Knet mich hart

Kunst Welche Begierde ist gut, welche krank? Bei Nathalie Djurberg und Hans Berg liegen Schock und Witz nahe beieinander

Das ist ganz schön harter Tobak. In einer mächtigen Kunstschaumhöhle, The Potato getauft, läuft ein Video, das eine Mutter und ihren Nachwuchs in einem engen Zimmer zeigt. Die Kinder zerren an der Frau mit den übergroßen Brüsten und knallroten Lippen, sie bedrängen sie, streichen ihr fordernd über den Bauch, lecken über den Körper. Und dann kriechen sie, einer nach dem anderen, durch die Vagina in die Mutter hinein. Die lässt den Übergriff verängstigt mit sich geschehen und weint blaue, dicke Tränen. Die Körper verschmelzen, der Frau wachsen neue Arme, neue Beine, es ist ein grausig-skurriler Anblick. Nebenan, in einem anderen Eck der Kartoffel, treibt ein Wolf sein Unwesen. Auch er ist ein Zwitterwesen, eine Art siamesischer Zwilling, aus seinem Rücken wächst ein Kind heraus. Mit erigiertem, signalrotem Penis läuft er durch eine Küche, tunkt die Hände in Marmeladentöpfe, schmiert die Soße auf den Körper, so dass sie plötzlich wie Blut erscheint. An den Wänden dieser Horrorstube hängen massenweise Marienbilder, Jesusfiguren und Pin-ups.

Es ist aber nicht nur abstoßend, was man zu sehen bekommt, sondern auch komisch. Das liegt vor allem daran, dass die Figuren, die in diesen Videos agieren, Knetmännchen sind, im traditionellen Stop-Motion-Verfahren gefilmt, ein bisschen so, als hätte man Wallace & Gromit in einen Swingerclub verlegt. Erschaffen hat die Figuren die schwedische Künstlerin Nathalie Djurberg. Die mal an Minimal Music, mal an Science-Fiction-Soundtracks erinnernde Musik dazu stammt von ihrem Lebensgefährten, dem Komponisten Hans Berg.

Bunte, schräge, märchenhafte Filme, die das Grauen in sich tragen, sind das Markenzeichen des schwedischen Künstlerduos, das seit Beginn der zweitausender Jahre in Berlin lebt. Kuratoren und Galeristen nennen ihre Arbeiten im akademisch-schwärmerischen Tonfall gerne eine „singuläre Position in der Gegenwartskunst“ und haben damit nicht unrecht: Etwas Vergleichbares wie die Orgien feiernden, missbrauchenden und Gewalt ausübenden Fantasiefiguren, die Nathalie Djurberg formt und mit Hilfe unzähliger Einzelbilder zum Leben erweckt, sucht man tatsächlich vergeblich. Hinter der Ästhetik, die kindlich und skurril erscheint, verstecken sich die Schattenseiten der Gegenwart: Erzählt wird von Missbrauch, von Pädophilie, von Brutalität und Macht.

Mit den Filmen und dazugehörigen Installationen ist das Künstlerduo enorm erfolgreich: Die Modekönigin Miuccia Prada und die Kunstsammlerin Julia Stoschek gehören zu ihren Bewunderinnen, die Feuilletons ziehen Vergleiche zu den Werken von Mike Kelley oder Paul McCarthy, ausgestellt haben Djurberg und Berg, beide Jahrgang 1978, bereits in so renommierten Häusern wie dem Stockholmer Moderna Museet, dem New Yorker New Museum, im Boijmans Van Beuningen in Rotterdam oder in den Hamburger Deichtorhallen. Die Frankfurter Schirn Kunsthalle zeigt nun die erste umfassende Werkschau des Künstlerduos in Deutschland mit rund 40 Werken, die zwischen 2003 und 2018 entstanden sind, der Titel: A Journey Through Mud And Confusion With Small Glimpses Of Air. Schlamm, Verwirrung, Horror, dazu ein übergroßer Warnhinweis, dass man die Ausstellung mit Kindern besser nicht besuchen sollte: Auf Aufmerksamkeit, auch außerhalb des Kulturbetriebs, braucht diese Schau sicher nicht lange warten.

Man guckt nicht weg

Viel Raum nimmt in der Ausstellung die Installation The Experiment ein. Sie machte das Künstlerduo auf einen Schlag berühmt. Ein Wald aus übergroßen, glanzlackierten Pflanzen bevölkert den Raum. Manche erscheinen wie Orchideen, andere erinnern an Pilze oder Schlingpflanzen, auf drei großen Leinwänden laufen drei unterschiedliche Filme. Auf der Venedig-Biennale, wo The Experiment 2009 erstmals gezeigt wurde, wurden Djurberg und Berg dafür mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet. Einer der Filme, die zu dieser Installation gehören, zeigt drei Kirchenmänner. Sie tragen purpurne Mäntel, dekorative Ringe, schwenken den Weihrauchpott. Sie bedrängen ihnen ausgelieferte, nackte Frauen, zwingen sie unter ihre Röcke. Die Gewalt und der Missbrauch werden überdeutlich in diesen Bildern. Nathalie Djurberg zeigt das Böse als Skurrilität, aber immer ungeschönt.

In einem Interview hat die Künstlerin einmal erzählt, dass sie als Kind ohne Fernseher aufgewachsen ist. Stattdessen wurden zuhause Märchen erzählt und vorgelesen. Auch ihre Filme sind nun übervoll von Hinweisen auf die Fabelwelt, werden beherrscht von vermenschlichten Tieren und mystischen Figuren. Der böse Wolf taucht wohl beinahe in jedem zweiten von ihnen auf – häufig mit einem großen Joint im Maul. Harmlos oder kindertauglich ist an Djurbergs Märchen nichts. Die Angst, die Aggressionen, die Tricksereien und Boshaftigkeiten, die in den Kinderbüchern den Unterton ausmachen, zerrt die Künstlerin in ihren Videos und Inszenierungen ins Rampenlicht. Der sanfte Grusel, dem am Ende meistens doch immer ein Happy End folgt, wird von Djurberg potenziert und zum Kern gemacht. Sie entzaubert die Märchenwelt, um zu zeigen, was aus ihrer Sicht tatsächlich hinter den Geschichten steckt: der blanke Horror.

Vieles, was man in der Ausstellung sieht, tut weh, ist kaum zu ertragen. Frauen werden von ihren Peinigern mit Scheren attackiert, Väter grapschen nach ihren Kindern, ein Mädchen verstrickt sich in erotische Gewaltspiele mit allerhand Tieren. Es wird gequält, geschlagen, getötet, unterdrückt. Doch trotz des Ekels guckt man nicht weg, bleibt, ja, fasziniert. Djurbergs Videos machen einen zum Voyeur, zum sensationsgierigen Zuschauer. Sie spiegeln das weitverbreitete Verlangen nach medial aufbereiteten Katastrophen. Sie erzählen von einer Welt, in der die brutalen Erniedrigungen auf einem Campingplatz in Lügde oder im „Horrorhaus“ in Höxter zum Klickzahlengenerator geworden sind. Sie machen die Lust am Leid sichtbar, aber auch: die Lust am Verbotenen.

Eines der ersten Stop-Motion-Videos von Djurberg, Tiger Licking Girl’s Butt von 2004, zeigt eine junge, nackte Knetfigurenfrau in einem Raum mit einem Tiger. Sie dreht sich weg von dem Tier, der Tiger nutzt es aus, um ihr am Hintern zu lecken. Mal um mal wiederholt sich das Ritual. Und bald schon ist es die Frau, die sich mit Absicht so positioniert, dass sich ihr Hinterteil dem Tier geradezu aufdrängt. „Warum spüre ich den Drang, diese Dinge ständig zu wiederholen?“, fragt sie. Welche Begierde ist gut, welche Begierde ist krank? Djurberg verweigert klare Antworten. Entsetzen und Faszination, Schock und Witz liegen in ihren Arbeiten nah beieinander.

VR schmiert ab dagegen

Mit animierten Kohlezeichnungen hat Nathalie Djurberg, die in Malmö Kunst studierte, begonnen, bevor es sie nach Berlin zog. Kurz darauf entstanden die ersten Knetanimationen, die Stop-Motion-Technik hat sie sich selbst beigebracht. Von da an war auch ihr Partner Hans Berg involviert. Seine monoton-eindringlichen Musiken verstärken die Wirkung von Djubergs Filmen, meistens entstehen sie parallel zu den Filmproduktionen. Eine Ausnahme bildet das auch sonst untypische Video The Black Pot von 2013, für das Berg zuerst die Musik schrieb. Keine Figuren, sondern abstrakte Formen – Kreise, Wellen, Blasen, als Ölkreidezeichnungen angefertigt – hat Djurberg zu den sphärischen Klängen von Berg animiert. Der Film wirkt wie ein Fremdkörper in dieser Schau, wie ein Stück Idylle in der Dystopie.

In einer der jüngsten Arbeiten, It Will All End In Stars (2018), probiert sich Djurberg im virtuellen Raum aus. Mit einer VR-Brille ausgestattet betritt man eine Box. Eine heruntergekommene Hütte erscheint vor den Augen, auf einem Sessel sitzt, mal wieder, ein Wolf. Zwei Controller helfen bei der Navigation durch das digitale Obdach. Man kann darin ein Grammophon anwerfen und das Tier zum Tanzen bringen oder ihm eine Zigarette anstecken. Doch alle Drastik geht dabei flöten, in der immersiven Realität verblasst der böse Wolf zum zahmen Spielgefährten. Das Virtual-Reality-Werk ist das einzige in der Schau, das einen kalt lässt. Und es macht deutlich: Um ihre Wirkung zu entfalten, brauchen die Werke von Djurberg und Berg die große Leinwand, die satten Farben, die Lichtspielhaus-Atmosphäre. Das ist auch eine gute Nachricht, für Cineasten und Kino-Nostalgiker auf jeden Fall.

Info

Djuberg & Berg Kunsthalle Schirn Frankfurt, bis 26. Mai

06:00 21.04.2019
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