Knie auf Hals

Theater In Johan Simons’ Inszenierung der „Befristeten“ ist die Bühne ein Ort des Todes
Knie auf Hals
Im Bann der rot-weißen Holzlatte

Foto: Birgit Hupfeld

Wenn Maschinen schlafen, fragte der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick einmal, träumen sie dann auch? Und wenn sie erwachen, feiern sie diesen Augenblick? Im Bochumer Schauspielhaus führt die Bühnentechnik Freudentänze auf – ohne dass irgendein Schauspieler stört. Züge und Zugstangen fahren wie in einem Ballett auf und nieder. Die Unterbühne stülpt ihre Eingeweide nach oben, der Bühnenboden lässt seine Elemente rhythmisch tänzeln. Vor allem aber kann das Licht kaum an sich halten, zeichnet immer neue Effekte in die staubgeschwängerte Luft.

Zum Einstand von Elias Canettis Die Befristeten feiert die Bochumer Bühnentechnik ihr Erwachen nach dem Lockdown. Der Maschinentanz ist allerdings auch eine Befreiung von ständiger Willfährigkeit im Dienst des Schauspiels. Für zehn Minuten zumindest. Denn Johan Simons’ Inszenierung macht die Bühne, kaum wiedereröffnet, zu einem symbolisch toten Ort und lässt den Abend größtenteils im Zuschauerraum und auf der Vorbühne spielen. Wir sind alle gemeint, soll das heißen – und der Besucher bekommt über die offenen Saaltüren noch ein bisschen virenverwirbelnde Zugluft. Theater unter Corona-Bedingungen ist immer doppelt codiert.

Verwaltete Welt

Das Schauspielhaus Bochum ist eines der wenigen Stadttheater in NRW, das noch in dieser Spielzeit eine Premiere herausbringt. Die 800 Plätze des Zuschauerraums wurden auf gerade mal 50 reduziert. In dieser radikalen Vereinzelung der Publikums und Unterbindung von Kollektivität spiegelt sich schon die „verwaltete Welt“ von Canettis Drama. Die „Befristeten“ kennen ihre Lebenserwartung und tragen sie bereits im Namen. Individualität reduziert sich so auf eine Nummer wie 50 oder 88 – wobei Canetti diese Benennungspraxis im Stücktext unterläuft. Nur der Zweifler und Revolutionär „Fünfzig“ trägt wirklich seine Lebenserwartung im Namen, alle anderen werden als „Sie“, „Großmutter“ oder „Freund“ bezeichnet.

Canettis 1956 uraufgeführtes Drama, das Dramaturgin Angela Obst neu eingerichtet hat, ist Science-Fiction und philosophisches Gedankenspiel zugleich. Das Wissen um die Lebenserwartung soll die metaphysische Unruhe des Menschen stillstellen und für Sicherheit sorgen. Alle Befristeten tragen eine Kapsel um den Hals, in der angeblich ihr Geburts- und Todesdatum vermerkt ist, die sie aber nicht öffnen dürfen. Verwalter dieses Wissens ist der prächtig gekleidete Kapselan (Jing Xian), der zu Beginn mit einer düsteren Figur im Schlepptau über die Bühne streicht. Er zwingt die in den Saaltüren sich versammelnde Gemeinschaft der Befristeten in einem liturgischen Call-and-Response-Verfahren zum ideologischen Bekenntnis, das in der rhetorischen Frage gipfelt „Seid ihr glücklich?“.

Die Sicherheit, die das Wissen um den Tod gewährt, hat allerdings gesellschaftlich drastische Folgen: Eine Mutter (Gina Haller) ruft ängstlich ihren Sohn (Dominik Dos-Reis) zur Ordnung, der im ersten Rang herumturnt und weiß, dass ihm als „Siebziger“ nichts passieren kann. Ein anderes Kind (Anne Rietmeijer), das nur zehn Jahre alt werden wird, verweigert dagegen trotzig das Lernen. Menschliches Tun scheint ohne den Horizont einer ungewissen Endlichkeit Sinn und Triftigkeit, aber auch jede Erfülltheit zu verlieren: Gina Haller, Dominik Dos-Reis und Marius Huth spielen mit verzweifelter Komik Duell- und Mordsituationen durch und beklagen die Wiederkehr ihres immer gleichen Tagesablaufs.

Nicht nur die Allgegenwart des Todes in Corona-Zeiten, sondern auch die Sehnsucht zahlreicher Bürger nach Sicherheit und autoritärer Führung spiegelt sich offensichtlich in Canettis Dystopie. Regisseur Johan Simons macht seine in unterschiedliche Rottönen gekleideten Befristeten allerdings keineswegs zu Duckmäusern. Das Wissen um die Lebenserwartung rechtfertigen sie rational als Erfolg des technologischen Fortschritts und blicken mit Verachtung auf frühere Zeiten. Spielerisch lässt Simons das Ensemble mit farbig gekennzeichneten Holzlatten zur Abstandsmessung hantieren. Dass sich die coronesken Abstandsregeln mit von uns bereits internalisierten Distanzformen verbinden und in unseren Habitus als zivilisatorischer „Fortschritt“ einfräsen könnten, ist ja durchaus zu befürchten.

Im Schatten des Bruders

Wie in jedem guten Science-Fiction-Roman gibt es auch bei Canetti den Häretiker und Zweifler, hier „Fünfzig“ (Stefan Hunstein) genannt. Er fragt dem Kapselan rabulistisch ein Loch in den Bauch, immer auf der Suche nach Widersprüchen, wird zum Tod verurteilt, wieder begnadigt – und hat damit den Beweis für die Willkürlichkeit der angeblich feststehenden Lebenserwartung. Was Intimität in Corona-Zeiten auf der Bühne auch bedeuten kann, zeigen seine über den ganzen Abend verstreuten Gespräche mit seinem bedächtigen und skeptischen Freund (Elsie de Brauw). Auch er ist ein Außenseiter, allerdings aus anderem Grund: Er hat sich in dem emotional erkalteten dystopischen Setting die Trauer um seine Schwester bewahrt, die mit zwölf Jahren sterben sollte, aber verschwunden ist – und die nun, Johans Simons’ schönste Erfindung des Abends, als Untote (Mercy Dorcas Otieno) im Schatten ihres Bruders, mal frei beweglich durch die Szenen geistert.

Die Revolution von Fünfzig, der vom Kapselan als neuer Priester mit weißem Gewand und Fez ausgestattet wird, erweist sich als Rohrkrepierer. Der Aufstand der Bürger endet in totaler Verunsicherung und Chaos, in dem Risto Kübar brutal sein Knie auf Gina Hallers Hals drückt (die Infektionsgemeinschaft der beiden macht’s möglich) und damit den Mord an George Floyd zitiert. Es ist ihre Offenheit und Durchlässigkeit für die Gegenwart, ihr Gestus des Fragens und die ästhetische Zurückhaltung, die Johan Simons’ Inszenierung letztlich sehenswert macht.

Info

Die Befristeten Johan Simons (Regie), Schauspielhaus Bochum, 20., 21. und 26. Juni

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06:00 27.06.2020

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