahres steht die Zeit still. Das kannte ich noch nicht, vier Jahre lang habe ich alles gut verkraftet und jetzt, da das Ziel scheinbar näher rückt, ist es wie in der Schwangerschaft - am Ende kann man keinen Tag, keine Stunde mehr warten. Je näher man dem Ziel kommt, desto stärker läuft die Zeit rückwärts.

Wenn ich in der Zeit rückwärts gehe, staune ich noch immer über unser Zusammentreffen.

Kennen gelernt haben wir uns vor vier Jahren. In einem Knast in Berlin. Ich habe bei einem Theaterprojekt hinter Gefängnismauern mitgemacht. Wir haben ein Stück mit den Insassen einstudiert. Es war mein letzter Gedanke auf der Welt, hier einen Mann zu finden. Von Interesse war für mich nur, ob ich das packen würde, mit den Gefangenen, ob ich sie mitreißen würde, ob ich ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugen könnte ... - es hat geklappt.

Und da war einer unter den Gefangenen, der mich immer ansah. Die Knackis sahen natürlich alle Frauen an, die mit ihnen probten. Das war ja eine besondere Situation. Aber ich habe es gleich gemerkt, mit diesem Mann ist was, mein Körper hat es gemerkt. Mein Körper hat reagiert, und ich wollte es nicht wahrhaben. Ich bin darüber völlig irre geworden, ich wollte meine Arbeit machen, mit meinen Kollegen. Aber ich habe gesehen, dass bei ihm auch etwas passierte, er hatte auf einmal so traurige Augen und ist nicht mehr regelmäßig zum Theaterspielen gekommen.

Und wenn er nicht kam, vermisste ich ihn. Tommy hat eine starke Ausstrahlung. Wir haben zusammen gesessen und Kaffee getrunken. Er war glücklich, auch wenn wir nicht sprechen konnten. Es gab von Anfang an ein starkes harmonisches Gefühl zwischen uns.

Ich habe viel Yoga gemacht in dieser Zeit, wollte mich schützen vor der Knastatmosphäre. Da waren Leute, die über 20 Jahre im Knast verbracht hatten, deren Geschichte ich fürchtete. Ich brauchte Abstand und Selbstsicherheit. Nach einer Weile hab ich angefangen, von Tommy zu träumen. Ich habe mich nie getraut, mit jemandem darüber zu sprechen. Ich hatte ein großes Verantwortungsgefühl für die Theatergruppe. So beschloss ich, alt zu werden, ohne diesen Typen je wieder zu sehen oder ihn draußen zu treffen.

Dann habe ich ihm eine Karte geschrieben. Ich wollte ihm Mut zusprechen für seinen ersten Ausgang nach sieben Jahren und notierte meine Adresse dazu. Dann bekam ich einen Brief. Er schrieb drei Seiten, sagte: Ich muss es einfach loswerden, es ist mir peinlich in dieser Situation, aber ich muss es jetzt loswerden; ich liebe dich.

Am nächsten Tag rief er an, bevor er draußen war, noch aus dem Knast. Als das Telefon klingelte, bin ich fast gestorben. Ich wusste, wer es war. Ich sagte, ich habe deinen Brief gelesen, und ich kann dir jetzt meine Antwort darauf geben. Er war sehr kurz angebunden, abrupt. Wahrscheinlich erwartete er, ich sagte nein und dachte bestimmt, ja, mach schnell! Ich hab einfach gesagt, dass ich ihn liebe, dass ich mich auch nicht schämte, weiter könne ich nichts sagen, ich könne nur sagen, dass es so ist. Am anderen Ende der Leitung habe ich nur noch einen lauten Schrei gehört.

Ein bisschen später war er draußen, er hatte ja seinen Ausgang - und ich war derweilen drinnen zur Probe. Heute lache ich darüber. Er ist zu seiner Schwester gefahren und die wusste gar nicht, was mit ihm los war, sie merkte nur, dass ihr Bruder völlig durcheinander war.

Dann kam der Schlag. Es wäre zu schön gewesen, das konnte einfach nicht sein. Es gab bei ihm eine Zelldurchsuchung. Einer aus der Theatergruppe wollte wohl die Ratte spielen, hat der Anstalt etwas gesteckt, sie könnten bei ihm was finden. Aber was gab es denn zu finden, zwei Briefe!

Tommy musste zur Anstaltsleitung, sie wollten die Theatergruppe informieren. Die Aufführung war in Gefahr, sie sollte ausfallen. Es gab ein "Krisengespräch". Tommy brachte die Karte mit, die ich ihm geschrieben hatte. Der Leiter fühlte sich betrogen. Ich hätte alles gefährdet, meinte er. Ich musste alle anrufen, sie spielten großes Drama.

Wir hatten ja gar nichts getan. Aber ich hatte ein Tabu gebrochen, ich hatte mich in einen Gefangenen verliebt. Die Situation war extrem. Und das Schlimmste war, dass ich mit so etwas nicht gerechnet hatte. Ich war völlig am Boden. Eine Ausländerin beim Krisengespräch in einem deutschen Gefängnis, unter dem Druck der eigenen Kollegen. Sie wollten wissen, was eigentlich passiert sei, ob ich vielleicht erpresst worden wäre und wollten eine Erklärung hören. Ich musste über meine privaten Gefühle reden, musste klären, wie es mit der Truppe weitergeht. Das alles, ohne meine eigenen Leute hier zu haben, meine Familie. Ich rief sie an und erzählte, und sie sagten, wir stehen zu dir.

Zum Teil haben sich auch meine Kollegen gut verhalten. Sie wussten, was ich in die Theaterarbeit investiert hatte, wie wichtig sie mir war und dass ich sie niemals leichtfertig aufs Spiel gesetzt hätte. Eine Kollegin, die uns beide kannte, meinte: Ihr seid ein gutes Paar, ihr schafft das.

Und ich dachte mir - nun, es soll wohl so sein. Vielleicht hätte ich andernfalls mit 80 da gesessen und mir überlegt, was gewesen wäre, wenn. Egal wie, sagte ich mir, ich zieh das durch! Zum Gastspiel in die Anstalt Plötzensee kamen dann extra Bewacher mit, um auf mich und Tommy aufzupassen. Eine surreale Situation! An diesem Tag gaben mir einige Wärter Zeichen, wir wissen Bescheid, macht nur weiter. Sie waren Menschen, wollten nicht die Aufseher spielen. Das Gastspiel lief gut. Es war einer der glücklichsten Tage in meinem Leben.

Anschließend schrieb ich einen Brief - dass ich Abschied nehmen wolle von der Gruppe. Alle wussten Bescheid, ich musste austreten. Ich musste meinen ehrenamtlichen Ausweis abgeben, und die anderen Kollegen fuhren noch zur Arbeit.

Nach sechs Monaten verlobten wir uns. Tatsächlich - wir hatten beide ans Heiraten gedacht. Diese Sicherheit war da, es war und ist harmonisch. Einfach beieinander sitzen und alles ist gut.

Eine Ehe zu organisieren, wenn der Mann im Gefängnis sitzt, ist nicht leicht, besonders nicht als Ausländerin. Es dauerte 18 Monate lang, alles zu besorgen. Es war ein Höchstmaß an Rennerei. Ich musste zum Standesamt gehen und ein Aufgebot bestellen, und sie sagten mir, welche Papiere sie von meinem Mann benötigen. Das waren Papiere, die ein freier Mann hat, aber nicht ein Gefangener. Ich musste immer erzählen, besorgen, rennen. Meine Geburtsurkunde war nur eine beglaubigte Kopie. Die ist auf dem Standesamt das erste Mal nach acht Jahren in Frage gestellt worden. Es war ein Kampf, den ich an diesem Punkt fast aufgegeben hätte. Aber plötzlich begann der Beamte, meine Daten in den Computer zu tippen. Den Ausweis für Thomas sollte ich in der Friedrichstraße abholen. Dann durfte ich ihn doch nicht abholen, er musste ins Gefängnis geschickt werden. "Das kann dauern", sagte man mir - es war nicht klar, ob das Dokument rechtzeitig ankommen würde. Meine Familie wollte kommen, aber ich wusste nicht, ob die Trauung überhaupt stattfinden könnte. Ich sagte ihnen, besser wenn ihr nicht kommt. Besucht mich doch nächstes Jahr ... Der Ausweis kam dann einen Tag vor der Zeremonie. Am 7. Mai 2005 haben wir geheiratet. Mein Vater schrieb ein meterlanges Fax, voller Glückwünsche und Albernheiten. Mein Vater ist Neuseeländer. Er und mein Großvater waren selbst einmal Gefangene.

Nun sind Tommy und ich vier Jahre lang zusammen. 15 Jahre hatte er gekriegt, damals. Wegen Totschlag. Da waren auch Drogen im Spiel. Ursprünglich kommt Tommy aus München. Als er zwei Jahre alt war, wurde er aus einem Heim geholt und adoptiert. Seine Eltern sind alt und krank, aber sie schreiben ihm Karten und rufen an.

Als wir uns kennen lernten, war ich 34 und er 35 Jahre alt. Natürlich ergab sich sofort die Frage, ob man das durchstehen würde. So eine lange Zeit. Thomas war schon sieben Jahre in Haft, natürlich hatte er nicht daran gedacht, eine Frau zu treffen. Es war ein großer Schock für ihn, denn er wusste nicht, ob es mir gelingen würde. Man ist verwundbar, wenn man da drinnen ist. Wenn man sich da so einem Schmerz ausliefert - das ist gefährlich. Das kann einen umhauen. Drinnen darf man auch nicht über Weihnachten nachdenken. Alles kann weh tun. Fernsehen, Filme. Auch Lieder machen traurig.

Thomas war mit etwas konfrontiert, womit er nie gerechnet hatte. Jetzt musste er auf sich und auf mich achten. Sich nicht an mich klammern, sondern mir die Unterstützung geben, damit ich durchhalten würde. Das macht er richtig gut. Er appelliert immer an die Stärke. Ich soll optimistisch sein, nie Selbstmitleid haben. Er sagt mir, ich soll an meine Freunde draußen denken.

Ich mochte noch nie diese furchtbaren schwachen Männer, die nur die Energie von Frauen anzapfen. Was ich leider immer wieder erlebe - draußen. Man könnte meinen, dass ich dort viele tolle Typen kenne, aber da ist keiner. Thomas dagegen ist jemand, der wirklich eine Verantwortung dafür spürt, dass man geben sollte, was dem anderen fehlt. Es ist das blanke Gegenteil dessen, was alle schnell vermuten: aha - die Krankenschwester.

Ich dachte natürlich daran, wie weit er seinen "Fall" verarbeitet hätte - und ich fragte ihn auch danach. Er sagte, er habe eine Therapie gemacht, das sei gut gewesen, aber dafür brauche er mich nicht. Er habe kein Interesse daran, über seine Vergangenheit zu sprechen. Er wolle nach vorn gucken.

Tommy arbeitet im Gefängnis von sieben Uhr bis 15.30 Uhr in der Bäckerei, dann ist Freistunde und er ist mit Freunden draußen, treibt Sport, spielt Schach oder Tischtennis. Er kocht gern, hat einen eigenen Fernseher. Man kann auch Videos und Spielfilme sehen. Die WM hat er mit Begeisterung verfolgt. Abends ist die Wartezeit aufs Telefon bis zu einer Dreiviertelstunde. Der Film fängt an, Tommy wartet immer noch. Das Telefon ist ein Problem. Die anderen Gefangenen stehen auf dem Gang und schreien. Ich könnte das nicht, auf einem so engen Raum private Gespräche führen, ich würde ein Dutzend Mal ausrasten. Tommy nimmt´s gelassen. Dann gibt es noch die Dienstagsgruppe - eine Gesprächsgruppe, der Leiter ist ein toller Kerl. Am Anfang war es für Tommy aus therapeutischen Gründen wichtig, mitzumachen. Jetzt bleibt er, obwohl es nicht mehr zwingend notwendig ist. Alle aus dieser Gruppe kennen sich seit ein paar Jahren, trinken Kaffee zusammen. Tommy würde nie sagen, er wüsste nicht, wie er sich die Zeit vertreiben soll.

Wenn Tommy rauskommt, soll er entscheiden, wo wir leben. Ich will mich nicht darum kümmern, die vielen Gesetze und Regeln. Ich bin immer die Ausländerin, ich will das nicht mehr. Er wird bestimmt in der Urlaubsphase etwas suchen, in meiner Ein-Zimmerwohnung können wir ja nicht bleiben. Und er wird sich einen Job besorgen, wenn der offene Vollzug beginnt. Es gibt viele Möglichkeiten. Tommy hat viele Berufe, gelernter Bäcker mit Abitur, er baut Küchen, installiert und kann gut kochen.

Vielleicht verlassen wir Deutschland auch. Mir reicht es, ich bin jetzt seit zehn Jahren hier, und auch Thomas muss nicht unbedingt in Deutschland bleiben. Ich bin durch einen Zufall nach Deutschland gekommen. Ein französischer Regisseur, mit dem ich früher gearbeitet hatte, hatte mich eingeladen, in Berlin Theater zu machen, er suchte eine Assistentin. Er rief mich an - du musst kommen! Und schickte mir ein Ticket. Ich kam und blieb. Erst für drei Monate, mittlerweile mit unbefristeter Aufenthaltsgenehmigung. Ein Plan war das nie. Es gibt noch anderes zu erfahren. Das Südländische zum Beispiel interessiert Tommy - er hat viel nachzuholen. Er kann Spanisch. Wir könnten in Spanien leben. Wenn Tommy aus dem Knast kommt, stelle ich mir vor, kaufen wir ein Auto - und los!

Für Thomas ist die Ehe ein gutes Zeichen. Er hat eine Frau gefunden im Knast! Ich bin im Lot, sagt er. Ich bin im Lot, mach dir keine Sorgen, ob das fünf oder mehr Monate dauert. Das ist seine Stärke. Ich kann das nicht, warten, dass jemand einen Stempel auf ein Papier macht. Diese ganze Heuchelei. Da gibt es jemanden, der ein Kind umgebracht hat, und der kriegt sechs Jahre. Nein, man darf nicht darüber nachdenken. Wir warten.

Es ist keine besonders schwierige Zeit im Moment, es ist immer schwierig.

Aufgeschrieben von Anne Hahn

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00:00 05.01.2007

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